Osnabrück Plädoyer für einen Favoriten: Wer erhält den Literaturnobelpreis 2024?
Wer bekommt den Literaturnobelpreis 2024? Wenige Tage vor der Bekanntgabe des Preisträgers werden wieder viele Namen gehandelt. Dabei gibt es in diesem Jahr einen ganz klaren Favoriten.
Die Vergaben der letzten beiden Jahre stießen auf einhellige Zustimmung. 2023 erhielt mit dem Norweger Jon Fosse ein selten kompletter Autor den Preis. Mit einen vielfach aufgeführten Dramen und seinen ausladenden Romanen gilt Fosse als eine der wichtigsten literarischen Stimmen weltweit.
Bejubelt wurde 2022 auch die Verleihung des Literaturnobelpreises an die französische Schriftstellerin Annie Ernaux. Die Autorin feministischer und sozialkritischer Romane wie „Der Platz“ oder „Die Jahre“ spürt nicht nur mit seltener Präzision den geheimen Mechanismen sozialer Benachteiligung nach. In die Kritik geriet sie wegen ihrer Sympathie für pro-palästinensische Haltungen. Mit ihrer Unterschrift unter das Manifest „Strike Germany“ hat sie sich viele Sympathien verscherzt.
Wer aber erhält den Literaturnobelpreis 2024? Am Donnerstag, 10. Oktober 2024, pünktlich um 13 Uhr wird Mats Halm, Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie die Antwort geben. Ganz gleich, welchen Namen er verlesen wird – die Entscheidung der Akademie wird nicht nur als literarisches Votum, sondern vor allem als gesellschaftliche, ja politische Richtungsentscheidung gelesen werden.
Entscheidungen der zurückliegenden Jahre haben immer wieder polarisiert. Debatten um den Literaturnobelpreis zeigen, dass Literatur ein zentrales Medium der gesellschaftlichen Selbstverständigung bleibt – trotz digitaler Medien und zuletzt schwächelnder Verkaufszahlen auf dem Buchmarkt.
Die Auszeichnung Peter Handkes 2019 löste einen Proteststurm aus. Kritiker kreideten dem österreichischen Autor an, sich während des Balkankrieges mit serbischen Kriegsverbrechern wie Slobodan Milosevic gemeingemacht zu haben. Gespalten reagierte die Öffentlichkeit auch auf die Auszeichnung des Songwriters Bob Dylan 2016. Was die einen für einen Akt der Befreiung vom Joch der Hochkultur hielten, kritisierten andere als Frevel an ernsthafter Literatur.
Wenn es nach den Voten vieler Kritiker geht, müsste die Entscheidung in diesem Jahr klar sein. An Salman Rushdie führt einfach kein Weg mehr vorbei. Der Autor des Romans „Die satanischen Verse“ wird schon seit Jahren zum engeren Favoritenkreis für den wichtigsten aller Literaturpreise geführt.
Salman Rushdie hat mit seinem Roman „Die satanischen Verse“ 1988 nicht nur einen modernen Klassiker geschrieben. Der britische Autor mit indischen Wurzeln steht seit der Fatwa, der Todesdrohung, die religiöse Führer des Iran 1989 gegen aussprachen, unter ständiger Bedrohung. Einen Messerangriff am 12. August 2022 überlebte Rushdie schwer verletzt. Rushdie erhielt 2023 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sein Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse war eine Sensation. Im Kampf um die Freiheit des Wortes, den Protest gegen jede Zensur ist er zur globalen Ikone avanciert. Mit seinem Buch „Knife“, einem Bericht über das Attentat und das Leben danach, beeindruckte Rushdie tief, als Literat wie als Mensch.
Alle anderen Namen, die ebenfalls für den Literaturnobelpreis gehandelt werden, verblassen dagegen deutlich. Da ist die aus Nigeria stammende Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die mit Romanen wie „Blauer Hibiskus“ und „Americanah“ über Identität und Rassismus in der globalisierten Welt schreibt und dabei das Leben zwischen den Kulturen in den Blick nimmt. Sie trat am 22. September 2021 bei der Eröffnung des Ethnologischen Museums im Berliner Humboldt-Forum durch den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier als Rednerin auf.
Als „Nobelpreisträgerin der Herzen“ steht seit Jahren auch die Kanadierin Margaret Atwood oben auf den Favoritenlisten. Ihr Bestseller „Der Report der Magd“ von 1985 entwirft das Bild einer Gesellschaft, in der Frauen keine Freiheitsrechte mehr besitzen und verpflichtet sind, Kinder zu gebären. Atwood folgt ihrer Dystopie, engagiert sich seit Jahren für Frauenrechte und kämpft insbesondere für den Klimaschutz.
Wenn es um Kinder- und Jugendliteratur geht, tut sich die Schwedische Akademie schwer. Hätte Astrid Lindgren nicht seinerzeit ausgezeichnet werden müssen? Wie wäre es, der britischen Autorin Joanne K. Rowling den Literaturnobelpreis zu verleihen? Mit ihren Romanen rund um den Zauberschüler Harry Potter hat sie Generationen von Jugendlichen auf dem Weg zum erwachsenen und damit selbstbestimmten Leben begleitet. Ihre Bücher haben Millionenauflagen erreicht. Rowling ist populär – und hätte den Nobelpreis gleichfalls verdient.
Und wenn es wieder ein Autor deutscher Sprache werden würde? Mit Peter Handke erhielt vor fünf Jahren der letzte deutschsprachige Autor den Literaturnobelpreis, 15 Jahre nach der Auszeichnung von Herta Müller, 20 Jahre nach Elfriede Jelinek und 25 Jahre nach Günter Grass. Vor 95 Jahren ging der Preis übrigens an Thomas Mann. Sein Epochenroman „Der Zauberberg“ wird zum 100. Jahrestag seines Erscheinens gerade wieder intensiv diskutiert.
Kritiker setzten zuletzt auf Jenny Erpenbeck, vor allem nachdem die Autorin 2024 den International Booker Prize für ihren Roman „Kairos“ über die die Liebe einer jungen Frau zu einem älteren Mann in der Endzeit der DDR gewann. Auch Arno Geiger beeindruckt seit Jahren mit eindringlichen Romanen über die Zeitgeschichte. Mit Büchern wie „Es geht uns gut“ und „Unter der Drachenwand“ eroberte er sich eine große Leserschaft. Das gilt auch für Daniel Kehlmann und seine Romane „Tyll“ und „Lichtspiel“.
Und wenn es am Ende doch wieder ein Name wird, den alle erst einmal googeln müssen? Die Schwedische Akademie hat die Öffentlichkeit mehr als einmal überrascht. Das Spiel der sicheren Favoriten und heißen Tipps wird auch nach 2024 weitergehen.