Osnabrück  Feuerwerk der Sprache: Maren Kames und ihr Roman „Hasenprosa“

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 08.10.2024 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Mit ihrem Roman „Hasenprosa“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises: Autorin Maren Kames. Foto: dpa/picture-alliance
Mit ihrem Roman „Hasenprosa“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises: Autorin Maren Kames. Foto: dpa/picture-alliance
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Welcher Roman holt den Deutschen Buchpreis 2024? Wir stellen die sechs Titel der Shortlist vor. Heute: Maren Kames´ Roman „Hasenprosa“.

Hakenschlagend und mit hohem Tempo saust der Hase über die Felder – und durch die Kulturgeschichte. Es gibt ihn flauschig auf Albrecht Dürers Aquarell, als Tischgenossen in „Alice im Wunderland“ oder als magisches Wesen in der Kunstwelt des Joseph Beuys. Seine Energie scheint unerschöpflich. Jetzt spurtet er durch Maren Kames‘ Roman „Hasenprosa“. Hakenschlagen ist des Hasen Kerngeschäft. Das der Autorin auch.

Worum geht es in dem Buch? Falsche Frage! Worum geht es nicht? „Ich ahnte ja nichts. Wie arglos ich war, wie zartblau“: Was die Ich-Erzählerin über ihren eigenen Ausgangspunkt sagt, gilt unbedingt auch für alle Leser. Sie können nicht wissen, wohin sie diese seltsam versponnene Geschichte tragen wird.

Der Begriff Roadmovie klingt seltsam verbraucht, wird er auf diesen Freiflug durch Zeit und Raum bezogen. Es geht durch alle Galaxien des Lebens und seiner Erinnerung, Diese Erzählung macht den Leser mit Lionel Messis Dribbelkünsten bekannt und mit den Erinnerungen an die Oma. Kames geht nicht nur auf die große Reise durch vielerlei Wirklichkeiten. Sie lässt sich vor allem vom Eigensinn der Sprache vorantreiben.

Kein Wunder, dass die Literaturkritik in diesem kleinen Buch die große Abweichung vom Mainstream der realistischen Prosa entdeckt hat. Kames lässt Wortschöpfungen wie kleine Feuerwerke leuchten. Ob „Enzyklothek“, „Mississipium“ oder „Sowiesobedarf“: Die Hasenprosa entfaltet vor allem als Sprachereignis großen Zauber.

Das klingt nach reichlich viel Selbstbezug, ist es aber nicht. Denn dieser Roman – ja, das ist er trotz der Texthäppchen auch – fragmentiert seine lineare Geschichte zu einem Parcours aus lauter Abschweifungen. Es gibt kein Leben außerhalb der Sprache und der Erinnerungen: So ließe sich das Credo der Autorin versuchsweise fassen.

Und der Hase? „Insgeheim, meine ich, ist der Hase der Meister von allem gewesen. Er wusste Bescheid“: Das Tier als magischer Welteröffner, als Guide und Gehilfe, darin liegt ein weiterer Reiz dieses Buches, das mit der Erzählerin auch den Leser auf die Reise zu ständig neuen Entdeckungen führt. Diese Geschichte schließt sich nirgends, sie öffnet sich unentwegt weiter. Ein irrer Trip.

„Diese eigensinnige Reise nistet sich ein im Gemüt der Lesenden und lässt einen erheitert, alltagsertüchtigt und beglückt zurück. Sie packt unseren Lachnerv mit beiden Pfoten - und leichtfüßig hüpft sie jedem dumpfen Realismus davon“.  So beschreibt die Jury des Deutschen Buchpreises Kames´ Buch. Ich stimme zu – und lasse den Hasen getrost seines Weges hoppeln.

Maren Kames: Hasenprosa. Roman. Suhrkamp Verlag. 182 Seiten. 25 Euro.

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