Hilfe aus Wiesmoor Die 32-Stunden-Tage der Herma Schoon
Wunschbaumaktion, Ukrainehilfe, Nahrungsmittelspenden, Besuchsdienst und ein offenes Ohr für alle, die Hilfe brauchen: Seit sie sich von ihrem Hirntumor erholt hat, hilft Herma Schoon Menschen in Not.
Wiesmoor - Einen Termin mit Herma Schoon zu finden ist nicht so leicht. Jedenfalls nicht, wenn es darum geht, sie außerhalb der ehrenamtlichen Arbeit ihres Hilfswerks „Hermas Box“ zu treffen. „Puh“, seufzt sie ins Telefon, „manchmal reichen 24-Stunden-Tage einfach nicht aus.“ Also gibt es ein Treffen mitten im Dienst. Dann, wenn die ehrenamtlichen Helfer im Gemeindezentrum der Kirchengemeinde Marcardsmoor die Nahrungsmittel für Obdachlose in Aurich sortieren und für den Transport vorbereiten. Für eine halbe Stunde kann sich Schoon losreißen, vielleicht auch länger.
Schließlich sitzt die großgewachsene, dunkelhaarige Frau mit der unglaublichen Energie überraschend entspannt im Gemeindesaal und fängt an zu erzählen. Es geht um die Projekte, die vor allem kurz vor Weihnachten anstehen: die Wunschbaumaktionen, 1000 Tafeln Schokolade und Süßigkeiten zu Weihnachten für Kinder in der Ukraine sammeln und die Suche nach einem neuen Lager für Lebensmittel. Es folgen so viele Details, dass alleine das Zuhören erschöpft. Schoon lacht. „Ich kann es einfach nicht haben, wenn es Menschen schlecht geht“, erklärt sie ihren Eifer. Weil die Altersarmut und die Zahl von Bedürftigen immer mehr zunehmen, reicht Schoon dafür eben auch schon lange kein 24-Stunden-Tag mehr. Besser wären 32 oder mehr.
Hilfe auf viele Arten
Manchmal werde sie mitten in der Nacht vom Sozialdienst gerufen, wenn sich in Wiesmoor ein Obdachloser auf der Durchreise zum Schlafen hingelegt hat. Dann bringt sie etwas zu essen, eine warme Decke oder was sonst noch notwendig ist. Schoon vermittelt Patenschaften für Bedürftige, alte und einsame Menschen, sammelt für Transporte in die Ukraine und ist einfach da, wenn sie das Gefühl hat, jemand braucht Hilfe. Wer auf der Straße lebt und sich eine Wohnung wünscht, dem hilft Schoon mit ihrem Netzwerk aus sozialen Einrichtungen und Vereinen auch dabei. Für von Altersarmut betroffene Menschen und bedürftige Familien gibt es in Marcardsmoor dreimal die Woche eine Lebensmittelausgabe. „Wer nicht selbst herkommen kann, dem bringen wir die Lebensmittel auch nach Hause“, sagt Schoon. Hilfe gibt es auf viele Arten.
Dass die Spenden dort ankommen, wo sie auch wirklich gebraucht werden, dafür sorgt Schoon persönlich: Wer Hilfe braucht, bei dem schaut sie erst einmal vorbei – zum Reden. „Es fällt vielen nicht leicht, darüber zu sprechen und Hilfe anzunehmen“, weiß Schoon. Man müsse Zeit mitbringen und Vertrauen aufbauen und dann auch die Zeit haben, sich die persönliche Geschichte anzuhören. „Dafür sind wir schließlich da“, sagt Schoon. Um möglichst effizient zu helfen, tut sich „Hermas Box“ mit anderen Vereinen und Ehrenamtlichen zusammen, darunter der Generationenverein Wiesmoor, die Alltagshelden Ostfriesland und der gebürtige Barßeler Michael Kröger, der seit Jahren vom Krieg betroffene Gebiete in der Ukraine versorgt – und bis an die Front fährt, um zu helfen.
Es kann jeden treffen
Woher Herma Schoon die Energie für ihre ehrenamtliche Arbeit nimmt, für die sie 2021 einen Verein gegründet hat und ihn mit 23 Helfern am Laufen hält? „Es ist für mich nicht leicht zu akzeptieren, dass ich seit meinem Hirntumor und mit der Epilepsie nicht mehr in dem Beruf arbeiten kann, denn ich so liebe“, sagt Schoon. Die Operation im Jahr 2015 und ihre Folge ließen Schoon keine Wahl. Sie kam in die Frührente. Arbeiten in der Altenpflege war für sie nicht mehr möglich. „Schwerstpflege“, sagt Schoon. Das sei ihr Leben gewesen.
„Nichts zu tun war für mich aber undenkbar“, sagt die 60-Jährige. Deshalb begann sie, als es ihr nach der Operation im Jahr 2017 wieder besser ging, sich um Bedürftige zu kümmern. Den Grundstein dafür hatte ein Erlebnis kurz vor der Operation gelegt, als sie von dem Tumor in ihrem Kopf noch nichts ahnte. Monate bevor er ihr erst die Stimme und dann ihr gewohntes Leben genommen hatte, war sie zu Besuch in ihrer Lieblingsstadt Hamburg. Damals kam sie zum ersten Mal mit einem Obdachlosen ins Gespräch. „Dreimal war ich an ihm vorbeigegangen, bis ich mich getraut hatte, ihn anzusprechen“, sagt Schoon heute.
Die Lebensmittelspenden nehmen ab
Damals erkannte sie, dass es jeden treffen kann. Ihr Gesprächspartner, der mit einem kleinen Hund auf der Reeperbahn in der Kälte auf dem Boden saß, sei einmal Unternehmer gewesen, dem eine Insolvenz und eine verlorene Familie den Boden unter den Füßen weggezogen hätten. Die Verluste hatten ihn so getroffen, dass er sich von seinem alten Leben verabschiedete und ein Leben auf der Straße begann. Nur sein Hund war ihm geblieben. „Ich suche die beiden heute noch, wenn ich in Hamburg bin“, sagt Herma Schon. Doch sie hat sie nie wieder gesehen.
Trotzdem hatte das Treffen Folgen und legte den Grundstein für Schoons Engagement. Das begann, nachdem der Hirntumor ihr selbst den Boden unter den Füßen weggerissen hatte und sie sich von ihrem alten Leben verabschieden musste. Seitdem hilft Herma Schoon, wo sie nur kann – schon sieben Jahre lang. Und der Bedarf wird immer größer, stellt sie fest. Die offiziellen Zahlen bestätigen das: 2023 habe die Altersarmut in Niedersachsen in der Altersgruppe der über 65-Jährigen einen Höchststand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005 erreicht, teilte das Landesamt für Statistik erst im Oktober mit.
Süßes für Kinder im Ukraine-Krieg
Vor allem Frauen seien betroffen: Jede fünfte Niedersächsin ab 65 Jahren ist armutsgefährdet. Als armutsgefährdet gilt laut Statistikamt, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen monatlichen Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung hat. In Niedersachsen lag diese Schwelle im Jahr 2023 für einen Einpersonenhaushalt bei 1231 Euro. Die Crux: Mit der zunehmenden Zahl der Betroffenen sinken bei „Hermas Box“ die Lebensmittelspenden. „Wir bekommen heute gerade einmal ein Viertel der Lebensmittelspenden, die wir am Anfang erhalten haben“, sagt Schoon. Oft müsse der Verein Lebensmittel dazukaufen, um den Bedarf zu decken. Förderer und Spender sind deshalb immer willkommen.
Auch die Not in der Ukraine lässt Herma Schoon nicht los. Deshalb unterstützt „Hermas Box“ in diesem Jahr wieder die Weihnachtsaktion von Michael Kröger. Der wollte ursprünglich wieder 1000 Kinder in der Ukraine beschenken, hat die Zahl aber wegen der großen Nachfrage von Kinderheimen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen auf 2500 aufgestockt. „In den Videos, die Michael von seinen Aktionen schickt, sieht man, wie schlimm die Situation in den vom Krieg betroffenen Gebieten ist“, sagt Schoon. Sie bekommt auch die Videos, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Manche seien nur schwer zu ertragen. „Ich würde ihn gerne einmal begleiten und vor Ort helfen“, sagt Schoon – zur Not auch an der Front.
Die Weihnachtsaktionen laufen bereits
Für die Hilfe der Kinder in der Ukraine hat „Hermas Box“ ein ganzes Netzwerk an Unterstützern ins Boot geholt. Schokolade und Süßigkeiten, warme Mützen und Handschuhe nehmen folgende Stellen zu den üblichen Öffnungszeiten an: das Hotel zur Post in Wiesmoor, die Sonnenapotheke und die Hosenecke in Wiesmoor, die Bäckerei Meeske in Friedeburg und der Combi-Verbrauchermarkt in Friedeburg. Daniels und Nils′ Nostalgie-Haus in der Wittmunder Straße 19 in Wiesmoor nimmt Spenden am Samstag von 10 bis 16 Uhr an. Im Kindergarten und in der Krippe Mullbarger Nüst im Birkhahnweg 55 ist jeden Dienstag von 9.30 Uhr bis 10.30 Uhr Spendenannahme. Natürlich kann man Spenden nach wie vor im Gemeindehaus der Kirchengemeinde in Marcardsmoor zur üblichen Zeit freitags von 15 bis 16.30 Uhr abgeben.
Auch die drei Wunschbäume für Bedürftige sind bereits aufgestellt. „Die von Kindern gebastelten Karten habe wir mit jedem Bedürftigen ausgefüllt und an die Bäume gehängt“, sagt Schoon. Wer jemandem zu Weihnachten eine Freude machen möchte, nimmt sich eine Karte und erfüllt den darauf stehenden Wunsch. Es gibt insgesamt drei Wunschbäume: Der Wunschbaum für von Altersarmut betroffene Menschen steht im Combi in Friedeburg. Den Wunschbaum für bedürftige Kinder finden Helfer bei Spielwaren Schmied in Wittmund und der Wunschbaum für Obdachlose steht in der Seniorenresidenz der Peter-Janssen-Gruppe in Moordorf.