Osnabrück Iris Wolffs „Lichtungen“: Dieser Roman hat den Buchpreis verdient
Welcher Roman holt den Deutschen Buchpreis 2024? Wir stellen die sechs Titel der Shortlist vor. Dieses Mal: Iris Wolffs Roman „Lichtungen“.
Es sei gleich gesagt: Dieses Buch verdient den Deutschen Buchpreis 2024. Warum? Weil „Lichtungen“ ein vorzüglicher Roman ist und Iris Wolff eine Erzählerin, die ihr Buch klug disponiert und ihre Figuren sensibel ausleuchtet. Wer mit Literatur lernen will, wie sich präziser hinschauen und genauer zuhören lässt, der ist mit diesem Roman nicht einfach nur bestens bedient, sondern auf einer Reise, die sein Gespür für das erweitern wird, was man gemeinhin das Leben nennt.
Worum geht es? Um die Geschichte von Lev und Kato. Dies wäre die einfache Antwort. Eigentlich aber geht es um eine Geschichte, die rückwärts erzählt wird, eine Geschichte, die in einer Gegenwart beginnt und sich dann in ihre Vergangenheit wendet. Iris Wolff weitet den Horizont ihrer Erzählung gleichsam in deren Rückraum. Ein faszinierendes Bauprinzip.
Dabei verschachtelt die Autorin das Schicksal ihrer beiden Hauptfiguren mit der politischen Geschichte Europas und deren geografischen Räumen. Lev und Kato treffen sich in Zürich. „Wann kommst Du?“. Drei Worte auf einer Postkarte bringen Lev dazu, von seinem Heimatort in Rumänien nach Zürich zu reisen, wo Kato inzwischen ihre Pflasterbilder malt. Verwurzelt der eine, ständig unterwegs die andere – auch aus dieser Spannung bezieht die Erzählung ihren Bewegungsimpuls.
Sechs weitere Kapitel lang führt Iris Wolff ihre Leser zurück in die Vorgeschichte ihrer Hauptfiguren. Zu Beginn steht der Leser mit den beiden jungen Leuten am Zürichsee, später wandert er durch das rumänische Siebenbürgen, begegnet immer mehr Menschen, betritt ungewohnt fremde Räume und vor allem jene Welt, die einst hinter dem Eisernen Vorhang lag.
„Lichtungen“ ist ein Buch über Europa und Migration, ein Roman über die Veränderungen eines Kontinents und die Wanderwege, die seine Menschen gehen. Die Autorin berührt große Themen von Rumäniens Diktator Nicolae Ceaușescu bis zum Reaktorunfall von Tschernobyl und kommt dabei ganz ohne moralisierende Botschaft aus. Sie interessiert sich für Menschen, nicht für die vermeintlich großen Staatsgeschäfte.
„Man müsse immer bereit sein, aufzubrechen, sagte Kato, ohne von ihrer Zeichnung aufzusehen. `Auch wenn man gerade erst angekommen ist?´, `Dann besonders´“. Iris Wolff führt ihre Leser in jenes Geflecht der Bezüge und Erlebnisse, der Abschiede und Aufbrüche, aus denen Biografien geknüpft sind. Sie erzählt in einem wunderbar temperierten und genauen Ton und ihren Roman zu einem Raum macht, in dem man sich heimatlich fühlen darf.
Iris Wolff: Lichtungen. Roman. Klett Cotta Verlag. 256 Seiten. 24 Euro.