Landwirtschaft im Wandel  Ehemaliger Nordseewerker ist heute Milchbauer

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 22.10.2024 09:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Familie Sweers aus Wybelsum: Luise (4, von links), Anneke (9), Klara (7) und ihre Eltern Stefan und Mirjam Sweers. Foto: Ortgies
Familie Sweers aus Wybelsum: Luise (4, von links), Anneke (9), Klara (7) und ihre Eltern Stefan und Mirjam Sweers. Foto: Ortgies
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In der Serie „Landwirtschaft im Wandel“ stellen wir landwirtschaftliche Betriebe und die Menschen dahinter vor. Den Start macht der Milchbauer Stefan Sweers aus Wybelsum in Emden.

Wybelsum - Stefan Sweers ist stolz darauf, Landwirt zu sein. Das merkt man spätestens dann, wenn man sich mit ihm über seinen Beruf unterhält. In dritter Generation führt er einen Milchviehbetrieb am äußersten Stadtrand von Emden, in Wybelsum. Dort lebt er mit seiner Familie und hält knapp 200 Milchkühe, für die er rund 100 Hektar Grünland bewirtschaftet. Hinzu kommt eine moderne Biogasanlage.

Der Hof von Familie Sweers hat in den vergangenen 60 Jahren eine beachtliche Entwicklung hinter sich. Als Stefan Sweers’ Großvater Anfang der 1960er Jahre den Betrieb als Pächter übernahm, waren es mit 16 Kühen und 27 Hektar noch deutlich weniger Tiere und Fläche als heute. „Wir haben den Betrieb im Laufe der Jahre auf den modernsten Stand gebracht“, sagt Stefan Sweers. Dabei hat sich der Betrieb nicht nur vergrößert, sondern ist vor allem auch nachhaltiger geworden.

Etwa 200 Milchkühe leben auf dem Hof von Stefan Sweers in Wybelsum. Foto: Ortgies
Etwa 200 Milchkühe leben auf dem Hof von Stefan Sweers in Wybelsum. Foto: Ortgies

In Zukunft des Betriebs investiert

Stefan Sweers hatte nach der Schule als Konstruktionsmechaniker bei den Emder Nordseewerken gearbeitet und dort eine Berufsausbildung absolviert. Trotzdem war für ihn klar, dass er irgendwann „nach Hause kommen“ will, wie er sagt. Schon als Jugendlicher habe er regelmäßig auf dem elterlichen Betrieb geholfen und gearbeitet. „Die Landwirtschaft, das mochte ich einfach schon immer gern“, sagt er. Hinzu kam der Reiz, selbstständig zu arbeiten und Zeit in der Natur und mit den Tieren verbringen zu können. Schließlich machte er 2006 eine zweite Berufsausbildung als Landwirt und stieg in den Betrieb ein.

Die drei Töchter von Stefan Sweers genießen das Leben auf dem Bauernhof. Foto: Ortgies
Die drei Töchter von Stefan Sweers genießen das Leben auf dem Bauernhof. Foto: Ortgies

Damals hatten er und sein Vater viel Geld in die Hand genommen, um den Stall zu modernisieren, zu erweitern und somit schließlich auch die Arbeit und den Umsatz für eine zweite Familie zu steigern. In der Landwirtschaft sind dafür recht hohe Kredite mit langen Laufzeiten erforderlich. „Man muss sich also schon sicher sein, was man da macht“, sagt Stefan Sweers.

Den Melkstand hat Stefan Sweers selber geplant und gebaut. Foto: Ortgies
Den Melkstand hat Stefan Sweers selber geplant und gebaut. Foto: Ortgies

Nachhaltigkeit wird immer wichtiger

„Bei uns war es so, dass die eine Generation den Hof verlassen hat und die andere ihn übernommen hat“, sagt Sweers. Wie bei Pachtbetrieben oft üblich, hatten seine Großeltern und Eltern den Betrieb jeweils zum Renteneintritt an die nächste Generation übergeben. Seine Eltern zogen im Anschluss in die Grafschaft Bentheim, wo sie auch Familie haben.

Stefan Sweers ist mit Erfindungsreichtum gesegnet: Viele Dinge auf seinem Betrieb hat er selber gebaut. So auch diesen Futterschieber. Foto: Ortgies
Stefan Sweers ist mit Erfindungsreichtum gesegnet: Viele Dinge auf seinem Betrieb hat er selber gebaut. So auch diesen Futterschieber. Foto: Ortgies

In den folgenden Jahren investierte Sweers, auch nachdem sein Vater in Rente gegangen war, weiter in die Zukunftsfähigkeit seines Betriebs. „Wir sind dann recht schnell gewachsen“, sagt er. Dazu gehören für den Emder Landwirt neben dem großen Stall mit viel Platz und Tierwohl unter anderem auch eine moderne Melkanlage sowie Photovoltaik auf dem Dach und seit Anfang des Jahres auch eine Biogasanlage zur Stromgewinnung. Das biete ihm nicht nur zusätzliche Einnahmen, sondern auch die Möglichkeit, nachhaltiger zu wirtschaften.

In der Biogas-Anlage entstehen aus Mist und Gülle Strom und Wärme. Foto: Ortgies
In der Biogas-Anlage entstehen aus Mist und Gülle Strom und Wärme. Foto: Ortgies

Wandel in der Landwirtschaft

„Das sind sicherlich Themen, mit denen sich mein Großvater noch weniger auseinandergesetzt hat“, sagt der 39-Jährige. „Aber es sind Themen, bei denen wir in der Landwirtschaft mitgehen müssen. Ob wir wollen oder nicht“, sagt er. Die Biogasanlage etwa produziert nicht nur Energie und bringt Einnahmen, sondern trägt auch zur Reduzierung von CO₂-Emissionen bei. Die Anlage wird mit der auf dem Hof anfallenden Gülle und dem anfallenden Mist betrieben. Die Produktionsreste eignen sich im Anschluss wiederum ideal als Dünger, sodass Sweers auf künstliche Mittel verzichten kann. Eine Win-win-Situation also.

In der Gerätehalle ist Platz für allerlei. Foto: Ortgies
In der Gerätehalle ist Platz für allerlei. Foto: Ortgies

Als Landwirt müsse man bereit sein, diesen Wandel mitzugehen. Die meisten sind das auch, sagt Sweers. Aber: „Wir leisten viel, aber dann muss auch etwas kommen.“ Es sei manchmal „echt frustrierend“, dass man investiere und nach Lösungen suche, und nach wenigen Monaten gebe es wieder neue Regelungen oder Auflagen, die all das zuvor Geplante zunichtemachen können. „Das geht alles so rasend schnell“, sagt Sweers. Fördertöpfe, Behördendschungel, Gesetze, Umweltverbände, Einzelhandel. Es sei quasi unmöglich, es allen immer recht zu machen. „Manchmal fragt man sich da schon, wofür man das alles macht.“ Vom bürokratischen Aufwand, Themen wie dem Wolf oder der Blauzungenkrankheit, ist dabei noch nicht einmal die Rede.

Modernes Familienleben in der Landwirtschaft

Zur modernen Landwirtschaft gehört auch ein modernes Familienleben. Während es damals noch üblich war, dass die Frau als Bäuerin auf dem Betrieb mithalf, sind in modernen Betrieben die meisten Frauen berufstätig. Mirjam Sweers arbeitet als Lehrerin an einer Grundschule. Die drei Töchter Anneke (9), Klara (7) und Luise (4) gehen zur Schule beziehungsweise in die Kita. Das alles mit dem Betrieb unter einen Hut zu bekommen sei da manchmal ein ganz schöner Balance- und Organisationsakt, sagt Stefan Sweers. Umso stolzer seien er und seine Frau, es gemeinsam so gut hinzubekommen.

Tochter Luise ist mit ihrem Roller auf dem Hof unterwegs. Foto: Ortgies
Tochter Luise ist mit ihrem Roller auf dem Hof unterwegs. Foto: Ortgies

Bei Landwirten verschwimmen die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem oft. „Da muss man schon aufpassen, dass das Private nicht auf der Strecke bleibt.“ Für ihn persönlich sei es deshalb auch so wichtig, zum Beispiel die Mittagspause mit der Familie zu verbringen. Sein Angestellter fährt während dieser Zeit meist nach Hause, einen Auszubildenen hat er nicht.

Stefan Sweers ist es wichtig, als Landwirt Gesicht zu zeigen. 16 Jahre lang engagierte er sich in der Landjugend, jetzt im Landvolk. Nur, wenn die Landwirte auch wahrgenommen werden, könnten sie aktiv mitgestalten, so der 39-Jährige. Sein Beruf mache ihm auch nach fast 20 Jahren noch immer sehr viel Spaß: „Ich bin sehr gerne in der Natur und hier draußen. Es ist jeden Tag wieder etwas Neues, es gibt jeden Tag neue Herausforderungen. Und dafür leben wir hier auf dem Hof.“

Landwirte gesucht – wir stellen Ihren Hof vor!

Emden/Krummhörn/Hinte - Die Landwirtschaft in Ostfriesland ist nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Teil der ostfriesischen Kultur und Identität. Ob traditionsreicher Familienbetrieb oder innovative, moderne Landwirtschaft – hinter jedem Hof steckt eine eigene Geschichte. Diese Geschichten möchten wir im Rahmen unserer Serie „Landwirtschaft im Wandel“ erzählen.

Von Milchviehhaltung über Gemüseanbau bis hin zu Nischenbetrieben: Ob Sie im Haupt- oder Nebenerwerb arbeiten, spielt dabei keine Rolle. Uns interessieren die Herausforderungen und Chancen, mit denen Sie sich täglich auseinandersetzen, aber auch die persönlichen Geschichten hinter Ihrem Betrieb.

Hier kann man sich melden

Wie sieht der Arbeitsalltag aus? Welche Besonderheiten gibt es? Wie vereinen Sie Tradition und Innovation? Wie gehen Sie mit all den Auflagen um? Mit unserer Serie möchten wir zeigen, was die Landwirtschaft in Ostfriesland heute ausmacht. Wir wollen die Vielfalt der Betriebe in den Vordergrund rücken und die Menschen, die dahinterstehen, vorstellen.

Zum Start der Serie wollen wir mit Betrieben aus Emden, der Krummhörn und Hinte beginnen. Sie können sich vorstellen, uns Ihren Hof und Ihre Arbeit zu präsentieren? Dann melden Sie sich bei Redakteurin Hannah Weiden unter h.weiden@zgo.de oder red-emden@zgo.de.

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