Osnabrück Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt: „In Sekundenschnelle lief mein Leben an mir vorbei“
Die Praxis von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist die Top-Adresse für Spitzensportler und Entertainer. Auch der FC Bayern und das DFB-Team vertrauen auf ihn. Im Interview sagt er, wie er mit den Händen arbeitet, wie er es mit Homöopathie hält, warum er mit 82 noch arbeitet – und wann er sich dem Tod nahe fühlte.
Seine Patienten sind Sportstars wie Felix Neureuther, Olympiasieger Usain Bolt und Basketballweltmeister Dennis Schröder, Hollywood-Größen wie Schauspieler Javier Bardem oder Rockmusiker-Legende Bono, Sänger Herbert Grönemeyer, Staatsoberhäupter und auch Weltmeister Basti Schweinsteiger. Seit 50 Jahren vertrauen Patienten wie sie ihre Gesundheit Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt an – ohne Wenn und Aber. Doch was macht seine Art der medizinischen Behandlung aus? Wie hat er Olympia 2024 in Paris erlebt? Und wovor hat er Angst? Darüber spricht Müller-Wohlfahrt im Interview mit unserer Redaktion.
Frage: Was hat Sie dazu bewegt, in diesem Jahr Athleten bei den Olympischen Spielen in Paris zu behandeln?
Antwort: Unabhängig voneinander hatte mich eine Vielzahl von Sportlern gefragt, ob ich nach Paris käme. Ich habe dann bereits im Februar recherchiert, ob es in Paris überhaupt für gute zwei Wochen noch Platzkapazitäten gäbe, auch zur Unterbringung meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ich wollte mir meinen Herzenswunsch erfüllen. Die voraussichtlichen Gesamtkosten dafür fielen unerwartet hoch aus. Durch einen Zufall hörte der Adidas-Vorstandsvorsitzende Bjørn Gulden von meinen Plänen und half mir. Adidas hatte bereits Hotelzimmer gebucht und ein Parkhaus in ein wunderbares Begegnungszentrum umgebaut. Dort bekamen wir einen Behandlungsraum zur Verfügung gestellt, sodass wir sehr vielen Sportlerinnen und Sportlern vor Ort helfen konnten. Es machte die Runde. „Der Doc ist da.“
Frage: Wie lange sind Sie schon als Arzt tätig?
Antwort: Im Spitzensport im 50. Jahr, gefühlt immer mit Vollgas.
Frage: Wo waren Sie in letzter Zeit beruflich unterwegs?
Antwort: Unter anderem in Paris, kurzfristig in Italien, San Francisco, Los Angeles, Las Vegas, Abu Dhabi und Doha.
Frage: Wie halten Sie das mit 82 Jahren durch?
Antwort: Letztendlich läuft alles auf Disziplin hinaus. Das war bei uns zu Hause immer das große Thema. Und wenn ich in der Nacht sechs bis sieben Stunden schlafen kann und so oft wie möglich die von mir entwickelte Power-Infusion bekomme, dann fühle ich mich gut und leistungsfähig. Übrigens als ich früher meinem Vater sagte, ich wolle Arzt werden, war er strikt dagegen. Er hatte schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht, er fand, sie würden sich wie „Halbgötter in Weiß“ benehmen und ich bekam von ihm zum Studium keinen Pfennig.
Antwort: So ging ich freiwillig zur Bundeswehr, um Offizier zu werden und dann nach dem Ausscheiden aus dem Dienst eine Abfindung zu bekommen. Sie war die Basis zur Finanzierung meines Studiums in Kiel, Innsbruck und Berlin. Noch während meiner Facharztausbildung bei Prof. Hofmeister im RVK in Berlin wurde ich Mannschaftsarzt bei Hertha BSC. Im zweiten Jahr wurde der FC Bayern auf mich aufmerksam und lud mich in die Säbener Straße ein.
Frage: Und Sie stellten sich dann in München vor?
Antwort: Ja, aber eigentlich wollte ich nicht aus Berlin weggehen, ich war schon auf der Suche nach Praxisräumen. In München warteten im Konferenzraum des FCB der Präsident, Wilhelm Neudecker, der Manager Robert Schwan und der Trainer, Detmar Cramer – allesamt wirklich große und prägende Figuren im europäischen Fußball. Das Treffen hat fünf Minuten gedauert, per Handschlag wurde ich Mannschaftsarzt beim FCB. Heute ginge das sicher nicht mehr so vonstatten. Aber wir hatten alle Vertrauen zueinander. Und es gab nie einen Vertrag, ich wollte und will mich immer frei und unabhängig in meiner Medizin verwirklichen.
Frage: Wer war der erste Top-Sportler, den Sie individuell betreut haben?
Antwort: Das war der französische Tennisspieler Yannick Noah, damals Nummer Zwei in der Weltrangliste und ein Held in Frankreich, er hatte chronische Achillessehnen-Beschwerden. Ich konnte ihm helfen. Das sprach sich in der internationalen Sport-Szene herum. In Paris konnte ich während der Olympischen Spiele nur zum 100-Meter-Finale der Männer gehen, ich fand darüber hinaus leider keine Zeit, weitere Wettkämpfe zu erleben. Und wer sitzt im Stadion zufällig hinter mir und tippt mir auf die Schulter? Yannick Noah war immer noch so dankbar, dass ich ihm damals nachhaltig helfen konnte.
Frage: Sie sind berühmt dafür, dass Sie heilende Hände haben, Sie haben auch ein Buch geschrieben mit dem Titel „Mit den Händen sehen“ …
Antwort: Nationale und internationale Sportler aus vielen Disziplinen sagen: „Was Du kannst, kann bei uns keiner.“ Ich verlasse mich nicht auf die Kernspintomografie, ich suche die Schwachstellen und Verletzungen mit meinen Händen. Die Diagnosen sind praxisnah, die theoretische Kernspindiagnose ist grade bei Muskelverletzungen oft falsch. Zudem vertraue ich auf die Homöopathie und die biologische Medizin, dafür wurde ich über Jahrzehnte belächelt oder gar verunglimpft. Das hat sich aber kolossal geändert.
Frage: Haben Sie eine Vorstellung, wie viele Patienten Sie – neben Prominenten wie Bono, Franz Beckenbauer, Maradona, Usain Bolt, Eric Clapton, Boris Becker – bis heute behandelt haben?
Antwort: Nein, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich immer überdurchschnittlich viel gearbeitet und sehr, sehr wenig Urlaub gemacht habe. Und dies ist bis heute so geblieben.
Frage: Wie hat sich aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren die Medizin entwickelt?
Antwort: Als ich mit meiner ärztlichen Tätigkeit begann, gab es weder eine Ultraschalluntersuchungstechnik in der Orthopädie noch die Kernspintomografie, ich war also auf meine Hände angewiesen. Und ich meine, wenn man zum Beispiel einmal einen Muskelfaserriss ertastet und die Eindrücke und den Befund im Gedächtnis gespeichert hat und wieder abrufen kann, dann hat man einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht. In der Sportmedizin sehe ich keine wirklichen Fortschritte.
Antwort: Es fehlt die klinisch praktische Ausbildung und es fehlt die Zeit, Erfahrungen zu sammeln und das notwendige Selbstvertrauen zu entwickeln. Junge Ärzte haben oft nicht die Stärke, ihren Händen zu vertrauen. Sie setzen meistens auf die Kernspinuntersuchung und geben die Verantwortung gerne an die Technik ab. Wenn aber ein Spieler auf dem Spielfeld zum Beispiel wegen einer Muskelverletzung zu Boden geht, muss der Mannschaftsarzt im Grunde in wenigen Augenblicken eine Diagnose stellen können. Oder spätestens in der Kabine, um dem Trainer und Verein eine Diagnose mitzuteilen, die dann auch Bestand hat. Allzu oft heißt es stattdessen: Muskelprobleme.
Frage: Sind Sie nie nervös, wenn Sie etwa einen Oscar-Gewinner oder einen US-Eishockey-Megastar behandeln?
Antwort: Nein, ich bin mir meiner Sache sicher und weiß mit jeder Herausforderung umzugehen. Das spüren die Patientinnen und Patienten. Ich bemühe mich stets eine sehr enge Bindung zu Ihnen aufzubauen und durch gezielte Fragen bei deren Untersuchung ihr Vertrauen zu erwerben.
Frage: Patienten und Patientinnen sind bei Ihnen keine Nummer?
Antwort: Vor Beginn einer Untersuchung bitte ich die Patienten ihre Krankengeschichte zu erzählen und höre ihnen lange und geduldig zu. Danach erfolgt eine Ganzkörperuntersuchung. Diese Gründlichkeit und Zuwendung erfährt jeder Patient. Niemand – ob prominent oder nicht – ist eine Nummer. Jeder leidende oder verletzte Patient hat eine besondere Achtung verdient.
Frage: Sie haben auch eigene Medikamente entwickelt.
Antwort: Als ich in den siebziger Jahren Franz Beckenbauer bei Cosmos in New York behandelt habe, bemerkte ich, dass die Amerikaner die sogenannten freien Radikalen zum Thema gemacht und Antioxidantien, also Radikalfänger, entwickelt hatten. Ich habe später selbst Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt gebracht. Ich arbeitete immer wieder an der Zusammensetzung meiner Ergänzungsmittel, um den Organismus zu schützen und das Bindegewebe zu stärken und sie sind jetzt erneut optimiert, bevor sie Anfang 2025 zu haben sind. Die Mittel sind übrigens bewusst niedrig dosiert und sollen Defiziten vorbeugen. Von sogenannten Megadosen halte ich nichts.
Frage: Sind Sie jetzt in einem Alter, da man sich zur Ruhe setzen könnte …
Antwort: … Ja, schon, aber daran kann ich nicht denken. Der Beruf ist meine Erfüllung, er übt eine Faszination auf mich aus. Viele meiner Patienten sind eine Herausforderung, sie kommen oft von weit her, haben alles probiert, nichts hat funktioniert. Ich trage also eine hohe Verantwortung und muss die enorme Erwartungshaltung der Patienten erfüllen. Das spornt meinen Ehrgeiz an. Eine ganz besondere Aufgabe stellt die Behandlung der Migränepatienten dar. Mit den über Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen in der Wirbelsäulen-Behandlung habe ich schließlich eine Therapie entwickelt, mit der ich den Migräneschmerz ohne Schmerzmittel beseitigen kann.
Frage: Gehen Sie abends immer erfüllt nach Hause?
Antwort: Ich kann mich nicht erinnern, schlecht gelaunt nach Hause gegangen zu sein.
Frage: Waren Sie schon einmal in einer Situation, da Sie dachten, „jetzt wird es aber eng“ …
Antwort: … Franz Beckenbauer war mit der Nationalmannschaft am Comer See in Italien und wollte mich unbedingt auch zur Nationalmannschaft holen, DFB-Präsident Neuberger sagte aber, „entweder Nationalmannschaft oder Bayern München.“ Franz meinte dann mit einem Augenzwinkern: „Mull, lass‘ ihn reden. Wenn wir Dich brauchen, geb‘ ich Bescheid und Du kommst an den Comer See.“ Der clevere Franz hat immer diesen Optimismus, diese Schläue, diese Lässigkeit, „das klappt schon“ verkörpert. Und es klappte halt.
Frage: Haben Sie einmal Angst gehabt?
Antwort: Ich war in einem kleinen Flieger auf dem Weg zur Nationalmannschaft. Der Pilot hatte gerade den Landeanflug nach Lugano eingeleitet, da schlägt plötzlich das Wetter um. Der Himmel schwarz, Hagel, Orkanböen, rings herum hohe Berge, ich dachte, das war es jetzt, es soll so sein. In Sekundenschnelle lief mein Leben an mir vorbei, wie im Film. Aber ich hatte keine Angst.