Umweltschutz an der Küste  Breites Bündnis gegen CO2-Speicherung in der Nordsee

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 13.11.2024 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Protest am Straßenrand: Ein breites Bündnis fordert in einem offenen Brief die Abgeordneten und den Bundesrat auf, die Novelle des Kohlendioxid-Speichergesetzes nicht zu beschließen. Foto: Molter/DPA
Protest am Straßenrand: Ein breites Bündnis fordert in einem offenen Brief die Abgeordneten und den Bundesrat auf, die Novelle des Kohlendioxid-Speichergesetzes nicht zu beschließen. Foto: Molter/DPA
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Es gibt Pläne, CO2 künftig unter der Nordsee zu lagern. Organisationen und Initiativen warnen in einem offenen Brief davor – auch ostfriesische Naturschützer sehen die Pläne kritisch.

Ostfriesland/Berlin - Mehr als 70 Organisationen und Bürgerinitiativen aus Deutschland und dem Ausland haben einen Appell gegen die nun auch in Deutschland geplante Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage, CCS) unter der Nordsee unterzeichnet. In einem offenen Brief fordern sie die Abgeordneten in Bundestag und Bundesrat auf, die geplante Novelle des Kohlendioxid-Speichergesetzes nicht zu beschließen. Mit dieser Novelle würden die Weichen dafür gestellt, mit Milliarden an Steuergeldern den Ausstieg aus fossilen Energien zu verschleppen oder sogar zu verhindern, teilten die Initiativen mit.

Einer der Unterzeichner ist der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Für Rolf Runge vom Regionalverband des BUND in Ostfriesland ist die Idee der CO2-Speicherung unter der Nordsee „sehr fragwürdig bis hirnrissig“. Um die Pläne umzusetzen, müsste ein gigantischer Aufwand getrieben werden, allein schon für das quer durch die Republik zu verlegende Leitungsnetz, um das CO2 einzusammeln, erläutert der Umweltschützer. Zwar witterten schon einige Leute etwa beim Ausbau des flächendeckenden Netzes ein großes Geschäft, aber am Ende könne vieles am Staat hängen bleiben. „Profitieren wird vor allem die fossile Industrie. Die Kosten in Milliardenhöhe muss die Gesellschaft tragen“, heißt es dazu auch in dem offenen Brief.

Transport mit Schiffen oder durch Leitungen

Mit der CO2-Speicherung ist die Abscheidung und unterirdische Lagerung von klimaschädlichem Kohlendioxid gemeint. Es entsteht etwa in Industrieanlagen und bei der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle. Mit energieintensiven Verfahren wird das Treibhausgas eingefangen, verflüssigt und dann etwa in den Meeresgrund gepresst und eingelagert. Das soll verhindern, dass das CO2 in die Atmosphäre gelangt und die Erderwärmung beschleunigt.

An der Küste stelle sich dann auch noch die Frage, wie das Kohlendioxid zu den Lagerstätten in der Nordsee gebracht werden solle, betont Runge. Letztlich blieben nur zwei Wege, entweder mit Schiffen durch das Fahrwasser oder mittels Leitungen durch das Wattenmeer, das sowieso schon von den Anbindungen der Offshore-Windparks durchschnitten werde. Dabei stehe der Welterbestatus des Wattenmeeres heute schon auf dem Prüfstand.

„Alles muss durch das Wattenmeer“

Die rasante Zunahme der Industrialisierung der Nordsee sieht auch Bernd Meyerer, Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative „Saubere Luft Ostfriesland“, kritisch: „Alles was auf der Nordsee stattfindet, muss vorher durch das Wattenmeer.“ Ständig würden neue Leitungen durch das sensible Ökosystem verlegt, und das ohne Konzept. Zudem sei die Nordsee durch Gasbohrungen ohnehin schon durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Wie dort große Mengen CO2 im Boden verpresst werden sollten, ohne dass es zu Leckagen komme, hält Meyerer für fragwürdig.

Die unterzeichnenden Organisationen des offenen Briefs fordern nicht nur, dass das Gesetz zur Änderung des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes nicht verabschiedet wird. Zudem müsse „gerade auch die Industrie“ schnellstmöglich aus Erdgas, Kohle und Erdöl aussteigen. Stattdessen solle alle Kraft unter anderem in Energieeinsparung, den naturverträglichen Ausbau der erneuerbaren Energien und eine ressourcenschonende Produktion gelegt werden.

Empfindliche Ökosysteme bedroht

Den Verzicht auf CCS in deutschen Gewässern fordert auch die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste in einer Stellungnahme zu dem den Parlamentariern vorliegenden Referentenentwurf. Die CO2-Speicherung im Untergrund der Nordsee berge unkalkulierbare Risiken und sei weder notwendig noch sicher. Bei einer möglichen Freisetzung von CO2 im Wasser seien empfindliche Ökosysteme wie Seegraswiesen oder Schlickgebiete bedroht. Der Ansatz der CCS-Technologie lenke von eigentlichen Klimazielen ab und unterstütze weiterhin die Nutzung fossiler Ressourcen, heißt es in dem Papier.

Die Bundesregierung hingegen hält Technologien wie CCS und CCU (die CO2-Verwertung) für notwendig, damit Deutschland das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2045 erreicht. In der Vergangenheit wurde immer wieder betont, dass die Vermeidung fossiler Energieträger weiterhin oberste Priorität habe.

Mit Material von DPA

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