Analyse zur Gleichberechtigung Hausfrau in Vollzeit – eine traditionelle Rolle in Ostfriesland
Stehen von 100 Frauen in Ostfriesland mehr als sieben am Herd? Als Hausfrauen. In Vollzeit. Amtliche Statistiken lassen Rückschlüsse zu, wie die Rollen zwischen Männern und Frauen verteilt sind.
Ostfriesland - Hausfrauen haben seit jeher viel geleistet! Für ihre Familien, für die Gesellschaft. Und das tendenziell, ohne dass ihre Arbeit von der Allgemeinheit angemessen anerkannt, geschweige denn monetär gewürdigt worden wäre – auch und gerade mit Blick auf die Altersversorgung.
Das Hausfrauendasein ist für Frauen nicht zum Synonym für eine volkswirtschaftliche Leistung geworden, sondern zum Symbol ihrer Unterdrückung. Deutschland liegt aktuell auf Rang 7 im Gleichberechtigungs-Ranking des Weltwirtschaftsforums (Global Gender Gap 2024), „einer gemeinnützige Stiftung“ (Bundesregierung) mit Sitz in der Schweiz. Aber sogar Nicaragua, das als eines der ärmsten Länder Lateinamerikas gilt, ist besser platziert.
Frauenarbeit erlaubt – unter Wahrung der ehelichen Pflichten
Es kann einem also durchaus schleierhaft sein, warum zuweilen das christliche Abendland bezüglich Frauenrechten gegen islamisch geprägte Gesellschaften in Stellung gebracht wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es noch mehr als zehn Jahre, ehe die deutsche Frau nicht mehr von einer Art Taschengeld ihres Ehemanns leben musste – dem Haushaltsgeld.
1958 trat das „Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts“ in Kraft. Erst dadurch wurde es Frauen möglich, ein eigenes Bankkonto zu eröffnen. Die deutsche Ehefrau darf seither sogar gegen den Willen ihres Mannes arbeiten – allerdings zunächst nur mit gesetzlich definierten Einschränkungen: „Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“
Wie ostfriesische Hausfrauen in amtlichen Statistiken stecken
Ungefähr 67 Jahre später gibt es immer noch Grund, der Frage nachzugehen, wie es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland und insbesondere in Ostfriesland bestellt ist. Der Autor dieser Analyse hat kürzlich auf Grundlage des „Gleichwertigkeitsberichts 2024“ der Bundesregierung und weiterer Statistiken festgestellt, dass die Arbeitsbedingungen im Nordwesten der Republik besonders frauenfeindlich sind: Arbeitnehmerinnen in den Landkreisen Leer, Aurich und Wittmund haben beispielsweise im Mittel ein noch niedrigeres Arbeitseinkommen als Frauen in anderen Regionen, wo Frauen ebenfalls diskriminiert und schlechter als Männer entlohnt werden.
Zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung konnte die Frage, wie viele Frauen in Ostfriesland überhaupt erwerbstätig sind, noch nicht beantwortet werden. Die weitere Recherche macht das jedoch möglich (Analyse folgt in Kürze) – und sogar noch mehr: Es lässt sich sogar näherungsweise berechnen, wie viele Frauen in Ostfriesland ein Hausfrauendasein fristen oder ausleben – je nachdem, wie man(n) das betrachtet.
Wie Männer in Überzahl geraten, obwohl sie in der Unterzahl sind
Bei der Auswertung der aktuellsten Zahlen – Stand: 15. Mai 2022 – aus der Zensus-Datenbank der Statistikämter des Bundes und der Länder fällt Folgendes auf: Es leben mehr Frauen (230.710) als Männer (223.200) in Ostfriesland, aber die Männer sind sowohl bei den Erwerbstätigen (116.190 zu 103.750) als auch bei den Erwerbslosen (7000 zu 6300) in der Überzahl. Wie kann das sein?
Erwerbstätige und Erwerbslose bilden die Gruppe der Erwerbspersonen. Dazu zählen laut Definition der Bundeszentrale für politische Bildung „alle Arbeitnehmer in einem Arbeitsverhältnis, die Selbstständigen und die Angehörigen der freien Berufe, sowie die Erwerbslosen, das heißt die Arbeitslosen, die einen Arbeitsplatz suchen, unabhängig davon, ob sie bei der Agentur für Arbeit gemeldet sind oder nicht“. Alle anderen Einwohnerinnen und Einwohner sind demnach „Nichterwerbspersonen, die keinerlei auf Erwerb gerichtete Tätigkeit ausüben oder suchen, zum Beispiel Kinder, Schüler, Studenten, ältere Personen und“ – Achtung – „Frauen oder Männer, die ausschließlich im eigenen Haushalt tätig sind“.
So viele Frauen in Ostfriesland sind in Vollzeit Hausfrau
Wenn es wie in Ostfriesland also mehr männliche als weibliche Erwerbspersonen gibt, aber mehr Frauen als Männer in der Bevölkerung, dann könnte das folgenden Grund haben: Dass Mädchen in der Altersgruppe bis 15 Jahre gegenüber den Jungs noch krasser in der Überzahl sind als die Frauen über alle Altersklassen hinweg. Ein Blick in die Altersstatistik zeigt jedoch, dass es sogar umgekehrt ist: Entgegen dem gesamtgesellschaftlichen Verhältnis sind Jungs in der Überzahl.
Berechenbar ist, dass es gut 17.000 weibliche Erwerbspersonen mehr gäbe – wenn es bezogen auf die Frauen in der Bevölkerung prozentual genauso viele Erwerbspersonen gäbe wie prozentual bei den Männern. Das lässt sich so interpretieren, dass ungefähr 17.000 Frauen in Ostfriesland in Vollzeit Hausfrau sind. Das wären knapp 7,5 Prozent der Frauen (Mädchen und Seniorinnen inklusive) in den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der Stadt Emden. Tendenziell könnten es sogar noch mehr sein, weil es mehr männliche als weibliche Kinder und Jugendliche gibt, die statistisch den Männer-Anteil an den Erwerbspersonen drücken.
Männer und Frauen in Ostfriesland – berufstätig ist nicht gleich berufstätig
Wie viele Frauen unter den Erwerbspersonen oder gar unter der Teilgruppe der Erwerbstätigen zusätzlich auch noch den Haushalt oder schwerpunktmäßig den Haushalt machen, dass lässt sich aus den vorliegenden Statistiken nicht ermitteln. Die Zahl der erwerbstätigen Frauen, die über ihren Job hinaus viel Hausarbeit leisten, dürfte jedoch größer sein als die der Männer. Das kann aufgrund des Umfangs der beruflichen Tätigkeiten vermutet werden.
Bereits in der Analyse über die besonders frauenfeindlichen Arbeitsbedingungen in Ostfriesland ist festgestellt worden, dass mehr Frauen als Männer in Teilzeit beschäftigt sind: Der Frauen-Anteil an den Teilzeitbeschäftigten lag zum 31. März 2024 bei mehr als 82 Prozent. Zudem war der Frauen-Anteil an der Personengruppe, die ausschließlich einen Mini-Job hat, bei 65,1 Prozent.
Rund 67 Jahre, nachdem das deutsche Gleichberechtigungsgesetz in Kraft trat, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen verbesserungsfähig. Gibt es auch noch Ehefrauen in Ostfriesland, die kein eigenes Bankkonto haben?
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