Mit dem Rad durch Mittelerde Leeraner erklimmt Vulkane Neuseelands – aus Schnapsidee wird Abenteuer
Jan Rehaag aus Leer erklomm Vulkane Neuseelands, kämpfte sich dort auf allen Vieren voran. Aus der Schnapsidee wurde ein Abenteuer, sagt er. Filmset, Schneesturm, Südlichter – das erlebte er.
Leer/Neuseeland - Aus einer Schnapsidee wurden Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben – so beschreibt der gebürtige Leeraner Jan Rehaag seine Reise durch Neuseeland. Aus dem Roadtrip wurde im April 2024 eine 2000 Kilometer lange Radreise: Er watete durch eiskaltes Wasser, erklomm Vulkane, musste sich Meter für Meter auf allen Vieren voran kämpfen, um nicht von einem schmalen Bergpass zu stürzen. Und doch: „Die sechs Wochen waren die wohl intensivste Zeit meines Lebens. Und ich bereute keinen Tag davon“, sagt er. Als Praktikant der Ostfriesen-Zeitung hat er seine Erlebnisse aufgeschrieben – beginnend mit dem startenden Flieger. Lesen Sie selbst.
18.000 Kilometer Reise bis Neuseeland – Erstmal ein Fahrrad kaufen
Der Flieger hob ab. Der Beginn eines neuen Abenteuers. Die Welt zog unter mir vorbei und ich zählte die Stunden. Dann plötzlich erschien unter mir eine grüne Landmasse: Neuseeland. Als gebürtiger Leeraner war das hier ganz schön weit weg – 18.000 Kilometer um genau zu sein. Dabei war ich schon mal hier gewesen, fast zumindest. Der Plan war eigentlich ein ganz normaler Roadtrip mit dem Auto, bis ein anderer Backpacker aus Spaß eine Fahrradtour vorschlug. Irgendwie blieb die Idee hängen und ich fand mich in einem völlig verrückten Abenteuer wieder. Der Plan: 2000 Kilometer von Auckland nach Queenstown. Ich kaufte mir also ein Fahrrad und startete wenig später zwischen den hupenden Bussen und Wolkenkratzern Aucklands, der größten Stadt Neuseelands.
Immer Richtung Süden. Die vielen Hügel und das Gewicht meines vollgepackten Fahrrads verlangten mir einiges ab und so schlug ich am ersten Abend müde mein Zelt auf. Ganz schön anstrengend, so eine Fahrradreise. In den nächsten Tagen erreichte ich die saftig grünen Wiesen von Hamilton. Diese malerische Gegend diente als Kulisse für das Auenland der Hobbit-Filme. Ich entschied mich für einen kleinen Abstecher zum ehemaligen Filmset und wurde nicht enttäuscht: Umgeben von niedlichen Hobbithöhlen und wunderschönen Gärten fühlte ich mich in die magische Welt von Mittelerde versetzt.
Schwefelgeruch und Vulkane – Meter für Meter auf allen Vieren
Zurück auf dem Fahrrad flog die Landschaft nur so an mir vorbei, 80, 90 Kilometer jeden Tag, ein Wechselspiel aus Staunen und Erschöpfung. Nach etwa einer Woche erreichte ich den Tongariro National Park in der Mitte der Nordinsel. Heiße Quellen, Schwefelgerüche und Kilometer hohe Vulkane dominieren das Landschaftsbild. Für die indigenen Maori gelten die Vulkane als Heiligtum – sie erlauben aber, zu meinem Glück, das Erklettern der Berge. Ich ließ mein Fahrrad auf dem Campingplatz und entschied mich, einen der drei Vulkangipfel zu Fuß zu erklimmen. Ich startete in der frühen Morgensonne, doch auf halber Strecke verschlechterte sich das Wetter. Plötzlich zogen dichte Wolken auf und die Sicht betrug kaum mehr als zehn Meter.
Auf 1800 Höhenmetern kam ein starker Wind dazu und drängte mich fast von dem schmalen Grat ab. Auf allen Vieren ging es weiter, Meter für Meter, dann öffneten sich auf einmal die Wolken und der Wind stand still. Ich stand inmitten des Kraters. Um mich herum dampften die heißen Schwefelgase aus dem Vulkan heraus, vor mir lagen die türkisblauen Kraterseen. Eine unglaublich schöne aber auch gefährliche Szenerie: Eine Plakette erinnerte an eine Berghütte, die bei einem Vulkanausbruch vor wenigen Jahren komplett zerstört wurde. Daher trat ich recht bald den Abstieg an, diesmal aber über eine sicherere Route.
Straße von Fluss überschwemmt – Kälte wird gefährlich
Bald waren drei Wochen seit Auckland vergangen und ich erreichte Wellington, die Hauptstadt Neuseelands. Der Tacho zeigte etwa 1000 Kilometer und ich hatte die Nordinsel erfolgreich bewältigt. Weiter ging es mit der Fähre auf die Südinsel. Mittlerweile war es Mai geworden und damit Herbst in Neuseeland. Sowieso war das Klima hier im Vergleich zur grünen Nordinsel deutlich rauer und kälter – was mir schon bald mein nächstes Abenteuer bescherte. Mein Plan war die Überquerung der Neuseeländischen Alpen auf der Rainbow Road, einer über 100 Kilometer langen Privatstraße. Doch ich hatte den Zustand der Straße völlig unterschätzt. Bereits nach wenigen Kilometern war die Straße vollständig von einem Fluss überschwemmt. Ich musste mein Fahrrad in die Luft heben und watete langsam durch das eiskalte Wasser – ein Kraftakt. Das Ganze wiederholte sich noch einige Male und die Schlaglöcher taten ihr Übriges.
Bei Einbruch der Dämmerung war ich völlig erschöpft und immer noch Stunden vom Campingplatz entfernt. Die Kälte hatte mir mittlerweile die Finger gefroren und um mich herum begann es zu schneien. So langsam wurde es gefährlich. Mein Schlafsack war viel zu dünn, Internet oder Menschen gab es hier nicht. Dann, im letzten Licht der untergehenden Sonne, sah ich eine Berghütte in der Ferne. Mit letzter Kraft trat ich in die Pedale und erreichte schließlich die Hütte. Als Notunterkunft eingerichtet, fand ich hier ein Bett und Feuerholz für einen Kamin. Ich schlief diese Nacht bei der Wärme des Feuers – draußen wurden es minus 8 Grad.
Lawinen, Gletscher und ein Farbspektakel
Eines Nachts – es war mal wieder viel zu kalt und ich zitterte in meinem Schlafsack – steckte ich zufällig mein Kopf aus dem Zelt und sah etwas, das ich so schnell nicht vergessen werde: Der Himmel wurde von einem unbeschreiblichen Farbenspektakel erleuchtet. Rote, grüne und gelbe Farbbänder wanderten über den Sternenhimmel, im Hintergrund funkelte die Milchstraße. Ich saß bestimmt eine Stunde draußen und beobachtete mit Staunen die Südlichter.
Wie ich später erfuhr, hätte ich es perfekter nicht treffen können: Ich sah den stärksten Sonnensturm seit Jahrzehnten an einem Ort, der quasi keine Lichtverschmutzung hat. Mit diesem Erlebnis war die Reise für mich leider fast vorbei. Bald erreichte ich Queenstown – das Ziel meiner Fahrradreise – und ließ das Erlebte noch einmal Revue passieren. 2000 verrückte Kilometer, Strapazen und Abenteuer. Hatte ich meine Reise noch mit einer Schnapsidee begonnen, beendete ich sie nun mit Erinnerungen, die wohl ein Leben lang bleiben.