Schutzgebiet Emsmarsch Strenge Auflagen – wird es Ausnahmen geben?
Gut 1500 Hektar an der Ems sollen unter Schutz gestellt werden. Es gibt Kritik, vor allem von Landwirten. Der Landkreis Leer stellt Erleichterungen in Aussicht.
Leer - Das geplante Landschaftsschutzgebiet Emsmarschen hat in den vergangenen Wochen für Diskussionen im Landkreis Leer und in der Stadt Emden gesorgt. Vor allem Landwirte, die ihre Betriebe auf den gut 1500 Hektar haben, die zwischen Emden und Tergast ausgewiesen werden sollen, haben die geplanten Auflagen kritisiert. Dazu hatte die CDU im Kreistag Leer viele Fragen – die Verwaltung antwortete darauf.
Demnach ist doch mit Lockerungen bei den Schutzauflagen zu rechnen. Maria Bunger, stellvertretende Leiterin des Umweltamtes des Landkreises Leer, berichtete von Lösungen, die in einer Arbeitsgruppe erörtert wurden. Dabei geht es unter anderem um Einschränkungen bei der Bewirtschaftung. Bisher sieht der Entwurf für Verordnung vor, dass eine Bodenbearbeitung und Mahd vom 15. März bis 31. Mai untersagt wird.
Bedeutung der Landwirtschaft anerkannt
Nicht nur die CDU sieht damit eine auskömmliche Bewirtschaftung des Weidelandes gefährdet. Die Gemeinde Moormerland, in deren Gebiet ein Großteil des Schutzgebietes liegt, hatte bereits in einer Stellungnahme festgehalten, dass der Bestand der bäuerlichen Betriebe durch die Auflagen gefährdet sei.
Das sieht offenbar auch die Kreisverwaltung ganz ähnlich. Im Ausschuss für Kreisentwicklung, Umwelt, Natur, Verkehr und Klima erklärte Bunger auf die Anfrage der CDU, dass sie bereits gegenüber dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) deutlich gemacht habe, dass dieses Verbot „mit der Bedeutung für die Landwirtschaft ausgeschlossen“ werde.
Individuelle Lösungen möglich?
Vor dem 1. März sei es wegen der Bodenverhältnisse unmöglich, mit Maschinen auf die emsnahen Flächen zu kommen, so Bunger weiter. In einer Arbeitsgruppe, der neben Vertretern der Landkreise Leer und Aurich, der Stadt Emden, NLWKN und des Landwirtschaftlichen Hauptvereins weitere landwirtschaftliche Berater angehören, werde darüber diskutiert, dass Ausnahmen möglich sein müssten. Laut Bunger wäre die Voraussetzung dafür, dass die betroffenen Landwirte einen Bewirtschaftungsplan vorlegen.
Dieser müsse jedoch sicherstellen, dass die Landschaftsschutzziele trotzdem in der Summe erreicht werden. „Damit wäre es rechtskonform, aber individueller zu gestalten“, sagte Bunger. Eine von der CDU vorgeschlagene Betroffenheitsanalyse, bei der untersucht würde, wie sich die Auflagen auf die wirtschaftliche Situation der Landwirte auswirkt, hielt sie dagegen für nicht notwendig.
„Eine solche Analyse wurde für das Schutzgebiet Fehntjer Tief gemacht“, sagte Bunger, doch die Aussagen hätten keinen wirklichen Mehrwert gebracht. „Damit haben wir keine guten Erfahrungen gemacht“, unterstrich die Erste Kreisrätin Jenny Daun. Im Ausschuss KUNVK wurde darüber abgestimmt, doch das Anliegen der CDU auf Betroffenheitsanalyse wurde mit sechs Nein- gegen vier Ja-Stimmen abgelehnt. Abschließend wird jedoch noch der Kreisausschuss, dem die Spitzen der Fraktionen angehören, dazu beraten.
So läuft der Kükenschutz im Rheiderland
Zur Anfrage der CDU gehörte außerdem der Wunsch nach einem Bericht über den Gelege- und Kükenschutz, der seit 2011 im Rheiderland praktiziert wird, offenbar mit dem Hintergrund, diesen auch im Schutzgebiet Emsmarschen umzusetzen. Für die Wiesenvögel, die in dem neuen Landschaftsschutzgebiet besonders hervorgehoben werden, habe dieses Projekt durchaus einen guten Erfolg erzielt, berichtete Hartmut Andretzke, Fachgutachter für Naturschutzfragen vom Büro Bias auf Norderney.
Für den Schutz von Gelegen und Küken der gefährdeten Arten ist die freiwillige Beteiligung der Landwirte eine Voraussetzung. „Die Mehrheit der Betriebe im Rheiderland macht mit“, sagte Andretzke. Es gebe jedoch auch Landwirte, die das für ihre gesamten Ländereien ablehnen. Mit den Beteiligten sei die Zusammenarbeit aber mittlerweile eingespielt und „sehr angenehm“. Bevor im Frühjahr die Mähmaschinen über das Grünland rollen, werden die gesamten Flächen auf Nester abgesucht.
Hauptfeind ist der Rotfuchs
Dabei werden mittlerweile auch Drohnen eingesetzt, so Andretzke. Die Nester werden dann markiert oder Küken mit niedrigen Zäunen umgeben. Allerdings seien die Wiesenvögel fast alle Nestflüchter – sie bleiben nicht unbedingt an der markierten Stelle. Deshalb habe der Gelegeschutz mehr Erfolg als der Kükenschutz. Einige Ausschussmitglieder äußerten die Überzeugung, dass vor allem Krähen der Küken Tod seien. Doch da widersprach Andretzke.
Ja, vor allem Küken würden von Prädatoren gefressen, so der Fachgutachter: „Das ist nun mal Natur.“ Aber keineswegs seien dabei Krähen die Übeltäter: „Es sind fast ausschließlich nachtaktive Säugetiere.“ Vor allem der Rotfuchs sei im Rheiderland für den Tod zahlreicher Wiesenbrüterküken verantwortlich, das habe die Auswertung von Wildkameras belegt, sagte Andretzke. Saatkrähen seien Vegetarier und fräßen gar keine Küken.
Leider, das führte er zudem aus, reiche der Gelege- und Kükenschutz trotz der dokumentierten Erfolge nicht, um einen guten Erhaltungsbestand für die gefährdeten Arten zu sichern. Zwar hätten sich die Bestände von Austernfischer, Kiebitz, Uferschnepfe und Rotschenkel über die vergangenen Jahre stabilisiert, aber die Zahl der Brutpaare sei deutlich kleiner als noch in den 90er Jahren. Beim Rotschenkel war Andretzkes Angaben zufolge 2018 beinahe der bestandserhaltende Bruterfolg erreicht, doch in den vergangenen fünf Jahren wurde dieser Wert nicht mehr erreicht.
Zu wenige Kiebitzküken überleben
Deutlich zu gering sind die Bruterfolge demnach beim Kiebitz. Hier wird der bestandserhaltende Wert nicht mal zur Hälfte erreicht und die Zahlen stagnieren. Um einen Bruterfolg zu erzielen, der den Erhalt der Art sichert, seien mehr Veränderungen notwendig. Die Beweidung von Grünland und die Mahd seien zwar die Voraussetzungen, dass die Wiesenvögel überhaupt brüten könnten. „Aber sie brauchen Bodenverhältnisse wie in den 50er Jahren“, sagte Andretzke.
Versuchsweise werde auf zehn kleinen Flächen eine Vernässung erprobt. Damit soll erreicht werden, dass blütenreiche Wiesen entstehen, auf denen sich Insekten einstellen. Diese sind die Nahrung für die Wiesenvögel: „Ein erwachsene Vogel braucht mehrere tausend Insekten pro Tag, um zu überleben“, machte Andretzke deutlich. Den Versuch mit Vernässung würde man gerne ausdehnen, aber es sei klar, dass dies ein „großes Entgegenkommen“ der Landwirte voraussetze. Auf den Flächen sei mit weniger Ertrag zu rechnen.