Osnabrück  Alpha-Mann der Literatur: Clemens Meyer, der Buchpreis und eine Schimpfkanonade

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 21.10.2024 17:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Fiel bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises unangenehm auf: Der Schriftsteller Clemens Meyer. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Fiel bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises unangenehm auf: Der Schriftsteller Clemens Meyer. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
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Wenn ein Mann glaubt, immer der Gewinner sein zu müssen: Clemens Meyer ging beim Deutschen Buchpreis leer aus. Der Autor rastete aus. Was sagt uns das über den Literaturbetrieb und seine Alpha-Männer?

Ist er jetzt der Luis Rubiales der deutschen Literatur? Nein, Clemens Meyer hat keine Schriftstellerin gegen ihren Willen auf den Mund geküsst. Der damalige Präsident des spanischen Fußballverbandes tat im August 2023 genau das. Rubiales drückte bei der Siegerehrung der Europameisterschaft der Frauen seine Lippen auf die der Spielerin Jennifer Hermoso. Der Skandal war perfekt. Alle sprachen über Rubiales, keiner mehr über den sportlichen Erfolg der spanischen Fußballerinnen.

Clemens Meyer hat jetzt das gleiche Kunststück geschafft. Bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises ging er leer aus. Martina Hefter bekam für ihren Roman „Hey guten Morgen, wie geht es Dir?“ den Preis zugesprochen. Das sei eine „Schande für die Literatur“ pöbelte Meyer bei der Preisverleihung.

Jetzt ist Meyer der Rubiales. Auch er hat den Erfolg einer Frau weggebellt, sie regelrecht von der Bühne gefegt. Monika Hefter war vom Entscheid der Jury sichtlich überrascht, Meyer dagegen hielt den Preis gedanklich schon in Händen. Ein Roman, der „Die Projektoren“ heißt und 1000 Seiten stark ist, muss doch ausgezeichnet werden, oder?

Dabei gehört Konkurrenz zum Geschäft der Autoren, ja, der Künstler überhaupt. Das Weichzeichnerbild vom Literaturbetrieb, in dem sich alle liebhaben, täuscht gewaltig. Meyers Ausbruch macht einen puren Überdruck von Neid und Missgunst sichtbar. Aber darf ein Genie, wie es dieser Autor nach vielfacher Kritikermeinung ist, nicht auch egoistisch ein und nur sich selbst meinen?

Nein, denn Gegenbeispiele überwiegen. Hätte man sich einen vergleichbaren Ausbruch Salman Rushdies vorstellen können, der als Favorit in das Rennen um den Literaturnobelpreis 2024 ging und mit der Südkoreanerin Han Kang einer Frau den Vortritt lassen musste? Salman Rushdie ist ein großer Autor und ein Gentleman. Ich bin sicher, dass er Han Kang längst aufrichtig gratuliert hat.

Clemens Meyer hat wohl nicht diese Klasse. Er übt keine Zurückhaltung, sondern hebt den Deckel vom Topf und lässt alle Welt sehen, wie heftig seine Neidsuppe brodelt. Der Mann hat nach eigenen Worten Steuerschulden, muss seine geschiedene Frau ausbezahlen und hätte deshalb das Preisgeld gut gebrauchen können. Ja, hehr und rein ist sie, die Sphäre der Kunst, und frei von jeder Banalität.

Dass ein Schriftsteller auch Geldsorgen hat, mag zu seinem nicht immer weich ausgepolsterten Leben gehören. Aber sein Kunstverstand müsste ihm sagen, dass er sein Werk auch dadurch pflegen sollte, dass er es in ein gutes Licht stellt und nicht durch Zornesausbrüche verdunkelt. Clemens Meyer gibt lieber das wüste Genie und zahlt mit ganz kleiner Münze – als hätte er nicht schon zwanzig Literaturpreise auf der eigenen Trophäenliste.

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