Berlin Jeder Achte an Depressionen erkrankt: „Es sind viel mehr ältere Menschen betroffen“
Laut AOK haben 9,5 Millionen Menschen in Deutschland eine Depression – Tendenz steigend. Wo die meisten Betroffenen leben, was die Gründe sind und bei welchen Anzeichen man zum Arzt gehen sollte.
Wird Deutschland immer depressiver? Sieht man sich die aktuellen Analysen an, die die Krankenkasse AOK am 10. Oktober, dem Tag der seelischen Gesundheit, veröffentlicht hat, kann man diesen Eindruck gewinnen. Laut dem wissenschaftlichen Institut der AOK (Wido) waren im Jahr 2022 rund 9,5 Millionen Menschen in Deutschland von Depressionen betroffen.
Die Anzahl der diagnostizierten Erkrankungen sei in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich gestiegen und habe zuletzt mit 12,5 Prozent der Gesamtbevölkerung einen neuen Höchststand erreicht, heißt es in der Daten-Auswertung für den Gesundheitsatlas der AOK, die dem Tagesspiegel in Auszügen vorab vorliegt.
Im Saarland gebe es mit 14,2 Prozent die meisten Betroffenen mit Depressions-Diagnose, während es in Sachsen nur 11,1 Prozent der Bevölkerung waren. Berlin hat mit 13,3 Prozent den vierthöchsten Wert aller Bundesländer.
Während laut dem Bericht im Jahr 2017 noch 11,8 Prozent der Einwohner Deutschlands ab zehn Jahren eine ärztlich diagnostizierte Depression hatten, waren es im Jahr 2022 bereits 12,5 Prozent. Insbesondere bei den Jüngeren zwischen zehn und 24 Jahren und bei den Älteren ab 65 gab es demnach in den Jahren der Corona-Pandemie einen deutlichen Zuwachs. In allen Altersgruppen sind Frauen häufiger erkrankt. „Dabei sind insgesamt viel mehr ältere Menschen von Depressionen betroffen“, sagt Helmut Schröder, Geschäftsführer des Wido.
„Die Zahlen spiegeln wider, dass junge und ältere Menschen die besonders vulnerablen Gruppen in der Pandemie waren. Einsamkeit ist ein Risikofaktor für das Entstehen einer Depression, und besonders Menschen in hohem Alter waren in Pandemiezeiten häufig allein und isoliert“.
Zu den Risikofaktoren, die zur Entstehung von Depressionen beitragen können, gehören neben Alter und Geschlecht auch Begleiterkrankungen wie Angststörungen und Rückenschmerzen, kritische Lebensereignisse oder chronischer Stress, so das Ergebnis der Analyse.
Dass Deutschland immer unglücklicher würde, das belegten diese Zahlen aber nicht, sagt Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, dem Tagesspiegel. „Es gab schon immer eine Schere zwischen der Anzahl von an Depressionen erkrankten Menschen, wie sie Bevölkerungsstudien zeigen – der sogenannten Prävalenz – und der Anzahl und Dauer von Krankschreibungen mit dieser Diagnose, wie sie Krankenkassen feststellen.“ Während die Prävalenz in den letzten Jahren in etwa gleich geblieben sei, hätten die Krankschreibungen zugenommen.
Die psychische Belastung durch die weltweiten Krisen führten nicht automatisch dazu, dass es in Deutschland immer mehr Depressionen gebe. „Kriege, Verlustängste oder Zukunftssorgen wegen einer Wirtschaftskrise lösen selbstverständlich Stress, Trauer oder Ängste aus“, sagt Heinz.
Aber eine daraus folgende zeitweise Beeinträchtigung des psychischen Wohlbefindens sei nicht immer eine manifeste Depression. Wenn die Belastungen durch die Umwelt schwer genug seien, könnten sie aber zu Depressionen beitragen.
Ein Beispiel dafür seien die Coronapandemie und ihre Folgen, sagt Heinz. „So könnten unter anderem die Isolationsmaßnahmen vor allem bei Kindern und Jugendlichen und auch bei Älteren zu anhaltenden Depressionen beigetragen haben.“ Ebenso führe auch die hohe Zahl an Menschen mit Long Covid, das oft mit Depressionen einhergehe, zu einer steigenden Prävalenz.
Doch diese Gründe erklärten nicht allein, wie es zu den von den Krankenkassen beobachteten steigenden Erkrankungszahlen komme, so der Psychiater. „Offenbar sind zudem immer mehr Menschen bereit, aufgrund einer Depression professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.“
Aus medizinischer Sicht sei das ein begrüßenswerter Trend. Es zeige, dass die Furcht vor einer Stigmatisierung abnehme und die Betroffenen offener mit ihren Leiden umgingen. Und es belege auch, dass die Versorgungslandschaft für psychische Erkrankungen in Deutschland nicht so schlecht sei, wie oft vermutet wird.
„Es stimmt zwar, dass es oft schwierig ist, einen Termin bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten zu finden und dass die Zugangshürden für psychisch kranke Menschen häufig noch zu hoch sind.“ Doch immerhin sei Deutschland eines der wenigen Länder weltweit, in denen eine Psychotherapie von den Krankenkassen bezahlt wird.
Darüber hinaus sei das System von Hilfsangeboten auch an Krankenhäusern hierzulande gut ausgebaut. Heinz verweist beispielhaft auf das System in Berlin, wonach in jedem Bezirk ein Krankenhaus verpflichtet sei, Menschen mit psychischen Problemen aus dem jeweiligen Bezirk aufzunehmen. Auch die Institutsambulanzen, die es an vielen Kliniken gibt, seien wichtige Angebote.
Doch ab wann sollte man sich Hilfe suchen? „Wenn man über Tage starr vor Angst ist, wenn man lange nicht mehr aus dem Bett kommt und unter Antriebslosigkeit leidet, wenn einen über mehrere Tage Schlaflosigkeit plagt, man von ständigen Selbstanklagen gequält wird, wenn man keine Freude mehr empfinden kann, man nicht mehr arbeitsfähig ist, sollte man zum Psychiater oder zumindest zum Hausarzt seines Vertrauens gehen“, sagt Heinz. „Schon allein deshalb, um organische Ursachen, wie eine Schilddrüsen-Unterfunktion oder einen massiven Vitamin-D-Mangel auszuschließen.“
In Deutschland ist es zwar auch möglich, direkt zum Facharzt, also etwa zu einem Psychiater zu gehen. Doch angesichts der relativ niedrigen Anzahl von Fachärzten sei das oft der anstrengendere Weg, sagt Heinz. „Viele niedergelassene Psychotherapeuten bieten aber auch Notfallsprechstunden an – ebenso wie die Institutsambulanzen an Kliniken.“
Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.