Osnabrück Drohende Schließungen: Um welche VW-Standorte in Deutschland es geht
VW will nach Angaben des Betriebsrats bis zu drei Werke in Deutschland schließen. Ein Überblick über die Standorte und ein Ausblick auf die Lage.
Seit der VW-Vorstand die Schließung von Werken ins Spiel gebracht hat, wird wild spekuliert, welche Standorte gefährdet sein könnten. Um welche geht es überhaupt, und wo produziert VW eigentlich was? Ein Kurz-Überblick über die deutschen VW-Werke.
Das Herz des Konzerns: Hier hat die Unternehmensleitung ihren Sitz, und hier liegt auch das Stammwerk, das zeitweise als größte Fabrikanlage der Welt galt. Hier werden die Verbrenner-Modelle Golf, Tiguan und Touran gebaut, ebenso diverse Komponenten, auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilung ist hier beheimatet. Rund 60.000 Mitarbeiter beschäftigt VW in der Stadt, die selbst gerade mal doppelt so viele Einwohner hat. Ungefähr zwei Drittel von ihnen arbeiten in der Verwaltung. Der Plan, dort eine etwaige Überlaufproduktion des elektrischen ID.3 anzusiedeln, wurde mangels Nachfrage vorerst wieder einkassiert. Als Stammwerk wird Wolfsburg allerdings kaum auf der Streichliste erscheinen.
Lange war das 1964 gegründete Werk vor allem für den Bestseller Passat bekannt, in diesem Jahr laufen allerdings die letzten Verbrennermodelle vom Band: Emden wird nach Zwickau zum zweiten reinen E-Standort von VW. Der Konzern hat in den Umbau des Werks, das rund 8000 Menschen beschäftigt, rund 1,3 Milliarden Euro investiert. Gebaut werden dort der ID.4 und der ID.7. Rund 180.000 Fahrzeuge rollten 2023 aus den Hallen. Der Emder Hafen spielt überdies als europaweit drittgrößter Auto-Umschlaghafen eine große Rolle für den Export. Weil aber beide großen E-Auto-Werke nicht ausgelastet sind, fallen in der Debatte um das Sparprogramm dennoch häufig die Namen Emden und Zwickau.
Das kleinste niedersächsische VW-Werk ist erst seit 2009 Teil des Konzerns, blickt aber auf eine lange Zusammenarbeit mit den Wolfsburgern zurück. In dem früheren Karmann-Werk wurden bis zur Insolvenz des Autobauers rund 2,5 Millionen Volkswagen gefertigt. Heute bauen rund 2300 Mitarbeiter das T-Roc-Cabrio sowie die Porsche-Modelle Cayman und Boxster. VW betont die hohe Flexibilität des Mehrmarkenwerks. Allerdings läuft die Produktion des einzigen VW-Cabrios Anfang 2026 aus, und Porsche hat seinen Produktionsauftrag gekündigt. Da bislang unklar ist, welche Autos künftig in Osnabrück gebaut werden könnten, wird der Standort in der Schließungsdebatte oft als gefährdet gesehen.
Im Nutzfahrzeug-Werk im Stadtteil Stöcken werden seit 1956 die beliebten Transporter der T-Reihen produziert – vor allem aber rollte hier einst der legendäre Bulli vom Band. Derzeit sind es der T7 Multivan und der elektrische Bulli-Nachfolger ID.Buzz, dessen Verkaufszahlen aber hinter den Erwartungen zurückbleiben. Auch das Werk in Hannover ist daher nicht ausgelastet. 14.700 Mitarbeiter sind an dem Standort beschäftigt; allerdings werden im Rahmen der ohnehin schon laufenden Sparbemühungen des Konzerns dort seit längerem Stellen abgebaut – bis 2029 sollen es nur noch 10.000 sein.
Im 1970 gegründeten Motorenwerk produzierten rund 7500 Mitarbeiter im vergangenen Jahr mehr als 800.000 Verbrennermotoren sowie knapp 400.000 Rotoren und Statoren für Elektroantriebe. Das Werk soll zum Batteriezentrum des Konzerns umgebaut werden und jährlich Batteriezellen für 500.000 Fahrzeuge fertigen. Rund zwei Milliarden Euro will VW dafür in die Hand nehmen, losgehen soll es bereits 2025. Allerdings sind die Pläne aufgrund der Krise im E-Auto-Bereich bereits eingedampft worden – so wird vorerst mit nur einer statt zwei Produktionslinien geplant.
Das Braunschweiger Komponentenwerk ist das älteste des Konzerns, seine Ursprünge liegen im Jahr 1938 als eine Art Ausbildungswerk für die eigentliche Autofabrik in Wolfsburg. 7000 Mitarbeiter sind hier beschäftigt und produzieren vor allem Achsen, dazu Lenkungen, Bremsenteile oder auch Batteriesysteme für beinahe alle Konzernmarken.
In Baunatal bei Kassel steht das zweitgrößte VW-Werk. Hier werden vor allem Getriebe – rund drei Millionen im Jahr – sowie mittlerweile auch E-Antriebe produziert. 15.500 Menschen arbeiten an dem Standort, der auch im Bereich Entwicklung eine große Rolle spielt. Da VW somit aber über gleich drei große Komponentenwerke – neben Kassel also Braunschweig und Salzgitter – in relativer räumlicher Nähe zueinander verfügt, halten manche Beobachter es für denkbar, dass eines von ihnen auf der Streichliste stehen könnte.
Das 1990 eröffnete VW-Werk ist der erste große Standort, der komplett auf die Produktion von Elektromodellen umgestellt worden ist. 1,2 Milliarden Euro investierte der Konzern in den Umbau, der Anfang 2022 abgeschlossen war. Für die Kernmarke werden dort die Modelle ID.3, 4 und 5 gefertigt; dazu kommen Modelle von Audi und Seat. Rund 10.000 Menschen bauen dort fast 250.000 Fahrzeuge im Jahr. Durch die mangelnde Nachfrage nach E-Autos läuft auch dieses Werk nicht unter Volllast.
In dem Werk, in dem 1900 Menschen arbeiten, werden Motoren und Motorenkomponenten für Verbrennermodelle gefertigt – im vergangenen Jahr 690.000 Stück. Perspektivisch will VW im Rahmen seiner 100-Prozent-Elektrostrategie dort auch in die Fertigung von Komponenten für E-Antriebe einsteigen. Inwieweit die dafür nötigen Investitionen der Streichliste zum Opfer fallen könnten, ist fraglich.
Das mit 340 Beschäftigten sehr kleindimensionierte Werk, die „Gläserne Manufaktur“, gilt als Aushängeschild des Konzerns: Hier geht es vor allem um das Kundenerlebnis. Wer möchte, kann hier etwa die Produktion besichtigen oder eine Probefahrt machen. Die Stückzahlen sind entsprechend gering, seit Anfang 2021 wurden dort insgesamt 17.000 ID.3 produziert. Da die Manufaktur eher Prestigeobjekt als Produktionsfaktor ist, wird auch Dresden im Zusammenhang mit dem Sparprogramm häufig genannt.