Nachruf  Friesische Freiheit war Hajo van Lengens Lebensthema

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 05.11.2024 14:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
„Ein historischer Irrtum“: Im Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft in Aurich zeigte Dr. Hajo van Lengen 2018 die schwarz-rot-blaue Flagge Ostfrieslands. Foto: Archiv/Luppen
„Ein historischer Irrtum“: Im Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft in Aurich zeigte Dr. Hajo van Lengen 2018 die schwarz-rot-blaue Flagge Ostfrieslands. Foto: Archiv/Luppen
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Die ostfriesische Geschichte des Mittelalters hat ihn sein Leben lang begleitet. Als Landschaftsdirektor hat er Spuren hinterlassen. Ein Nachruf auf Dr. Hajo van Lengen.

Aurich - Er war Regionalhistoriker aus Leidenschaft, ein wandelndes Lexikon, aber auch ein kritischer Geist mit feinem Humor: Der ehemalige Landschaftsdirektor Dr. Hajo van Lengen aus Aurich ist am Sonntag, 3. November 2024, im Alter von 84 Jahren plötzlich und unerwartet gestorben. Er hinterlässt seine Ehefrau und zwei Söhne.

Anderthalb Wochen vor seinem Tod habe van Lengen noch an einer Sitzung des Wissenschaftsausschusses teilgenommen, berichtet Landschaftspräsident Rico Mecklenburg im Gespräch mit der Redaktion. Dies zeige van Lengens Verbundenheit zur Ostfriesischen Landschaft, deren Direktor er von 1979 bis 2005 war. „Er hat bis zuletzt sehr großen Anteil an der Arbeit der Landschaft genommen“, so Mecklenburg. „Es gab keine Veranstaltung, wo er nicht dabei war.“ Van Lengen sei ein gefragter Experte gewesen. Nicht nur deshalb sei er „eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Nachkriegszeit für die Ostfriesische Landschaft und damit auch für Ostfriesland“, so Mecklenburg. „Er hat wirklich Spuren hinterlassen.“

„Der Fürst würde sich im Grab umdrehen“

Van Lengen hat sein gesamtes Berufsleben bei der Ostfriesischen Landschaft verbracht. Schon im Geschichtsstudium an der Universität Göttingen befasste er sich mit der ostfriesischen Geschichte des Mittelalters. Davon handelte auch seine Doktorarbeit. Im Ruhestand erforschte er weiterhin die ostfriesische Geschichte, insbesondere die Friesische Freiheit des Mittelalters.

Dabei förderte er auch unbequeme Erkenntnisse zutage: zum Beispiel diejenige, dass die schwarz-rot-blaue ostfriesische Flagge, die über vielen ostfriesischen Gärten weht und auf so manchem Stammtisch steht, im Grunde ein historischer Irrtum ist. Schwarz, Rot und Blau sind die Farben des Fürstenhauses Cirksena, das im 15. Jahrhundert die Herrschaft in Ostfriesland an sich riss. Unpassender gehe es nicht, befand van Lengen. Es sei widersinnig, wenn die Farben des Fürstenhauses mit dem Schriftzug „Eala Frya Fresena“ (Steht auf, ihr freien Friesen) kombiniert würden. „Der Fürst würde sich im Grab umdrehen“, sagte van Lengen. Denn die Friesische Freiheit sei den Cirksena ein Graus gewesen. Der Historiker war bei der Recherche für seine 2018 erschienene Broschüre „Die ostfriesischen Wappen“ auf das Thema gestoßen.

„Ein Dickbrettbohrer“

Der ehemalige Auricher Landrat Walter Theuerkauf, der in Gleiwitz (Oberschlesien) geboren wurde und 1986 nach Ostfriesland kam, war mit van Lengen befreundet. Er schwärmt von dessen „unglaublicher Kenntnis, was die mittelalterliche Geschichte Ostfrieslands betrifft“. Er habe von dem gebürtigen Jeveraner vieles über Ostfriesland und dessen „Funktionsweise“ gelernt, so Theuerkauf.

Auch der ehemalige Landschaftspräsident Helmut Collmann (Flachsmeer) hat van Lengen in guter Erinnerung. Van Lengen sei sehr engagiert gewesen und habe Ideen gehabt. So habe er sich erfolgreich für den Neubau der Landschaftsbibliothek eingesetzt, der größten wissenschaftlichen Bibliothek Ostfrieslands. Der Neubau in Aurich wurde 1995 eröffnet. Van Lengen sei sehr hartnäckig gewesen, erinnert sich Collmann, „ein Dickbrettbohrer“. Er habe sich immer und immer wieder zu Wort gemeldet. So sei es ihm gelungen, ein Bewusstsein für die Bedeutung der Ostfriesischen Landschaft zu schaffen. Das habe sich finanziell niedergeschlagen. Trotz leerer Kassen hätten sich die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die Stadt Emden bereit erklärt, die Arbeit der Landschaft zu finanzieren.

Der heutige Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger würdigt van Lengen ebenfalls: „Er hat andere an seinem sehr reichen Wissens- und Erfahrungsschatz immer freigiebig teilhaben lassen.“ Die „liebenswerte Art und Weise“ van Lengens bleibe ihm in guter Erinnerung. Diese sei „eine bemerkenswerte Eigenschaft einer sehr, sehr besonderen Persönlichkeit“ gewesen. Die Ostfriesische Landschaft sei ihrem ehemaligen Direktor zu großem Dank verpflichtet.

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