Kokain im Meer vor Spiekeroog Angeklagter gibt versuchten Drogenschmuggel zu
Er sollte mit Hilfe eines Peilsenders Kokain aus der Nordsee vor Spiekeroog fischen: Einer der Angeklagten im Prozess am Landgericht Oldenburg packte jetzt aus.
Oldenburg/Ostfriesland - Er sollte mittels eines Peilsenders rund eine Tonne Kokain vor Spiekeroog in der Nordsee orten und von einem Kutter aus aus dem Wasser holen: So schilderte am Donnerstag, 10. Oktober 2024, ein 46-Jähriger seinen Part an einem versuchten Drogenschmuggel vor der Ersten Großen Strafkammer im Landgericht Oldenburg.
10.000 Euro seien ihm dafür versprochen worden, sagte er aus. Der Angeklagte sah von dem Geld aber keinen Cent, weil er und zwei weitere mutmaßliche Komplizen kurz darauf vom Bundeskriminalamt (BKA) verhaftet wurden. Seitdem sitzen der 46-Jährige und sein Mitangeklagter, der 50-jährige Kutterkapitän, in Untersuchungshaft. Dem Dritten im Bunde, einem 48-Jährigen, soll später der Prozess gemacht werden. Diese Einlassung des 46-Jährigen verlas sein Verteidiger Rainer Nitschke am zweiten Verhandlungstag. Prozessauftakt war am Mittwoch, 9. Oktober, gewesen.
Kapitän weist alle Vorwürfe zurück
Zuvor hatte sich am Donnerstag auch der 50-jährige niederländische Kapitän zu Wort gemeldet. Er las rund eine dreiviertel Stunde lang ein handschriftlich verfasstes Statement vor. Darin beschrieb er, dass er bei seiner Festnahme von den schwerbewaffneten Polizisten „mit den Tod bedroht“ worden sei. Die Haft sei unerträglich, unter anderem, weil das Trinkwasser „vergiftet“, die medizinische Versorgung und die Kontakte zu seinen Anwälten und Angehörigen mangelhaft seien. Er mäanderte, teilweise ohne Zusammenhang zu der Anklage, durch sein Leben.
Der mittelgroße, kräftig gebaute Mann wies zum Schluss empört alle Anklagepunkte von sich. Belastende Fotos, die auf seinem Handy gefunden worden waren, sowie Nachrichten und eine App, die Schiffsbewegungen aufzeigen kann, erklärte der 50-Jährige damit, dass sein Mobiltelefon mehrfach gehackt worden sei.
46-Jähriger wollte aus Geldnot Drogen schmuggeln
Anders sein Mitangeklagter. Der große, schlanke, dunkelhaarige Mann gab zu, dass er vor dem Einsatz in der Nordsee am 19. März 2024 von einem „Bekannten eines Bekannten“ angesprochen worden sei. Ob er sich 10.000 Euro schnell und für wenig Arbeit verdienen wolle? Weil er in Geldnot gewesen sei, habe er zugesagt. Ihm seien ein Handy und ein Satellitentelefon ausgehändigt worden. Darüber sei während der Aktion die Kommunikation mit den Hintermännern gelaufen. Er sollte eine Antenne an dem Kutter anbringen, damit die Drogenpakete im Wasser geortet werden könnten. Dann solle er bei der Bergung helfen.
Mehr wolle er aber nicht sagen und schon gar keine Namen nennen, teilte der 46-Jährige vor Gericht mit. Er habe Angst um seine Familie. Doch schon vor der geplanten Suchfahrt auf der Nordsee hatte das BKA die Angeklagten im Visier gehabt.
Ermittler bekamen Tipp aus den USA
Die Beamten aus Wiesbaden hatten von der US-amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde einen Tipp bekommen. Danach hatte ein Stückgutfrachter das Kokain an Bord. Das Schiff war im Februar in Brasilien mit Sojaschrot an Bord losgefahren. Zielhafen war Brake (Unterweser) in der Wesermarsch. Vor der Nordseeküste sollte die Tonne Kokain in zusammengebundenen, wasserdichten Drogenpaketen in die See geworfen und dann von einer Kutterbesatzung aufgelesen werden.
Nach diesem Tipp aus den USA wurde die Kutter in Cuxhaven überwacht. Dort tauchten Mitte März die drei später Gefassten und zwei bisher Unbekannte auf, versorgten sich mit Ausrüstung und Proviant und fuhren am 19. März in Richtung ostfriesische Inseln los.
Das sagten die BKA-Beamten im Prozess
Allerdings klappte die Übergabe nicht, weil der Peilsender des schwimmenden Drogenteppichs nicht funktionierte. So verpassten sich der Frachter und der Kutter am anvisierten Treffpunkt. Das sind jedenfalls die Erkenntnisse von drei BKA-Beamten und -Beamtinnen, die am Donnerstag im Prozess aussagten. Die beiden Schiffe fielen laut einer BKA-Beamtin der Verkehrszentrale des zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamtes auf: Der Frachter hatte die Fahrrinne verlassen, und der Kutter hatte, parallel zur Route des Frachters, zwei scharfe 180-Grad-Wendungen gemacht. Beide wurden zur Ordnung aufgerufen – und fanden danach nicht mehr zueinander.
Anscheinend hatte der Frachter aber die Drogen abgeworfen, denn auf den Handys der beiden Angeklagten gibt es jeweils ein Foto, das miteinander verbundene, schwimmende Pakete im Kielwasser eines Schiffes zeigt. Dazu wurde über WhatsApp mitgeteilt: „Hi sexy, this is it.“ „Hi sexy, das ist es“ interpretieren die Experten des BKA als Hinweis darauf, dass das Bild die Drogen im Wasser zeigt.
Wo ist die Tonne Kokain?
Bisher wurden die Drogen allerdings nicht gefunden. Entweder seien sie von einem anderen Boot, das unerkannt blieb, rausgefischt worden, oder sie seien überfahren und aufgerissen worden und dann gesunken, lauten die Theorien der Experten.
Die knapp 700 Kilogramm Kokain (netto), die Anfang April diesen Jahres auf Borkum gefunden wurden, stammen laut BKA aber nicht aus der Sendung von März. Diese Art von Drogenschmuggel auf See wird von den Drogenfahndern „drop off“ genannt.
28.000 Euro für zehn Kilo Kokain
Nach Angaben des 46-jährigen Angeklagten brach die Besatzung am 19. März 2024 die Suche nach dem Kokain gegen 19 Uhr ab. Der Kutter fuhr in Richtung Helgoland. Das BKA gehe davon aus, dass sich die mutmaßlichen Schmuggler vor der Hochseeinsel noch mal in Ruhe mit ihren Hintermännern absprechen wollten, bevor die Suche am nächsten Tag weiter gehen sollte, sagte ein Beamter aus.
Wie denn der Wert der Drogen sei, fragte der Vorsitzende Richter Michael Sievers. Bei großen Mengen lägen zehn Kilo Kokain bei rund 28.000 Euro, so der Zeuge. In den Niederlande sei es etwas billiger. Danach läge der Wert der gesuchten Tonne Kokain bei rund 2,8 Millionen Euro. Bei einer Verurteilung drohen den Angeklagten mehrjährige Haftstrafen ohne Bewährung.
Für den Prozess sind noch weitere sechs Verhandlungstage bis zum 11. November 2024 angesetzt.