Berlin Zamperoni im Dilemma: Politischer Zwist mit Trump-Anhänger und Sorge vor Gewalt in den USA
Ingo Zamperonis amerikanischer Schwiegervater wählt Donald Trump. Im Interview spricht der „Tagesthemen“-Moderator über politischen Krach in der Familie und über seine Sorgen vor Gewalt nach einer erneuten Trump-Niederlage.
Ingo Zamperoni präsentiert nicht nur die Nachrichten aus aller Welt. Als Deutsch-Italiener und Ehemann einer Amerikanerin erlebt er einen breiten Bereich der internationalen Politik auch als Teil der eigenen Familiengeschichte. Zur US-Wahl hat er noch einmal mit seinem Schwiegervater über Donald Trump gestritten – vor laufender Kamera. Vor der Ausstrahlung seiner Doku „Wirklich nochmal Trump, Amerika?“ haben wir mit dem 50-Jährigen über seine Leben zwischen Hamburg und Ohio gesprochen.
Frage: Herr Zamperoni, wo verbringen Sie den Abend der US-Wahl?
Antwort: Da werde ich in den USA sein. Wir senden die „Tagesthemen“ am 5. November und dem Tag danach aus Washington. Ich bin also ziemlich nah dran an der Action und freue mich drauf.
Frage: Was wäre anders, wenn Sie nicht für die „Tagesthemen“ berichten würden, sondern für einen US-Sender?
Antwort: Es gibt hervorragenden Journalismus in den USA, und unserer ist historisch stark von den angelsächsischen Medien geprägt. Aber viele US-Sender berichten mittlerweile durch eine gewisse Brille. Fox News oder MSNBC beispielsweise haben ein Geschäftsmodell daraus gemacht, ihrem Publikum eine bestimmte Sicht zu präsentieren. Da zeigt sich ein Unterschied zwischen einem Mediensystem, in dem die reichweitenstärksten Sender auf Werbung beruhen, und unserem Mix aus privatem und öffentlich-rechtlichem Rundfunk.
Frage: Wenn Sie aus den USA berichten, bleibt Ihre amerikanische Frau in Deutschland bei der Familie. Welche deutschen Dinge fehlen Ihnen drüben? Und was vermisst Ihre Frau bei uns?
Antwort: Was ich in den USA immer vermisse, ist das deutsche Brot, so eine schöne Sauerteigkruste. In Amerika findet man das höchstens in teuren Bäckerei-Boutiquen. Umgekehrt vermisse ich in Deutschland das Wetter der USA, die knackig-kalten Sonnentage im Herbst und Winter. Meine Frau vermisst amerikanische Traditionen. Viele haben wir einfach importiert. Wir feiern auch in Deutschland Thanksgiving mit Truthahn und Pekannuss-Kuchen. Am meisten fehlt uns die Nähe zur Familie.
Frage: An Thanksgiving, also am Erntedankfest, kommen in den USA die Familien zusammen. Ist das der Moment, an dem Ihre Frau und Ihr Schwiegervater sich politisch in die Haare kriegen?
Antwort: Was bei uns passiert, ist exemplarisch für Millionen amerikanische Familien. Meine Frau und ihr Vater haben eine enge Beziehung, aber bei Politik kracht es. Mein Schwiegervater ist kein großer Trump-Fan, aber überzeugter Republikaner. Am Ende sagt er: „Wenn Trump der Kandidat ist, dann wähle ich ihn.“ Meine Frau hält dagegen, bis beide nicht mehr können. Sie bleibt bewusst in der Auseinandersetzung – weil sie ihre Familie nicht einfach so aufgeben will. Auch das passiert nämlich. Meine Schwägerin etwa kriegt beim Wort Trump einen roten Hals und sie spart das Thema rigoros aus, gerade an den Feiertagen. Und eine Bekannte von uns redet seit Jahren gar nicht mehr mit ihrem Vater.
Frage: Können Sie konkret beschreiben, wie so ein Streit läuft? Wird geschrien? Pausiert der Konflikt, wenn Sie den geliebten Pekannuss-Kuchen servieren?
Antwort: Nehmen Sie als Beispiel eine zentrale Szene aus der neuen Doku von Birgit Wärnke und mir: Ich stehe in der Küche und schnippel Zucchini. Auf der einen Seite haut mein Schwiegervater dann diesen Satz raus: „Kamala Harris gewinnt die Wahl nur, wenn die Demokraten betrügen.“ Und auf der anderen Seite platzt es aus meiner Frau heraus: „Trump konnte die Lüge vom Wahlbetrug schon beim ersten Mal nicht beweisen! Wie kannst du das glauben? Trump untergräbt die Institutionen und zerstört das Vertrauen ins System!“ Aber beide gehen nie bis zum Äußersten, immerhin kommunizieren sie noch miteinander.
Frage: Ein Teil Ihrer amerikanischen Familie lebt in North Carolina, ein anderer in Wisconsin. Beide gehören zu den wenigen Swing States, in denen Trump oder Harris noch keine Mehrheit haben. Ist hier noch eine Debatte möglich, für die der Rest des Landes zu polarisiert ist?
Antwort: In den Swing States ist der Gegensatz genauso verhärtet. Diese Bundesstaaten mögen im Ganzen keine eindeutige Mehrheit haben, trotzdem gibt es oft keine Durchmischung. Manche Gebiete wählen republikanisch, andere gehören zum Harris-Lager. Auch in Charlotte, der Stadt meines Schwiegervaters, bleiben die Lager je nach Viertel meist unter sich. Oft ist klar, wer wen wählt, schon, weil die Leute Partei-Schilder in den Vorgarten stellen und Aufkleber auf die Autos kleben. In Deutschland weiß ich selbst im engeren Umkreis nicht wirklich, wer wen wählt, und ich würde auch nie nachfragen.
Frage: Wie war es, als Sie Ihre Frau kennengelernt haben? Klärt man die Parteizugehörigkeit gleich beim Flirten ab?
Antwort: Als wir uns in den 90ern begegnet sind, war die Polarisierung noch nicht so extrem, habe ich den Eindruck. Dieser Kulturkampf, in dem der politische Streit den ganzen Lebensstil prägt, rückte erst später in den Vordergrund. Aber wir haben ein älteres Ehepaar diesen Sommer in einer Kneipe in Wisconsin kennenglernt: Sie ist Demokratin, er ist Republikaner. Und sie wachen nur deshalb jeden Tag friedlich nebeneinander auf, weil sie nie über Politik reden.
Frage: Taylor Swift unterstützt Kamala Harris. Ist das eine gute Nachricht? Oder eine schlechte, weil sie damit als Integrationsfigur verloren ist?
Antwort: Na ja, als parteiübergreifendes Thema bleibt ja immer noch der Sport. Das Stadion ist einer der letzten Orte, an denen Republikaner und Demokraten sich noch zusammenraufen. Wenn meine Familie im Clinch ist, wechseln wir das Thema und sprechen über die Green Bay Packers, unser Football-Team. Im Pop ist Taylor Swift natürlich nicht die einzige, die sich positioniert. Für unsere Doku haben wir Kid Rock besucht, der Trump unterstützt und der wirklich einen kurzen Draht zu ihm hat. Wir haben gefragt, ob er Trump ans Handy kriegt – und dann hat er auf Laut gestellt und ihn angerufen. Nach zweimal klingeln war er dran – ein kurioser Moment.
Frage: Wären Sie dann also, dank Kid Rock, der deutsche Journalist, der Trump vor der Wahl exklusiv interviewt hat?
Antwort: Wenn Sie so wollen. Kid Rock hat gesagt: „Hier wollen ein paar Deutsche wissen, warum ich Trump-Fan bin.“ Geantwortet hat der dann: „Weil du willst, dass Amerika wieder ein Gewinner wird.“ Dann hat Trump uns aufgefordert, Kid Rock freundlich zu behandeln. Es ging alles sehr schnell, aber gewissermaßen war es wirklich ein Mini-Trump-Interview.
Frage: Sie hätten danach noch zu Taylor Swift gehen sollen. Die hätte Kamala Harris ans Telefon geholt.
Antwort: Die Anfragen an Taylor Swift sind im Sande verlaufen. Aber insgesamt haben die Demokraten eine breitere Unterstützung aus der Kultur, mit einer Menge Star-Power, von George Clooney bis Bruce Springsteen. Kid Rock ist einer der wenigen großen Stars auf Trumps Seite. Und er hat daraus auch ein ziemlich erfolgreiches Geschäftsmodell gemacht.
Frage: Droht uns eine Spaltung wie in den USA auch in Deutschland? Könnte das Missverständnis zwischen Ost und West so groß werden wie das zwischen New York und dem Bible Belt?
Antwort: Mentalitätsunterschiede gibt es in Deutschland ja auch zwischen Nord und Süd. Aber die Gefahr besteht immer, wenn man Menschen in Schubladen steckt. Wir müssen aufpassen, dass sich nicht auch hier eine ähnliche Trotzreaktion entwickelt. Vorverurteilungen sind Brandbeschleuniger. Und ohne Austausch wächst die Kluft.
Frage: Mit Trump sind die USA in die Fake-News-Ära gegangen. Eine der ersten großen Lügen war 2016 die Pizzagate-Verschwörungstheorie. Und Sie haben das direkt mitbekommen.
Antwort: Das war wirklich skurril. Wir lebten in Washington und 200 Meter von unserem Haus war die Pizzeria „Comet Ping-Pong“. Ein cooler Laden, in dem wirklich Ping-Pong-Tische stehen. Unsere Kinder haben da gespielt, wenn wir auf das Essen gewartet haben. Plötzlich gab es diese absurde Verschwörungstheorie, dass Hillary Clinton dort im Keller einen Kinderporno-Ring betreibt. Irgendein Irrer glaubte das und kam mit einer Waffe, um die vermeintlich gefangenen Kinder zu befreien. Es fielen sogar Schüsse. Plötzlich war überall Polizei. Es sah aus wie in einem Gangsterfilm. Ich habe das indirekt mitbekommen, weil ich zum Flughafen musste, aber mein Taxi wegen der ganzen Polizei-Absperrungen nicht zu unserem Haus kam. Erst später wurde uns klar: Als der Mann die Tür zum Keller aufgeschossen hat, hätten wir mit unseren Kindern genau dort sitzen können.
Frage: Erst die Lüge, dann die Gewalt: Genauso war es später auch bei Trumps Lüge über den Wahlbetrug und dem Sturm auf das Kapitol.
Antwort: Genau. Worte haben Wirkungen. Nehmen Sie zum Beispiel Trumps falsche Behauptung, dass Flüchtlinge aus Haiti in Ohio Hunde und Katzen stehlen und aufessen. In einem Land wie den USA, wo Schusswaffen an jeder Ecke zu finden sind, kann solche Stimmungsmache gegen bestimmte Gruppen gefährlich werden. Ich glaube nicht, dass eine Wahlniederlage Trumps zum Bürgerkrieg führt. Aber ich sehe schon die Gefahr, dass seine Lügen zu Ausschreitungen führen könnten und es im schlimmsten Fall Tote geben kann.
Frage: Glauben Sie, dass der Konsens über gemeinsame Wahrheiten auch bei uns kippen kann, dass faktenbasierte Argumente nicht mehr zählen?
Antwort: Die Gefahr sehe ich in jeder offenen Gesellschaft. Die Freiheiten, auf die wir uns stützen, können ausgenutzt werden – auch für die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Oder frei nach Hannah Arendt: Wenn keiner mehr irgendwas glaubt, öffnet das autoritären Systemen Tür und Tor. Dann fehlt nur noch der starke Mann, der die Stimmung ausnutzt.
Frage: Vor zwei Jahren hat Dieter Bohlen auf die Frage nach politischen Ambitionen weder Ja noch Nein geantwortet. Wie Trump wäre er ein polarisierender Anti-Establishment-Typ, den jeder aus dem Fernsehen kennt. Könnte Bohlen Kanzler werden?
Antwort: Ich glaube, wir sind hier viel nüchterner. Wenn unsere Politiker tanzen oder singen, finden wir das eher befremdlich. In den USA hingegen ist der Show-Faktor in der Politik sehr wichtig. Trump ist auch ein Entertainer, da ist immer dieser gewisse Show-Effekt – ob man das nun positiv oder negativ sieht. Bei uns kommt das nicht an, wir Deutschen mögen es offenbar reduzierter. Umgekehrt würde jemand mit einer besonnenen Art wie Angela Merkel oder Olaf Scholz es in den USA aber wohl auch nicht an die Spitze schaffen.
Frage: Die Dreharbeiten für Ihre US-Wahl-Doku haben im März begonnen, danach war Biden noch fünf Monate lang Kandidat, bis Kamala Harris übernommen hat. Wie oft mussten Sie Ihren Film umschneiden?
Antwort: Wir mussten mehrfach neu planen. Und einige Interviews auch nachholen, weil sich ständig etwas geändert hat. Aber bei den „Tagesthemen“ haben wir eine eiserne Losung: Aktualität schlägt Planung. Ich bin das also gewohnt. Und immerhin ist es dadurch spannender geworden – für unseren Film, aber auch die Wahl selbst. Wäre Biden Kandidat geblieben, stünde Trump als Sieger wohl schon fest.