Berlin/Osnabrück VW will bis zu 30.000 Leute feuern, wenn nicht ...
Showdown in Hannover: Dort starten heute die Tarifverhandlungen bei VW. Die Gewerkschaft reist mit „Bengalos“ an, der Vorstand mit der Axt. Die Zeichen stehen auf Konfrontation. Aber ohne rasche Annäherung rauscht der Autobauer noch tiefer in die Krise.
Am heutigen Mittwoch geht es rund: Der VW-Vorstand stellt sich auf massiven Alarm mit Feuerwerkskörpern von Belegschaft und Betriebsrat ein, wenn nach der drastischen Sparankündigung die Tarifverhandlungen für die deutschlandweit rund 120.000 Beschäftigten in Hannover losgehen.
Europas größter Autobauer steckt in einer Absatz-Falle und will durch brutale Kostensenkungen wieder fit werden: Massenentlassungen und Werksschließungen stehen im Raum. Mit Flugblättern an sechs VW-Standorten machte die Konzernspitze um Volkswagen-Chef Oliver Blume am Dienstag klar, wie ernst es ihr ist: „Volkswagen produziert in Deutschland zu teuer“, heißt es darin klipp und klar.
Wie hart könnte es wirklich werden? Und wie sehen die nächsten Etappen aus? Fragen und Antworten zur VW-Krise und den möglichen Folgen:
Nach Konzernangaben baut VW 500.000 Autos zu wenig pro Jahr, um die Werke auszulasten. Es gibt – gemessen an der Auftragslage – viel zu viele Produktionskapazitäten und Mitarbeiter. Dahinter stecken mehrere Gründe:
In der Folge ist die Marge von VW im ersten Quartal auf 1 Prozent gesunken. Zieht man davon die Investitionskosten ab, gibt das Unternehmen mehr aus als es einnimmt – und steht längst mit dem Rücken an der Wand.
„Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, müssen die Kosten drastisch gesenkt werden“, heißt es von Unternehmensseite. „Wir müssen die Frage beantworten: Wie verdienen wir wieder Geld für die Zukunft? Es geht nicht um die tiefen Taschen der Investoren.“
Verschiedene Optionen sind in der Diskussion. Zunächst Massenentlassungen. Die Horrorzahl von 30.000 bestätigt der Konzern zwar nicht. Es wird allerdings auf die Krise der 70er-Jahre verwiesen: Von 1971 bis 1975 wurde die Belegschaft tatsächlich von 130.266 auf 93.026 reduziert. Die Auslastung der deutschen Werke lag damals bei 61 Prozent. Die Einigung mit den Arbeitnehmervertretern auf einen sozialverträglichen Personalabbau gilt als ein entscheidender Baustein für die Überwindung der Krise. 1976 kehrte VW in die Gewinnzone zurück.
Teil der Gesundschrumpfung könnte die Schließung von zwei Werken in Deutschland werden, wobei noch keine konkreten Standorte benannt werden.
Es ginge womöglich aber auch ohne Werksschließungen und einen ganz gravierenden Personalabbau, ist hinter vorgehaltener Hand zu hören. Aber nur, wenn die Belegschaft deutliche Gehaltseinbußen, Mehrarbeit und Abstriche etwa bei der Entlohnung von Überstunden akzeptiert.
Betriebsratschefin Daniela Cavallo war vom Ausmaß der geplanten Kürzungen offenbar kalt erwischt worden und reagierte hart: Mit ihr werde es weder betriebsbedingte Kündigungen noch Werksschließungen geben. Der Verhandlungsführer der IG Metall, Thorsten Gröger, warf der VW-Führung vor, mit der Kündigung der Tarifverträge „das Haus in Brand gesteckt“ und den „verlässlichen VW-Weg beerdigt“ zu haben. Ab 1. Dezember könnte es zum Streik kommen.
Immerhin wurde vor dem Verhandlungsauftakt von zaghaften Signalen der Gewerkschaften berichtet, zu Lohnzugeständnissen bereit zu sein.
Von Konzernseite ist man über die kompromisslose Haltung von Betriebsratschefin Cavallo besorgt. Denn man brauche sie, um den Karren gemeinsam aus dem Graben zu ziehen.
Die Arbeitnehmervertreter verlangen erstmal ein konkretes und „positives“ Zukunftskonzept, damit die Beschäftigten wieder an eine Zukunft von und bei VW glauben. Beim Vorstand stellt man sich darauf ein, dass Betriebsrat und Gewerkschaften erstmal Dampf ablassen und es über einen „Austausch der Positionen“ nicht hinausgehen wird, wie es ein Sprecher formuliert. Die Vereinbarung von Folgeterminen oder von konkreten Verhandlungskapiteln gilt als unrealistisch.
Dabei drängt die Zeit. Denn zeitgleich zu den Tarifverhandlungen findet die sogenannte Planungsrunde statt, in der der Aufsichtsrat über die Milliardeninvestitionen der kommenden fünf Jahre entscheidet. Das erste Treffen mit den Kontrolleuren steht schon am Freitag auf der Tagesordnung.
Das Problem: Wie viel Geld in welche Standorte und in den Bau welcher Autos gesteckt wird, hängt natürlich davon ab, wie viel beim Personal oder in der Produktion eingespart werden kann – also vom Ergebnis der Tarifverhandlungen.
Der Konzern hat ein großes Interesse, zügig einen Haken unter die Tarife zu bekommen. Und einen Streik will man in den Chefetagen unbedingt vermeiden. Denn der würde den angeschlagenen Konzern zusätzlich schwächen – und die Wettbewerbsfähigkeit würde weiter beeinträchtigt.
Das Wunschszenario in Wolfsburg ist es, spätestens bis Januar oder Februar ein Gesamtpaket zu schnüren, damit zum Beispiel die Schließung eines Werkes noch in der Bilanz des laufenden Jahres verbucht werden könnte und 2025 wieder Aufbruchstimmung geschaffen werden kann.
Mit Maßnahmen wie der Vier-Tage-Woche oder überschaubaren Entlassungen ohne substanzielle Gehaltseinbußen werde das aber nicht gelingen. Das Ziel lautet, zu einer Gewinnmarge von 6,5 Prozent zurückzukehren. „Denn erst, wenn wir deutlich preiswerter produzieren, können wir wieder Marktsegmente zurückerobern“, heißt es in Wolfsburg. Spricht: Bis auf Weiteres wird man es nicht schaffen, 500.000 Auto mehr pro Jahr zu verkaufen.
Beim „Autogipfel“ von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Montag ist erstmal nicht viel herumgekommen. Der Koalitionspartner FDP sagt laut „Nein“ zu staatlichen Kaufprämien etwa für E-Autos. Allerdings will sich Habeck in Brüssel für den Wunsch einiger Autobauer einsetzen, die CO₂-Vorgaben der EU etwas aufzuschieben, damit ihnen Strafzahlungen erspart bleiben, weil sie nicht genug E-Autos verkaufen.
Für VW wird aber in Brüssel bald eine echte Schicksalsfrage aufgerufen: Derzeit steht noch das sogenannte Verbrennerverbot, also das Verbot, ab 2035 in der EU neue Diesel oder Benziner zu verkaufen. Teile der Industrie, die FDP und die CDU kämpfen dafür, das Verbrennerverbot zu kippen oder zumindest aufzuschieben.
Für VW wäre das eine schlimme Nachricht. Denn dann wäre der klamme Konzern gezwungen, in die E-Mobilität UND in neue Verbrennermotoren zu investieren. „Dann tut es richtig weh“, sagt ein Konzerninsider. „Dann laufen wir Gefahr, von links und von rechts überholt zu werden.“