Berlin  Margarita Broich: Als Mutter eines Vergewaltigers „dramatisch zerrissen“

Joachim Schmitz
|
Von Joachim Schmitz
| 15.11.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Schauspielerin Margarita Broich Foto: Jeanne Degraa
Schauspielerin Margarita Broich Foto: Jeanne Degraa
Artikel teilen:

Nächsten Mittwoch (20.11.) ist Margarita Broich im ARD-Drama „Bis zur Wahrheit“ (vorab in der Mediathek) als Mutter eines Vergewaltigers zu sehen. Beim Interview spricht sie über diesen Film, ihren Abschied vom „Tatort“ und wie es ist, den eigenen erwachsenen Kindern ihren ersten Ehemann vorzustellen, den sie mit knapp 60 geheiratet hat. Zu Beginn aber erzählt sie einen Witz.

Margarita Broich hat ein bewegtes Leben hinter sich - privat wie beruflich: Acht Jahre war sie mit dem legendären Dramatiker Heiner Müller zusammen, fast 30 Jahre mit ihrem Schauspielkollegen Martin Wuttke - geheiratet hat sie dann aber einen Rechtsanwalt. Beruflich war sie zehn Jahre lang an der Seite von Wolfram Koch Frankfurter Tatort-Kommissarin - nun ist sie noch mal zu neuen Ufern aufgebrochen und hat zusammen mit Maria Furtwängler einen bemerkenswerten Film gedreht. Unser Gespräch in einem Berliner Restaurant aber beginnt ganz anders als andere Interviews.

Frage: Frau Broich, Sie haben gerade Ihrem Sohn am Telefon einen Witz erzählt – würden Sie den für unsere Leser noch mal wiederholen?

Antwort: Natürlich: Zwei katholische Pastoren treffen sich, fragt der eine den anderen: Was meinst Du, werden wir das Ende des Zölibats noch erleben? Sagt der andere: Wir wahrscheinlich nicht mehr, aber vielleicht unsere Kinder.“

Frage: Der ist auf jeden besser als meine ursprüngliche Einstiegsfrage. Ich wollte von Ihnen wissen, ob Sie als langjährige Tatort-Kommissarin, die den Job an den Nagel gehängt hat, so etwas wie einen Phantomschmerz verspüren.

Antwort: Ja, besonders gegenüber meinen Partnern Wolfram Koch, Isaak Dentler und Zazie de Paris. Aber wir haben das ja auch beendet, um wieder mehr Zeit für andere Sachen zu haben. Man ist durch so eine Rolle ja schon ganz schön eingespannt und blockiert und wird nicht mehr so kunterbunt besetzt. Man landet in einer – wenn auch großen – Schublade. Und je älter ich werde, umso mehr Lust habe ich zum Beispiel auch, einfach mal morgens mit meinem Enkelkind an den Strand zu fahren.

Frage: Fühlen Sie sich etwa alt? Sie haben doch mal gesagt, wenn es keine Spiegel gäbe, wüssten Sie überhaupt nicht, wie alt Sie sind.

Antwort: Mittlerweile schon (lacht). Weil mir manchmal der Rücken weh tut. Im Inneren bleibt man ja ein Kind – aber dann denkt man manchmal: Wieso stehen die in der U-Bahn jetzt für mich auf? Und dann freue ich mich, weil ich gerne sitzen möchte.

Frage: Ihre Kindheit haben Sie ja in einem Franziskanerkloster verbracht, wo Ihr Vater als Arzt arbeitete.

Antwort: Ja, das war aus heutiger Sicht schon skurril.

Frage: Tatsächlich? Warum?

Antwort: Wenn ich Ihnen Fotos aus meiner Kindheit zeige, sehen Sie nur Mönche, meine Eltern und vielleicht noch mal eine Tante. Andererseits gab’s viel Natur, jede Menge Bäume, ich war den ganzen Tag draußen. Mein Elternhaus steht innerhalb dieser Klostermauern und mein Vater war Chefarzt in der Lungenklinik der Franziskaner. Dieses Kloster war relativ autark – alle unsere Möbel waren aus der Schreinerei, alle Blumen kamen aus der Gärtnerei, die hatten Tiere und Gemüse. Neulich war ich nochmal da, heute gibt es nur noch 15 Mönche statt 70 wie damals.

Frage: Wie lange haben Sie dort gelebt?

Antwort: Die ersten zehn Jahre, dann sind wir runter ins Dorf gezogen, 500 Meter außerhalb der Mauern. Aber wir sind jeden Sonntag in die Kirche gegangen, ich komme aus einem ganz katholischen Elternhaus. Und dann erzähle ich Ihnen ausgerechnet diesen Witz – auweia (lacht). Aber ich bin ja relativ früh aus der Kirche ausgetreten; als hier in Berlin in den Achtzigerjahren so viele Freunde an Aids starben und mein Papst in Afrika die Kondome verboten hat, ist mir die Hutschnur hochgegangen. Ich habe dann das, was ich bis dahin an Kirchensteuer gezahlt hatte, eins zu eins an die Deutsche Aidshilfe überwiesen. So ganz wird man diese katholische Prägung aber doch nicht los. Wenn’s mir wahnsinnig gut geht und alles herrlich ist, habe ich schnell das Gefühl, dass ich gleich was auf den Kopf kriege, weil ich dafür büßen muss.

Frage: Sie haben ja vor fünf Jahren zum ersten Mal geheiratet – auch kirchlich?

Antwort: Ja, zunächst auf den Wunsch meines Mannes hin. Für mich war das eher fern. Aber ich habe meine Liebe zu unserer Pastorin Susanne Zingel entdeckt. Und dann waren wir in Keitum auf Sylt in dieser evangelischen Kirche aus dem 13. Jahrhundert, in der es einen fantastischen Organisten und einen großartigen Countertenor gibt. Und eben Frau Zingel, die ist klug, witzig und eine beeindruckende Theologin. 

Frage: Und die hat sie getraut?

Antwort: Wir wollten sie uns eigentlich „ausleihen“ und mit ihr und vielen Freunden in Berlin kirchlich heiraten, aber dann mussten wir wegen Corona alles absagen. Schließlich haben wir in Keitum zu fünft, mit Frau Zingel, dem Organisten und dem Countertenor geheiratet. Es war wunderschön, so innig und ich hatte ein weißes Kleid an (lacht). Also, ich bin zwar nicht heimgekehrt, aber eine andere Tür ist aufgegangen.

Frage: Sie haben Ihren Mann ja im Flugzeug kennengelernt – wissen Sie noch, auf welchem Flug das war?

Antwort: Frankfurt-Berlin, 7a und 7b – das waren unsere Sitze. Wir haben uns sehr gut unterhalten in dieser Stunde und uns dann erst mal zwei, drei Monate sehr nett geschrieben.

Frage: Es war also nicht so, dass Sie beim Aussteigen aus dem Flieger wussten, dass er der Mann ist, den Sie mal heiraten werden?

Antwort: Das nicht, aber wir haben beide danach – er einem Freund und ich einer Freundin – erzählt, wir hätten da jemanden kennengelernt. Irgendwas muss da ja schon gewesen sein, und als wir uns dann wiedergesehen haben, war er schon wieder so nett, dass ich langsam glaubte, der ist so (lacht).

Frage: Sie waren vorher acht Jahre mit Heiner Müller und dann mit Martin Wuttke fast 30 Jahre zusammen, also immer quasi branchenintern liiert. Ihr Mann aber ist Jurist – war das nicht, als ob Sie auf einem anderen Stern landen?

Antwort: Stimmt – als ich ins Flugzeug kam und seinen Anzug und die FAZ sah, dachte ich erst: Okay, und tschüss. Aber Gott sei Dank hatte es gar nichts zu bedeuten.

Frage: Die Jahrzehnte vorher hatten Sie nicht das Bedürfnis zu heiraten? Sie sind ja auch zweimal Mutter geworden.

Antwort: Es hat sich irgendwie nicht ergeben. Ich dachte immer, ich bin emanzipiert, ich brauche sowas nicht, wir lieben uns doch auch so. Letztens Ende ist man als Frau aber – auf Deutsch gesagt – doch ziemlich gearscht, wenn man unverheiratet ist. Natürlich habe ich eine Zeitlang weniger gespielt und dafür mehr Milchflaschen geschaukelt, diese Rentenjahre fehlen dann später.

Frage: Sie haben mit Heiner Müller und später mit Martin Wuttke in derselben Wohnung gewohnt. Wohnen Sie da immer noch?

Antwort: Ich nicht, aber Martin wohnt da noch und einer unserer Söhne um die Ecke. Es war ursprünglich die WG-Wohnung eines alten kommunistischen Verlags, in der anfangs Heiner Müller und ich jeweils ein Zimmer hatten. Es haben unglaublich viele Menschen in dieser Wohnung gewohnt, die war wie ein Flugzeugträger: Man kam, tankte auf und flog wieder ab. Später dann habe ich immer, wenn einer auszog, das frei werdende Zimmer mit einem Kind besetzt (lacht). Aber bis heute feiern wir zusammen Weihnachten mit über 30 Freunden in dieser Wohnung.

Frage: Sie haben mit kurz vor 60 geheiratet – wie ist das eigentlich, wenn man seinen eigenen erwachsenen Kindern den künftigen und ersten Ehemann vorstellt?

Antwort: Das ist schon lustig, weil man so eine Art Bewerbungsgespräch führt – ich mit seinen Kindern und Dirk hat natürlich auch versucht, möglichst freundlich und cool zu wirken, als er meine Söhne kennengelernt hat. Man erwischt sich dabei, wie man sich fragt, was man jetzt anzieht und ob die das vielleicht doof finden. Wir haben uns nicht gleich am ersten Tag alle in den Armen gelegen, aber es war freundlich und alles überhaupt kein Problem, mittlerweile ist es sehr schön, großfamilienmäßig.

Frage: Ihre Hochzeitsreise ging sechs Wochen mit dem Rucksack durch Südostasien. Wo waren Sie überall und wo hat es Ihnen ganz besonders gefallen?

Antwort: Wir waren in Thailand, Kambodscha, Vietnam und Laos. Ich hab’ die Reise wie einen Rausch in Erinnerung – das Besondere war, dass wir mal in einem fensterlosen Zimmer in irgendeinem Dorf gelandet sind und dann wieder in einem sehr schönen Hotel mit Swimmingpool waren. Es war eine kunterbunte Reise und wir waren fast nie länger als drei Tage an einem Ort.

Frage: Im Film „Bis zur Wahrheit” sind Sie auch Mutter, und zwar in einer ziemlichen Extremsituation. Ihr erwachsener Sohn vergewaltigt Ihre beste Freundin – was haben Sie gedacht, als Sie das Drehbuch gelesen haben?

Antwort: Ich fand es interessant, weil meine Freundin meinen Sohn erst anmacht, dann aber zurückschreckt und er das „Nein“ nicht ernst nimmt. Damit beschreibt es einen Graubereich, der schwierig zu erzählen und zu beurteilen ist. Als Mutter stehe ich auf seiner Seite, als Frau auf ihrer. Meine Rolle konnte ich gut nachvollziehen und fand diese Zerrissenheit dramatisch. Ich selbst habe ja auch Söhne. Die sind Gott sei Dank nur einmal polizeiauffällig geworden, weil sie Graffitis gemacht haben.  Ansonsten sind sie ganz normal zur Schule gegangen, haben studiert und ehren ihre Mutter. Aber als Mutter in Berlin weiß man auch, dass drei falsche Kontakte dazu führen können, dass ich nicht mehr weiß, wo mein Kind landet. Oder dass man plötzlich einen Neonazi zu Hause sitzen hat. So etwas ist eine Horrorvorstellung – und dann fragt man sich wie im Film: Wo ist die Linie, bis zu welchem Punkt sage ich: Ich glaube Dir, ich beschütze Dich, ich passe auf und verteidige Dich? Und wo ist der Punkt zu sagen: bis hierhin und nicht weiter? Und da die beiden Frauen miteinander befreundet sind, ist es ein tierisches Dilemma.

Frage: Sie sind nicht nur befreundet, sondern sogar beste Freundinnen. Gibt es in Ihrem Leben jemanden, den Sie als beste Freundin bezeichnen würden?

Antwort: Ja, es gibt sogar mehrere. Zazie natürlich und mit Helga Pedross war ich auf der Schauspielschule, das ist quasi eine lebenslängliche Freundschaft. Und davon gibt es noch mehr. Ab einem gewissen Alter kann man sich nicht mehr so in die Arme werfen – ich glaube nicht, dass ich heute noch mal eine beste Freundin finden könnte.

Frage: Das Drehbuch zu „Bis zu Wahrheit” stammt von einer Frau, Regie hat auch eine Frau geführt. Ist das wichtig bei einem Thema wie Vergewaltigung?

Antwort: Vielleicht. Aber manche Sachen kann man am besten beschreiben, wenn sie einem fremd sind. Man muss nicht immer im Stoff stehen, um es zu beschreiben. Die Drehbuchautorin war auf jeden Fall super und die Regisseurin war auch ein Knaller, das war schon eine ziemlich coole Frauentruppe. 

Frage: Der Stoff des Films ist ziemlich heftig. Nehmen Sie das abends mit nach Hause oder können Sie das ablegen wie einen Arbeitskittel?

Antwort: Ich habe manchmal Rollen gespielt und darüber ganz tief etwas kapiert – das ist ja das Tolle an dem Beruf. Ich habe zum Beispiel mal mit Veronica Ferres einen Film gemacht, in dem ich zur Nazizeit eine Bäuerin im Münsterland war und eine jüdische Frau versteckt habe. Meine Rolle hatte sechs Kinder und hat irgendwann gesagt: „Jetzt muss die Frau weg, ich kann sie nicht länger verstecken, weil ich Angst habe, meine Kinder in Gefahr zu bringen.“ Bis dahin hatte ich nicht verstanden, warum nicht jeder jemanden versteckt hat. Aber plötzlich konnte ich es nachvollziehen und merkte, dass ich mich selbst bis dahin völlig falsch eingeschätzt hatte. So ähnlich war es auch bei „Bis zur Wahrheit”.

Frage: Jetzt will ich nicht enden mit diesem schweren Thema.

Antwort: Soll ich noch einen Witz erzählen? (lacht)

Frage: Haben Sie denn noch einen?

Antwort: Ja, und zwar von meinem Enkel.  Der wird zwar jetzt erst vier, aber erzählte mir neulich den ersten eigenen Witz: „Was macht ein Glaser, wenn er kein Glas mehr hat? Er trinkt aus der Flasche.“

Ähnliche Artikel