Melle  Experten antworten: Woran bemerke ich Demenz und wie gehe ich damit um?

Vincent Buß
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Von Vincent Buß
| 15.11.2024 11:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz. Foto: dpa/Sebastian Kahnert
Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz. Foto: dpa/Sebastian Kahnert
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An welchen Symptomen ist Demenz zu erkennen? Wie gehe ich als Betroffener oder Angehöriger damit um? Experten der Alzheimer-Gesellschaft Melle sowie der Niels-Stensen-Kliniken klären auf.

Mit dem Krankheitsbild Demenz kennen sich Ralf Dittrich und Heiko Grube aus. Dittrich ist Direktor der Klinik für Neurologie im Marienhospital Osnabrück der Niels-Stensen-Kliniken, Grube ist Vorsitzender der Alzheimer-Gesellschaft Melle. Sie beantworten die wichtigsten Fragen, die sich Betroffene und Angehörige zum Thema Demenz stellen.

Unter dem Begriff Demenz wird eine Gruppe von Erkrankungen bezeichnet, wie Ralf Dittrich erklärt. Diese schränken die Leistungsfähigkeit des Gehirns ein, meist als fortschreitender Prozess. Die Ursachen sind vielfältig.

Bei der Alzheimer-Demenz – laut Dittrich die häufigste Form – stören Eiweißablagerungen die Kommunikation zwischen den Nervenzellen, also das Netzwerk des Gehirns. Andere Ursachen sind ihm zufolge akute oder chronische Durchblutungsstörungen, wodurch Nervenzellen zerstört werden und das Gehirn weniger leistungsfähig wird. Zudem kann eine Demenz auch durch andere chronische Gehirnerkrankungen wie etwa Parkinson auftreten, wie Dittrich ergänzt.

Aus der Arbeit der Alzheimer-Gesellschaft Melle berichtet Heiko Grube, dass Alzheimer-Demenz ein schleichender Prozess sei – im Gegensatz zur Demenz durch Gehirnverletzungen. „Auch, wenn Menschen ihre gewohnte, sichere Umgebung verlassen, kann ein starker Demenz-Schub einsetzen.“ Beispielsweise bei Krankenhaus-Aufenthalten.

Vielen Betroffenen sei die Demenz gar nicht bewusst, sagt Dittrich. Weil die Erkrankung eben schleichend voranschreite. „Außerdem möchte niemand krank sein und gerade die Demenz hat ein negatives Image, sodass die Erkrankung häufig verdrängt wird.“

Wobei die Auffassung von Demenz laut Dittrich heutzutage eine andere ist. „Früher waren die Leute einfach ‚schusselig‘ oder ‚tüddelig‘“, erzählt er. Heute würden diese Symptome als Teil einer Erkrankung wahrgenommen.

Grube rät, nicht gleich in Panik zu verfallen. „Alle Menschen vergessen mal was, das bedeutet nicht sofort, dement zu sein.“ Um Sicherheit zu haben, sollte die Erkrankung von einem Arzt diagnostiziert werden.

Angehörige bemerken die Symptome meist früher als die Erkrankten, wie Dittrich feststellt. Meist ist ihm zufolge das Kurzzeitgedächtnis betroffen: Termine oder Dinge, die erst vor Kurzem gesagt wurden, werden vergessen. Im weiteren Verlauf der Demenz fällt laut Dittrich der Alltag schwerer, beispielsweise Einkaufen, Finanzen organisieren, Urlaub planen. Als Folge nehmen die Menschen weniger am Sozialleben teil.

Grube beobachtet bei Betroffenen zudem Wortfindungsstörungen. „Oft stellen Betroffene auch immer wieder die gleichen Fragen“, berichtet er. Das kausale und logische Denkvermögen lasse zudem nach, die Orientierung werde schlechter. Demenzkranke erkennen laut Grube manche Personen nicht mehr – teilweise sogar sich selbst im Spiegel nicht mehr. Auch die Persönlichkeit könne sich verändern, von Stimmungsschwankungen bis hin zu Aggressivität.

Dittrich rät, Betroffene dazu zu ermutigen, sich dem Alltag zu stellen. „Aber man sollte nicht versuchen, die Defizite unter allen Umständen korrigieren zu wollen.“ Die Demenz als fortschreitende Erkrankung könne nicht durch Gedächtnistraining aufgehalten werden. Wichtig ist laut Dittrich, sich nicht über die Defizite der Betroffenen lustig zu machen. Stattdessen sollten Angehörige sie ermutigen, sich zu öffnen, sodass sie letztendlich Hilfe annehmen können.

Diese Ansicht teilt Grube. „Viele schämen sich für Demenz und fühlen sich stigmatisiert.“ Auch Angehörige würden die Betroffenen manchmal verstecken. Die Erkrankung darf laut Grube nicht zum Ausschluss – etwa aus dem Vereinsleben – führen.

Ebenso wenig sollten Betroffene wie kleine Kinder behandelt werden. Manche würden den Erkrankten nicht mehr angucken und nur noch über oder für ihn sprechen. Stattdessen solle man ihn jedoch selbst sprechen lassen. Ansonsten ziehe sich der Betroffene noch weiter zurück, werde womöglich sogar aggressiv und handgreiflich. „Oft ist die eigene Unsicherheit der Angehörigen das Problem“, beobachtet Grube. „Immerhin kannte man die betroffene Person lange Zeit anders.“

Die Alzheimer-Gesellschaft Melle will deshalb Angehörige unterstützen. So wird laut Grube Gesprächsführung geübt. Statt der überfordernden Frage „Was möchtest du morgen essen?“ empfiehlt Grube eine konkrete Ansage wie „Jetzt essen wir Kartoffeln“. Wenn ein Betroffener immer wieder dasselbe fragt, rät er Angehörigen, die Person anzusehen und an die Hand zu nehmen. Es hilft ihm zufolge auch, Erinnerungen auszulösen. „Wenn jemand beispielsweise Gärtner war, setzt man sich mit ihm in den Garten.“

Laut Grube stellen sich für Angehörige auch organisatorische Fragen. Zum Beispiel: Darf der Betroffene noch Auto fahren? Gibt es eine Vorsorgevollmacht? Er rät, diese Fragen frühzeitig zu klären. Für den Alltag empfiehlt er auch Visitenkarten, die Betroffene zum Beispiel am Bankschalter vorzeigen können, mit dem Hinweis: „Bitte haben Sie Geduld, ich habe Demenz.“

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