Osnabrück  Im neuen Odenthal-Tatort gerät die Kommissarin massiv unter Druck

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 26.10.2024 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Noch mitgenommen von der Polizeiaktion sieht sich Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) einer internen Ermittlung durch LKA-Kollegen Kurt Breising (Bernd Hölscher) ausgesetzt. Foto: © SWR/Benoît Linder
Noch mitgenommen von der Polizeiaktion sieht sich Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) einer internen Ermittlung durch LKA-Kollegen Kurt Breising (Bernd Hölscher) ausgesetzt. Foto: © SWR/Benoît Linder
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Ähnlich wie im „Tatort: Ad acta“ lotet auch der neue Odenthal-Tatort „Dein gutes Recht“ Untiefen unseres Rechtssystems aus. Ob er auch so gelungen ist, lesen Sie hier.

Gleiches Recht für alle? Vergessen Sie es! Wie sehr der soziale Status davon abhängen kann, ob man vor Gericht Recht bekommt oder nicht, diese bittere Erfahrung zehrt an der ehemaligen Callcenter-Mitarbeiterin Marie Polat (Emma Drogunova). Erst wird sie von ihrem Chef sexuell belästigt, dann fristlos gekündigt. Ihre Klage vor Gericht scheitert, da es Patricia Prinz (Sandra Borgmann) als Anwältin des Callcenter-Chefs gelingt, die Glaubwürdigkeit von Polat massiv zu untergraben.

Das kann natürlich besonders schnell passieren, wenn man schon mal im Knast gesessen hat. Egal wofür. Im Falle von Polat lautete das Vergehen Schwarzfahren. Die 30 Tagessätze konnte sie nicht bezahlen. Also musste sie ihre Strafe absitzen. Jetzt droht ihr nicht nur Arbeitslosigkeit, sondern auch der Verlust des Sorgerechtes für ihren Sohn.

Als Prinz‘ Ehemann erschossen aufgefunden wird, gerät auch Polat unter Verdacht. Schließlich sieht alles danach aus, dass der Anschlag der manipulativen Anwältin galt. Aber der Gerechtigkeitssinn von Kriminalhauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) schlägt sofort an. Für Odenthal und ihre Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) steht von Anfang an fest, dass Polat nicht Täterin, sondern Opfer in einem Fall ist, der größer zu sein scheint, als es auf den ersten Blick wirkt. Als dann auch noch der Callcenter-Chef spurlos verschwindet, eskaliert die Situation und Odenthal findet sich plötzlich in einem internen Verfahren wieder. Der Vorwurf: unerlaubter Schusswaffengebrauch.

Thematisch erinnert der 80. Odenthal-„Tatort: Dein gutes Recht“ ein wenig an den erst vor fünf Wochen ausgestrahlten Fall „Ad acta“, in dem der Wunsch nach Recht und Gerechtigkeit vor Gericht von der Richterin mit den Worten „Das schaffen wir nicht“ abgekanzelt wurde. Hier geht es nun um Anstand und Moral. Anstand und Moral? Da kann auch die abgebrühte Anwältin Prinz nur müde lächeln. Wer entscheidet denn, was anständig und moralisch ist? Nein, diese Anwältin wirkt auch sonst in keiner einzigen Einstellung dieses Krimi auch nur annähernd sympathisch.

Autor und Regisseur Martin Eigler geht es in seinem Film um nichts weniger als unser Rechtssystem, das er in einem SWR-Presseinterview als „Rückgrat unserer offenen Gesellschaft“ bezeichnet. Mit seinem Krimi „Dein gutes Recht“ lotet er Schwachstellen dieses Rückgrates aus. Wobei für ihn vor allen Dingen auch die Fragestellung im Mittelpunkt steht, ob „Anwälte die gegnerische Partei diffamieren und mit haltlosen Behauptungen überziehen [dürfen], um den Interessen der eigenen Mandantschaft zu dienen? Wo sind die Grenzen des Anstands, des Erlaubten? Und wer entscheidet das?“

Leider gehen diese und weitere durchaus berechtigte Fragen zum Zustand unseres Rechtssystems in der wirren Inszenierung unter. Die Handlung verliert sich in einer Vielzahl verschachtelter Rückblenden und Erzählebenen, die munter durcheinander laufen und denen man aus Zuschauerperspektive nur mit sehr viel Mühe folgen kann. Das wirkt unnötig kompliziert und ist wirklich schade für diesen inhaltlich interessanten Fall, der durch diese inszenatorische Schwäche leider an Reiz verliert. Das wird auch durch den Nebenhandlungsstrang, in dem eine Nachfolge für Frau Keller gesucht wird, nicht besser.

Ein anderer Nebenhandlungsstrang wird im Anschluss an diesen „Tatort“ im „Tatort-Game 2 – Auf der Flucht“ auf tatortgame.de als chatbasiertes Spiel interaktiv fortgeführt. Darin geht es um einen Mord im Frauengefängnis, in dem auch die arme Episoden-Hauptfigur Polat einsitzen musste.

„Tatort: Dein gutes Recht“. Das Erste, Sonntag, 27. Oktober, 20.15 Uhr und anschließend in der ARD Mediathek.

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