Osnabrück 35 Jahre nach der Wende braucht es keinen Ostbeauftragten mehr
Materiell haben sich die Lebensverhältnisse von „Ossis“ und „Wessis“ angeglichen. Doch trotz vieler Gemeinsamkeiten bleiben kulturelle und mentale Unterschiede. Daran muss man nicht mehr herumdoktern.
Für die Feststellung, dass manche Dinge in den ostdeutschen Bundesländern auch gut dreieinhalb Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung immer noch anders laufen als im Westen, braucht es keine Einheitsberichte mehr. Mit den von ihnen produzierten Wahlergebnissen sorgen die Menschen im Osten schon selber dafür, dass ihnen die Aufmerksamkeit der Brüder und Schwestern im Westen gewiss ist.
Natürlich ist das starke Abschneiden der AfD in Thüringen, Sachsen und Brandenburg „erschreckend, ernüchternd und auch alarmierend“, wie der Ostbeauftragte Carsten Schneider anlässlich seines nun vorgelegten Berichts zu den ostdeutschen Ländern mahnte.
Gleichwohl möchte man den Bürgern dort zurufen: Wer Extremisten stark macht, muss dann auch sehen, wie er mit ihnen klarkommt. Wenn sich Unternehmen angesichts üppig wachsender Neonazi-Biotope demnächst aus Thüringen oder Sachsen zu verabschieden drohen und neue sich gar nicht erst ansiedeln, können schwerlich „Wessis“ für die Folgen verantwortlich gemacht werden. Ostdeutsche sind keine Opfer.
Die bei der Angleichung von Löhnen, Renten und Lebensbedingungen gemachten Fortschritte legen nahe, dass die Berechtigung für einen von der Bundesregierung gleichsam als Gewissensberuhigung abgestellten Anwalt der „Ossis“ schwindet.
Die materiellen Lebensverhältnisse in Ost und West haben sich weitgehend angeglichen. Seit zehn Jahren wächst die ostdeutsche Wirtschaft schneller als die westdeutsche. Herausforderungen, vor denen die Ostbundesländer stehen, gibt es auch in anderen strukturschwachen Regionen der Bundesrepublik.
Mentalitäten aber lassen sich nicht in ein Korsett pressen. Es ist also höchste Zeit, verbliebene kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede zu akzeptieren, so wie Norddeutsche beispielsweise ihre bayerischen Mitbundesbürger wahlweise als Faktotum oder Faszinosum betrachten.
In der Union sind in den vergangenen Monaten Stimmen laut geworden, die einen „Reiseonkel“ für den Osten für überflüssig halten. Sollten CDU und CSU die nächste Bundesregierung anführen, wird der SPD-Politiker Carsten Schneider wohl der letzte Beauftragte für die Belange der ostdeutschen Länder gewesen sein. Schade drum? Es gäbe Schlimmeres.