Münster  Mona Lisa mag Pizza Hut: Was hat Kunst mit Werbung zu tun?

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 30.10.2024 18:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kunst als Mittel der Werbung? Das Picasso-Museum in Münster zeigt prominente Beispiele. Foto: Christoph Steinweg
Kunst als Mittel der Werbung? Das Picasso-Museum in Münster zeigt prominente Beispiele. Foto: Christoph Steinweg
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Kunst und Werbung sind sich spinnefeind. So meint man in Wirklichkeit gehen sie schlagkräftige Verbindungen ein. Wie werden Produktideen durch Kunst befeuert? Eine Galerie der kreativen Volltreffer.

So ein Roboter ist kreativer, als man denkt. Mit wildem Schwung sprüht er expressive Farbmuster auf blanke Autokarosserien. In dem angeblich seelenlosen Mitarbeiter wohnt ein kreatives Temperament. Erst als der menschliche Aufpasser an der Produktionsstraße erscheint, sprüht der Roboter eilfertig tristes Grau auf seine Kunst. Aber kaum ist der Kontrolleur weg, führt der Roboter mit der Spritzpistole noch schnell seine Signatur auf das Blech: Picasso.

Der Werbespot für den Citroën Picasso ist zugleich ein genialer Lehrfilm über das Verhältnis von Kunst und Werbung. Die Signatur verwandelt das Serienprodukt Auto in ein individuelles Kunstwerk. Das normierte Fahrzeug erhält so den Touch des Besonderen. Unter der Lackschicht schlummert das Artefakt. Was für eine Botschaft.

Und wie naheliegend, dass jetzt gerade das Picasso-Museum in Münster die Frage nach dem Verhältnis der angeblichen Todfeinden Kunst und Werbung stellt. Hier die hohe Kunst, dort der flache Konsum: Diese Opposition lässt sich zur Koalition umformen. Und die funktioniert höchst wirkungsvoll. Ein Gang durch die Galerie der Beispiele:

War sie nicht ohnehin nur irgendein Mädchen von nebenan? Über die Identität der Mona Lisa zerbrechen sich Forscher seit Generationen die Köpfe – ohne Ergebnis. Ihrer Prominenz tut das keinen Abbruch. Eher im Gegenteil. Erst als Mysterium ist die rätselhaft lächelnde junge Dame, die Leonardo da Vinci zwischen 1503 und 1506 auf Pappelholz zauberte, so richtig interessant. Sie adelt alles – auch eine Pizzaecke vom Schnellimbiss. Das Werbeplakat von Pizza Hut zeigt nicht die Mona Lisa, dafür aber eine junge Frau, die ihr ähnelt. Das gilt vor allem für Haar, Blick und Pose. Das schlichte Plakat belegt, wie Motive der Kunst im kollektiven Bildgedächtnis ihr Eigenleben führen können. Sie werden intuitiv immer wieder erkannt. Das Zitat einer Pose genügt und schon erleuchtet die Kunst den Konsum mit dem schimmernden Schein des Besonderen. Auch die aufgewärmte Pizzaecke.

Wer bin ich und wenn ja wie viele? Man muss von Richard David Precht nicht viel halten, um den Titel seines Buches genial formuliert zu finden. Auf dem Werbeplakat für einen hochprozentigen Likör scheint sich ein berühmter Maler genau diese Frage zu stellen. Vincent van Gogh soll sich im Wahn ein Ohr abgeschnitten haben. Stimmt das? Für den Mythos vom wahnhaften Genie spielt das keine Rolle. Das Werbeplakat zeigt van Gogh gleich dreifach, als Künstler, der seinen Ausnahmerang mit der Spaltung seiner Identität bitter bezahlt. Genie und Irrsinn: Im Volksglauben liegt das dicht beieinander. Der Werbung hilft das enorm. Das Produkt, um das es hier geht, verspricht ein Lebensgefühl als Ausnahmezustand. Leider traf das auf den Absinth früher auf schreckliche Weise zu. Die Spirituose galt um 1900 als Droge der Kreativen, die ihren Rausch mit körperlichem und geistigem Verfall bezahlten. 

Wer hat den Namen Sandro Botticelli schon einmal gehört? Völlig unbekannt? Das macht nichts. Das Plakat der Kosmetikmarke Biotherm belegt, dass jene Venus, die der italienische Renaissancemaler Botticelli 1485 auf die Leinwand haucht, bis heute nicht aus unseren Köpfen verschwunden ist. Auf dem fast drei Meter breiten Bild thront die Göttin der Schönheit auf einer Muschel. Sie neigt den Kopf, der Meerwind bewegt ihr Haar. Sie ist der Inbegriff der Schönheit und Musterbeispiel einer verlockend aufreizenden Pose. Die Werbedesigner zitieren nur ihren Kopf. Aber das genügt, um das Kosmetikprodukt und das Ideal der Schönheit suggestiv miteinander zu verbinden. Das Produkt garantiert glatte Haut, ja, das attraktive Äußere selbst. Die schöne Frau: In der griechischen Göttergeschichte entsteigt sie dem Schaum des Meeres. In der Produktwelt genügt dafür der Seifenschaum in der eigenen Badewanne.

Abstrakte Kunst hat es schwer, auch in der Werbung. Das denken die Experten. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Rechte Winkel und Primärfarben wie Rot, Gelb und Blau: Mit diesem Minimalrepertoire hat Piet Mondrian Bilder geschaffen und noch mehr – einen Look. Der Modeschöpfer Yves Saint-Laurent kreierte schon 1965 das Mondrian-Kleid nach den Gemälden des niederländischen Klassikers der abstrakten Kunst. Inzwischen gibt es Mondrian auf Sneakern, Handtüchern, Shirts und Shampoo-Flaschen. Mehr als das einzelne Bild zählt ein künstlerisches Idiom, das heute wie ein Esperanto der Kreativität wirkt. Mit Mondrian weist man sich als Bewohner einer Welt der Metropolen und ihrer Vernetzungen aus. Die Internationalität der künstlerischen Avantgarde – mit jedem Mondrian-Produkt feiert sie ihren späten Triumph als Lebensgefühl.

Was für eine brillante Idee! Werbedesigner entwerfen für ein Waschmittel eine Werbelinie, die keine Künstler, sondern ihre Stile zitiert. Unser Beispiel: Auf einer Wäscheleine hängen Kleidungsstücke, die an einen berühmten Aussteiger der Kunst ebenso erinnern wie die tropische Szenerie im Hintergrund. Der Maler und Bildhauer Paul Gauguin (1848-1903) hat in der Südsee den Traum von einem neuen Leben geträumt. Heute wird sein Verhältnis zu den sehr jungen Modellen seiner Bilder kritisch gesehen. Die exotischen Motive und flammenden Farbakkorde seiner Kunst entzünden weiterhin die Fantasie ihrer Betrachter. Das funktioniert, auch auf Plakaten einer Waschmittelwerbung. Der Transfer von der Kunst zur Werbung funktioniert immer gleich: Die Kunst adelt auch das schlichte Produkt mit ihrer Aura der Kreativität und Exklusivität.

Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Mona Lisa zum Anbeißen – Kunst und Werbung. Bis 19. Januar 2025. Di.-So., 10-18 Uhr.

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