Härtefall Blauzungenkrankheit Mehr Hilfen für ostfriesische Landwirte – aber reichen die?
Landwirte leiden weiterhin unter den Folgen der Blauzungenkrankheit. Schafe sterben, Kühe geben weniger Milch. Die Ausweitung der Härtebeihilfen kommt für einige zu spät, anderen reicht sie nicht.
Ostfriesland - Der Schrecken der Blauzungenkrankheit nimmt kein Ende. Erst am Tag des Gesprächs für diesen Artikel am 24. September 2024 sei eine Kuh gestorben – die dritte mittlerweile. „Zwei Kühe mussten eingeschläfert werden“, sagt Landwirtin Maren Osterbuhr aus Strackholt.
Auf ihrem Hof hat sich die Herde zwar weitgehend von der Infektion erholt, aber die Kühe haben weiterhin Fehl- und Frühgeburten, wie sie der Redaktion berichtet. „Nach wie vor haben wir Aborte und Lahmheiten bei den Tieren“, sagt sie. „Wir haben neun tote Kälber und vermutlich noch ein weiteres, davon habe ich nur eine Nachgeburt gefunden“, berichtet sie. „Es ist eine absolute Vollkatastrophe. Die Kühe stecken das gut weg, aber es ist nur wenig Milch da“, so Osterbuhr.
Die Folgen der Blauzungenkrankheit sind noch immer spürbar
Auch auf dem Hof von Anne und Dennis Bonsemeyer aus Petkum sind die Folgen der Seuche gravierend, die sich seit Anfang August in der Schafherde ausbreitete. Von den 500 Mutterschafen plus Lämmern seien mittlerweile mehr als 100 Tiere infolge der Blauzungenkrankheit gestorben – davon etwa 60 Prozent Mutterschafe und 40 Prozent der Lämmer, so Dennis Bonsemeyer im Gespräch mit der Redaktion. Ganz erholt haben sich seine Tiere noch immer nicht. „Viele haben noch dicke Gelenke, manche Lämmer sind noch schnupfig“, sagt er. Bisher hätte der Betrieb etwa 40.000 Euro aufgrund der Blauzungenkrankheit verloren, schätzt er.
Seit Herbst 2023 tritt die Blauzungenkrankheit (kurz: BT), hervorgerufen durch den Virusstamm BTV-3, in Niedersachsen auf. Gefährdet sind Wiederkäuer wie zum Beispiel Rinder, Schafe, Ziegen und Wildwiederkäuer sowie Kamele, zu denen auch Alpakas und Lamas zählen.
Ausweitung der Härtebeihilfen auf Rinder
Mit ihren Ausfällen sind die Landwirte bisher zum großen Teil auf sich gestellt beziehungsweise sind sie auf einen guten Versicherungsschutz angewiesen. Lediglich die Niedersächsische Tierseuchenkasse, in die Tierhalter jährlich Beiträge zahlen, unterstützt seit der Bereitstellung des Impfstoffs Anfang Juni 2024 bei den Impfkosten für Schafe sowie unter bestimmten Bedingungen mit Härtebeihilfen bei Verlusten von Schafen. Seit letzter Woche wurden die Härtebeihilfen ausgeweitet.
Auf der Webseite der Niedersächsischen Tierseuchenkasse finden sich Hinweise dazu, in welchen Fällen Hilfe aufgrund unbilliger Härte beantragt werden kann. „Bisher waren wir davon ausgegangen, dass geimpfte Tiere ausreichend geschützt sind. Aber wir haben festgestellt, dass es auch trotz der Impfung in Einzelfällen vorkommen kann, dass Tiere verenden“, sagt Ursula Gerdes, Geschäftsführerin bei der Niedersächsischen Tierseuchenkasse. Zudem ist es nun möglich, Härtebeihilfen für Rinder zu beantragen. Im nächsten Jahr soll es außerdem auch Zuschüsse für die Impfung von Rindern geben.
Härtebeihilfe nur für geimpfte Tiere
Maren Osterbuhr sieht ihren Betrieb ganz klar als Härtefall. Aber an die Niedersächsische Tierseuchenkasse kann sie sich trotz der erweiterten Hilfen nicht wenden, denn die zahlt nur Härtebeihilfen für Tiere, die geimpft wurden. Als Maren Osterbuhr im Sommer davon erfahren habe, dass Impfstoffe gegen BT freigegeben wurden, habe sie sofort Dosen für ihre Schafe bestellt, die sie privat hält.
Für die Rinder bestellte sie nicht, denn es habe sowohl von offizieller Seite wie auch von Tierärzten geheißen, Rinder seien nicht so stark gefährdet durch das Virus wie Schafe. Als der Impfstoff etwa vier Wochen später ankam, seien die Kühe schon krank gewesen – und von der Impfung bereits infizierter Tiere wird allgemein abgeraten.
Für Rinder hätte man die Impfung stärker empfehlen müssen
Heute sieht Maren Osterbuhr vor allem eine schlechte Kommunikation in der Verantwortung für den immensen Schaden auf ihrem Betrieb. „Wir hatten nicht die Chance, alle Tiere rechtzeitig zu impfen“, sagt sie. Die Immunität nach zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen hätte ihrer Rechnung nach spätestens Mitte Juli da sein müssen. „Es hätte gleich viel deutlicher gesagt werden müssen: Bitte impft.‘ Das hätte auch in allen Tierarztpraxen ankommen müssen.“ Das Impfen wurde nur für Schafe mit Nachdruck empfohlen. Bei Rindern sprach die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) zwar auch eine Empfehlung aus, aber deutlich weniger dringlich. „Man stand so alleine da“, sagt Osterbuhr. „Man konnte nur symptomatisch behandeln.“
Jetzt sei das Kind in den Brunnen gefallen. „Ich muss jetzt einen Haufen Kühe durchbringen, die weniger Milch geben. Die Kühe, die krank waren, kommen in den nächsten Monaten nicht mehr auf die Leistung von vorher“, sagt sie. Wirtschaftlich sei das extrem schwierig. „Die Kosten laufen einem weg. Das Milchgeld fehlt, aber die Rechnungen kommen weiter rein. Und dann noch die zusätzliche Arbeit durch die kranken Tiere, das ist enorm belastend“, beschreibt sie ihre Situation. Maren Osterbuhr hat zwar eine Ausfallversicherung, doch bis zur Auszahlung dauere es in der Regel ein Jahr, sagt sie. Ursula Gerdes betont, dass für den Umgang mit dem Virus-Typ BTV-3 noch wenig Erfahrungswerte vorlagen. „Das Virus war so für uns alle neu. BTV-3 ist ist erstmals in Europa aufgetreten“, sagt sie.
Psychische Belastung und Sorgen um die Zukunft
Die Bonsemeyers haben für ihre hohen Ausfälle Härtebeihilfe bei der Niedersächsischen Tierseuchenkasse beantragt. Viel verspricht sich Dennis Bonsemeyer von den Hilfen nicht. „Wegen der Vorgabe, dass die Tiere drei Wochen vor Verenden geimpft sein mussten, kommt das bei vielen Tieren nicht hin“, sagt er. „Es war ja erst nicht genug Impfstoff da.“ Im August berichtete er der Redaktion, dass er zunächst nur die Lämmer impfen konnte. Außerdem habe er keinen Tierarzt aus der Umgebung finden können und musste schließlich einen aus Oldenburg rufen für die Impfung, fügt er jetzt noch hinzu.
Der Härteausgleich von 90 Euro pro verendetem Schaf sei zudem nur die etwa Hälfte von dem, was ein Muttertier koste, und deutlich weniger als das, was er für ein Schlachtlamm bekomme. „Ich muss jetzt Kredite aufnehmen, damit ich neue Schafe kaufen kann“, sagt er und spricht von der großen psychischen Belastung seiner Situation. Die Sorge um die Tiere und Fragen wie „Werden die Tiere tragend?“, „Wie wird es nächstes Jahr?“ beschäftigten ihn nachts.
Schäfer fordert Hilfe vom Land
Weiterhin sieht Dennis Bonsemeyer das Land Niedersachsen in der Pflicht, vom Virus getroffene Deichschäfereien wie seine zu unterstützen. „Das ist ja Küstenschutz, was wir hier machen“, sagt er.
Ursula Gerdes von der Niedersächsischen Tierseuchenkasse empfiehlt allen Tierhaltern grundsätzlich eine Ausfallversicherung. „Das ist teuer, aber es ist so wichtig“, sagt sie. Aber auch sie hält eine Unterstützung des Landes für sinnvoll. Die Tierseuchenkasse finanziere sich aus den Beiträgen der Mitglieder, folglich werden die hohen Kosten in diesem Jahr auf die Beiträge im nächsten Jahr umgelegt: Die Beiträge werden steigen. „Was wir auszahlen, müssen wir über Beiträge wieder hereinbekommen“, sagt sie. „Gibt das Land Mittel dazu, wird die Erhöhung nicht so stark ausfallen“, sagt sie.
Bei allen finanziellen Überlegungen ist für Maren Osterbuhr noch etwas anderes essentiell für ihren Betrieb. Vor gut zwei Jahren postete sie einen Beitrag auf der Plattform Instagram, in dem sie beschreibt, warum es wichtig für sie als Landwirtin ist, auch die Kälber, die zu klein sind, aufzupäppeln, statt sie, wie es vielerorts gängig ist, zu verkaufen und letztlich dem Tod zu überlassen. Diesem Grundsatz bleibt sie trotz der wirtschaftlich angespannten Situation treu. „Solange ich Landwirtin bin, werde ich die Kleinen päppeln. Wenn ich das finanziell nicht mehr schaffe und die Verantwortung für meine Tiere nicht mehr übernehmen kann, dann hat das Ganze für mich keinen Sinn mehr“, sagt sie.