Heide Northvolt in der Krise: Droht Mega-Batteriefabrik in Schleswig-Holstein das Aus?
Nach einer Strategieüberprüfung sieht sich der schwedische Batteriezellenhersteller Northvolt mit negativen Schlagzeilen konfrontiert. Während in Schweden Medien über Liquiditätsprobleme berichten, wachsen in Schleswig-Holstein die Sorgen.
Zweifel und Sorgen – wer sich im Landeshaus umhört, der trifft auf ungebrochenen Optimismus, aber auch auf diese Stimmen, wenn es um Northvolt und die Batteriezellenfabrik in Schleswig-Holstein geht. Schlagzeilen und Gerüchte sorgen auch in der Kieler Politik durchaus für Verunsicherung – und Fragen: „Warum sollten die Umstrukturierungen auswirkungsfrei für Heide sein?“, heißt es. Und: „Es gibt inzwischen die Sorge, dass das Bauvorhaben nicht so umgesetzt wird wie geplant.“
Die kritischen Stimmen verweisen auf die Verantwortung, die „alle Akteure“ hätten, weil viel staatliches Geld zugesagt wurde – für den Bau der Fabrik und für die nachgelagerte Infrastruktur. „Wir brauchen offene Karten.“ So offen aber, dass die kritischen Stimmen mit Namen genannt werden wollen, dann offensichtlich doch nicht.
Anfang vergangener Woche hatte der schwedische Batteriezellenhersteller verkündet, dass man sich im Zuge einer Strategieüberprüfung auf das Kerngeschäft konzentrieren werde. So hieß es blumig. Darin auch verpackt: Die Entlassung von Mitarbeitern in Schweden – ein PR-Desaster für ein Unternehmen, dass bisher immer offensiv verlautbart hatte, seinen Personalbedarf nur schwer decken zu können.
Seitdem überschlagen sich in Schweden die negativen Schlagzeilen. Schwedische Medien berichten über offene Rechnungen, die von staatlichen Stellen eingetrieben werden, über einen Reise- und Spesenstopp, über die Sorge, dass Gehälter nicht gezahlt werden könnten, und Wirtschaftswissenschaftler sprechen über eine Liquiditätskrise, in der das Unternehmen derzeit stecke.
Gehälter würden gezahlt, erforderliche Dienstreisen fänden weiterhin statt und bei der Begleichung von jährlich etwa 80.000 Rechnungen sei es in Einzelfällen zu Verzögerungen wegen einer Prozessumstellung oder Fehlern bei der Rechnungslegung gekommen, so ein Northvolt-Sprecher in Schweden. Dennoch: Wie liquide ist das Unternehmen? Dazu heißt es auf Nachfrage:
Das schwedische Unternehmen begründet seine Einschnitte damit, dass es nicht in einem „Vakuum“ operiere, sondern „auf Basis des gesamtwirtschaftlichen Umfelds Entscheidungen“ treffen müsse. Im gleichen Zug unterstreicht Northvolt noch einmal seine Mission, dass es das einzige europäische Unternehmen sei, „welches Batteriezellen ,made in Europe’ an europäische Automobilkunden“ liefere.
Northvolt habe eine betriebswirtschaftliche Entscheidung getroffen und damit auf einen Markt reagiert, der sich verändert, sagt Joachim Berg, Professor am Institut für Elektrische Maschinen und Antriebe sowie Elektromobilität der Hochschule Flensburg. Das Unternehmen sei ein Zulieferer für ein Bauteil. Wenn die Batterie nicht so stark nachgefragt ist wie prognostiziert, produziere man diese nicht, so Berg, der die Elektrifizierung der HVV-Busse in Hamburg mitgeplant hat.
Der Wissenschaftler sieht jedoch ein grundsätzliches Problem: „Es gibt keine Planung zur E-Mobilität.“ Die Folge: Die Nachfrage nach E-Autos ist eingebrochen, weil die wesentlichen Dinge nicht durchdacht worden seien. Und dies sei beim Individualverkehr auch nicht einfach. Autofahrer fahren nicht nach einem klaren Konzept wie der ÖPNV. Die Grundfrage sei: „Wie bewegen wir uns?“ Für Schleswig-Holstein gebe es diese Analyse des Verkehrsflusses nicht – aber danach müsste die Ladeinfrastruktur aufgebaut werden.
Aber wie schätzt das Bundeswirtschaftsministerium die aktuelle Lage des Unternehmens ein? „An Spekulationen beteiligen wir uns nicht“, heißt es auf Nachfrage. Auch Northvolts Äußerungen habe man zur Kenntnis genommen. „Wie üblich kommentieren wir diese nicht. Wichtig ist: Wir sind mit Northvolt und den weiteren Stakeholdern in engem Austausch.“
Das Ministerium verweist auf volle Auftragsbücher des Unternehmens und auf relevante Investoren. Northvolt sei einer der Konzerne, „die die europäische Batterie-Resilienz sichern können und wollen“. Deshalb: „Unsere Unterstützung für das Projekt in Heide ist ungebrochen.“
Das schwedische Unternehmen bekräftigt einmal mehr: „Wir stehen zum Standort bei Heide.“ Dort beschäftigt Northvolt um die 100 Mitarbeiter. Sobald die interne Strategieüberprüfung abgeschlossen sei, könnten auch Aussagen zur Zeitleiste getroffen werden.
Der Bund und das Land Schleswig-Holstein haben üppige Subventionen für den Bau der Batteriezellenfabrik zugesagt. 700 Millionen Euro Fördermittel verteilen sich auf mehrere Jahrestranchen und sind an bestimmte Fortschritte geknüpft. Laut Informationen unserer Zeitung hat Northvolt bisher noch kein staatliches Geld abgerufen – was zu diesem Zeitpunkt nicht unüblich ist.