Osnabrück Der Dan-Brown-Code: Warum ich alte Wappen so spannend finde
Ob an alten Stadtmauern, auf Gulli-Deckeln oder als T-Shirt: Familien- und Stadtwappen sind allgegenwärtig. Was man leicht übersieht: Die alten Motive gehorchen einer genau festgelegten Grammatik. Wenn man sie entschlüsselt, stellt sich ein erstaunlicher psychologischer Effekt ein.
Als Journalist soll man aus Gründen der professionellen Distanz nicht die eigenen Idole interviewen, aber als es vor längerer Zeit mal die Chance gab, in Köln ein Interview mit dem Thriller-Autor Dan Brown zu machen, konnte ich nicht anders.
„Mr. Brown, wir sitzen hier mit Blick auf den Kölner Dom, waren Sie schon drin?“, begann ich devot, und natürlich war er schon drin gewesen, früh morgens, die Mütze ins Gesicht gezogen, „mich hat niemand erkannt“. Ob er sich denn nun vorstellen könne, hier mal einen seiner Romane mit der Hauptfigur Robert Langdon spielen zu lassen, dem fiktiven Symbolforscher der Harvard University? Die Antwort des Idols: „Deutschland wäre ein guter Platz für Robert Langdon.“
Auch heute, mehr als zehn Jahre später, hat Dan Brown diese Verheißung noch nicht in die Tat umgesetzt, aber recht hatte er natürlich trotzdem: In einem Land mit so viel Geschichte sind wir überall umgeben von rätselhaften Zeichen und Codes, aus denen sich ganze Bibliotheken voller „Illuminati“-Bestseller stricken lassen würden. Mir zum Beispiel wird das immer dann besonders bewusst, wenn mir ein altes Wappen begegnet.
Und das passiert ja ständig. Wir sehen die Familienwappen an alten Burgen oder an alten Grabmälern, an Häuserfassaden oder Stadtmauern. Manche Stadtwappen sehen wir sogar auf Gullideckeln oder Uni-T-Shirts. Wappen sind Heimat. Wir sehen all diese Wappen. Aber verstehen wir sie auch?
Ich persönlich muss zugeben, dass Wappen für mich lange Zeit alle gleich aussahen, also halt wie Fantasie-Ritterschmuck. Ich wusste nicht, dass neben dem Schild mit dem eigentlichen Motiv auch der abgebildete Helm samt Helmzier zum Code dazugehört. Dass schon die genaue Machart dieses Helmes (oder der Krone oder sonst einer Kopfbedeckung) dem Kenner verrät, welchem Stand der Träger des Wappens angehörte. Oder dass nur bestimmte Wappentiere und -symbole gebräuchlich sind, die unterschiedlichste verborgene Aussagen über die jeweilige Familie oder den jeweiligen Fürsten enthalten.
Ich wusste also nicht, dass die Wappen nicht nur eine eigene Ästhetik, sondern auch eine Grammatik haben, die sich im Laufe von Jahrhunderten herausgebildet hat. Es ist eine eigene Sprache, und allein diese Einsicht kann schon eine elektrisierende Wirkung haben, selbst für uns Heutige, die wir diese Sprache gar nicht mehr sprechen. Oder vielleicht gerade für uns.
Darin besteht nämlich der psychologische Dan-Brown-Effekt: Wer den „Da-Vinci-Code“ oder einen der anderen Langdon-Romane liest oder die Filme ansieht, erfährt auf die denkbar unterhaltsamste Weise, dass die Artefakte alter Zeiten wirklich noch sprechen können. Die Erzeugnisse der Kunst- und Kulturgeschichte, ein altes Gemälde, ein markantes Bauwerk oder eben ein historisches Wappen, sind nicht einfach nur schön oder hässlich. Sie enthalten reale Botschaften.
Die Vergangenheit, schwärmerisch gesagt, nimmt über diese Objekte Kontakt auf mit uns. Wir müssen nur lernen, es zu merken. Deutschland ist ein gutes Land für Robert Langdon. Aber so lange er auf sich warten lässt, können wir mit dem Entschlüsseln ja schon mal anfangen.