Osnabrück Schriftstellerin Iris Wolff und die schwierige Frage nach der wahren Heimat
Mit ihrem Roman „Lichtungen“ schaffte sie es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2024: Die Autorin Iris Wolff. Als Kind kam sie von Rumänien nach Deutschland. Wo liegt für sie die wahre Heimat? Ein Porträt.
Sie heißen Kato und Lev und als sie gemeinsam auf den Zürichsee schauen, haben sie einen weiten Weg hinter sich. Dieser Weg hat sie aus dem rumänischen Siebenbürgen in den Westen, aus einer hinter dem Eisernen Vorhang abgeschlossenen Welt hinaus in eine ungewohnte Weite geführt. Iris Wolff lässt die Figuren ihres Romans „Lichtungen“ genau jenen Weg zurücklegen, den sie als Kind selbst gegangen ist.
„Ich möchte die Welt der kleinen Völker der Banater Schwaben und der Siebenbürger Sachsen im Rückblick erkunden“, sagt Wolff im Gespräch. Die Autorin, die es mit ihrem letzten Buch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2024 schaffte, kam 1977 in Hermannstadt, dem rumänischen Sibiu zur Welt. 1985 gingen ihre Eltern mit ihr in den Westen, nach Deutschland.
2012 debütierte sie mit dem Roman „Halber Stein“, gewann eine ganze Reihe von Literaturpreisen. 2020 erschien ihr Roman „Die Unschärfe der Welt“.
Literaturkritiker belegen ihr Werk gern mit dem Etikett der Heimatliteratur. Iris Wolff kann damit nichts anfangen. „Heimat ist für mich ein ambivalenter Begriff“, sagt die Autorin, mit leiser Stimme ihre Worte wägend. Mit ihren Büchern wolle sie erinnern, Vergangenheit aber nicht verklären. Heimat als fraglose Identität, für Iris Wolff gibt es sie nicht.
Das gilt gerade für jenes Rumänien, dem sie als Kind den Rücken kehrte. „Rumänien fasziniert mich im Rückblick mit seinem Vielklang der Sprachen und kulturellen Zugehörigkeiten“, differenziert die Autorin. Diese Vielstimmigkeit nimmt sie nach ihren Worten als ein Experiment wahr, das nicht immer gelungen sei.
Iris Wolff ist ein leiser Mensch, eine Autorin, die Worte so sorgfältig wägt, wie sie Erinnerungen nachspürt, sich noch einmal in Schicksale und Milieus einfühlt – und in Landschaften, kulturelle Räume. Sie hat ein Gespür für Heimat, aber nichts übrig für einen oberflächlichen Gebrauch des Begriffs.
Man könne sich an unterschiedlichen Orten beheimaten, sagt die Autorin, die heute in Freiburg lebt. „Das habe ich als Kind erst lernen müssen“, blickt sie auf ihre Migration von Rumänien nach Deutschland zurück. Heute finde sie auf unterschiedliche Weisen Heimat. „Im Augenblick bin ich beheimatet in Herbstgeruch und Stille des Waldes“, sagt sie.
Und fügt an, was für eine Schriftstellerin erwartbar ist: „Ich bin in der Sprache beheimatet“. Wolff schreibt Texte von fein austariertem Klang. Sie prüft Wörter, als würde sie Früchte auf ihren Reifegrad abtasten, feinfühlig und genau. Wer ihre Texte liest, lernt das feine Hinhören neu. Wolffs Sprache schließt Welt auf, im besten Sinn.
„Ich mag es nicht, zu allem immer gleich eine Meinung haben zu müssen“, sagt die Autorin und plädiert für eine Entschleunigung des öffentlichen Sprechens. Eingriffe in die Sprache finden nicht ihren Beifall. Das gilt auch für das Gendern. „Ich gendere nicht, weil ich die Unterbrechung im Sprachfluss nicht mag“, wendet Wolff sich gegen das hörbare Binnen-I oder das mitgesprochene Gendersternchen.
Aber auch bei diesem heiklen Thema bleibt sie abwägend. Die Gendersprache entspreche nicht ihrem „Zungenschlag“, sie verstehe aber die Frage nach Gerechtigkeit, die sich mit der Gendersprache verbinde. Wolff verwendet in ihren eigenen Texten männliche und weibliche Formen in Kombination, betont gleichwohl: „Ich denke außerhalb von binären Codes.“
Iris Wolff hat zu diesen Debatten ohnehin ihre eigene, ruhige Lesart: „Wir sollten nicht so sehr das Trennende betonen, sondern das Verbindende suchen“, sagt sie. Genau das unternimmt sie mit jedem ihrer Bücher. Sie habe Demut vor Geschichten und ihren Figuren, sagt sie. Ob Heimat jemals reiner sein kann, als im Roman selbst? Im Hinblick auf Iris Wolffs Romane wäre diese Frage vorsichtig zu beantworten: wohl kaum.