Hamburg Was könnte schöner sein als Folter, Leid und Angst? Ich verstehe Halloween nicht
Einst Schauplatz grausiger Hexenprozesse, heute eine Halloween-Hochburg: Der Besuch in Salem machte unserer Kolumnistin klar, wie sehr sie die Glorifizierung von Grausamkeit an Halloween nervt.
Was Lappland dem Weihnachtsfan ist, ist Salem, Massachusetts, dem Halloween-Enthusiasten. In der Kleinstadt an der US-amerikanischen Ostküste fühlt sich jeder Tag wie der 31. Oktober an. Der Grund: Ende des 17. Jahrhunderts wurden dort hunderte Frauen und Männer der Hexerei beschuldigt, für 19 Beschuldigte endeten die Rufmordkampagnen damit, dass man den Delinquenten hängte oder zu Tode presste. Die Gedenksteine für die Getöteten gibt es dort bis heute, man findet sie allerdings kaum noch wieder zwischen den Horrormuseen, Heimbedarf-Shops für Hobby-Hexen und Halloween-Dekoration, die auf das Herzinfarktrisiko der Nachbarn abgestimmt werden sollte.
Wir hatten schon vor unserem Besuch erwartet, die immerwährende Halloween-Stadt eher aus kulturanthropologischer Perspektive spannend zu finden. Der einzige Grusel, der uns befiel, war jedenfalls der Geist des Kapitalismus in Form von Kokolores wie einem Glitzerkürbis mit Hexenhut als Christbaumkugel.
Oder wie wäre es mit einer „Mord und Mysterien“-Tour, bei der berichtet wird, wer wo auf welche Weise gequält, verstümmelt oder getötet wurde? Kommerz aus dem Leid anderer zu machen, war und bleibt en vogue (man denke nur an True-Crime-Podcasts) – und die Nachfrage bestimmt das Angebot.
Nun bin ich keine Halloweenhasserin aus Prinzip. Auch auf unserem Balkon soll in der Nacht vom Reformationstag auf Allerheiligen ein schief grinsender Kürbis leuchten. Sollte ein verkleidetes Kind klopfen, werde ich ihm etwas Süßes geben (vor allem, weil ich Angst habe, was die Generation Alpha unter „Saurem“ versteht). Und sind Halloweenpartys nicht letztlich nur Karnevalsfeten für alle, die es nicht mehr bis zum 11.11. aushalten? Wenn meine Nachbarn (die, die nie im Vorgarten sind) wieder ihre selbstgebastelten Grabsteine für Harry-Potter-Bösewicht Tom Riddle und Glitzervampir Edward Cullen aufstellen, werde ich sicher auch wieder darüber schmunzeln.
Doch alles, was darüber hinausgeht, gibt mir Rätsel auf; woher kommt die Lust am Morbiden bis Menschenverachtenden, das an Halloween zelebriert wird? Da ist es noch harmlos, wenn endlich mal die „Leichen“ aus dem Keller geholt werden, um damit zu dekorieren – im Oktober gehen Plastikskelette eben als Deko durch. Memento mori im 21. Jahrhundert.
Immer noch besser als die wortwörtliche Fleischeslust: Warum sollte ich gerne Süßigkeiten essen, die wie Augäpfel aussehen? Mich der Illusion hingeben wollen, einen Finger zu essen, wenn es doch nur ein Würstchen mit einer Mandel ist? Oder „Blut“ trinken wollen, das nach Kirschsaft aussieht und nach Billigschnaps schmeckt? Kannibalismus ist doch was Feines, selbst wenn er nur gespielt wird.
Doch erst die Arbeit, dann das Vergnügen – oder anders gesagt: Vor dem Kannibalismus kommt die Folter. So eifern viele Freizeitparks dem Vorbild US-amerikanischer Horrorhäuser nach und bieten „Horror-Nächte“ an, bei denen man sich von Menschen mit Kettensägen bedrohen lassen kann. Oder wie wäre es mit einer Fahrt mit dem „Gehirn-Schocker“, der mich „an die Grenzen des Vorstellbaren bringt“? Natürlich ist das übertriebener Marketingsprech, schließlich hat spätestens der 7. Oktober 2023 die Grenzen des Vorstellbaren verschoben. Darüber nachzudenken, was Menschen einander antun, macht mich wütend, traurig – und ist für mich kein Partyspaß an einem Samstagabend. Egal ob es darum geht, mich an der Illusion von Angst, Leid und Folter live oder in einem Horror-Film zu erfreuen.
Es tut mir leid, aber ich verstehe den Halloween-Hype einfach nicht.