Klimakrise in der Nordsee Warum der Kabeljau das Wattenmeer verlässt
Das Ökosystem Wattenmeer durchlebt klimabedingt einen großen Wandel. Arten wandern Richtung Norden ab, Tiere aus dem Süden fühlen sich dagegen umso wohler. Aber woran zeigt sich das genau?
Ostfriesland – Mit dem Wattenmeer haben die Ostfriesen den zweitgrößten Nationalpark des Landes direkt vor der eigenen Haustür. Über 10.000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten finden im Niedersächsischen Wattenmeer einen Lebensraum. Zur Wahrheit gehört aber auch: Das Wattenmeer verändert sich im Rekordtempo. Das ist das Ergebnis eines Berichts von 30 Forschenden des Alfred-Wegener-Instituts. Im Vergleich zum globalen Temperaturanstieg der Ozeane verläuft der Anstieg in der Nordsee rund doppelt so schnell. Was theoretisch klingt, hat ganz praktische Auswirkungen. Nicht alle sind für Einheimische oder Touristen genau zu beobachten. Deshalb haben wir uns von Dr. Benedikt Wiggering die Lage einordnen lassen – er arbeitet beim Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Sein Kerngebiet: Biodiversität.
Der Ameisenlöwe macht das Watt unsicher
Wer regelmäßig im Watt unterwegs ist, wird sie kennen: Die kleinen Würmer, die sich durchs Watt fressen und kleine Sandhäufchen hinterlassen. Seit wenigen Jahren sind auf den Ostfriesischen Inseln auch andere Gebilde zu erkennen: trichterförmige Kuhlen. Die kommen vom Ameisenlöwen, so Wiggering im Gespräch. Das ist nicht etwa ein großes Tier, sondern eine kleine Insektenlarve. „Bis 2009 waren Ameisenlöwen nachweislich nicht auf den Ostfriesischen Inseln vertreten“, sagt der Biologe. Spätestens 2018 sei aber aufgefallen, dass sich eine Population gebildet hat. „Vielen Leuten fallen diese kleinen Insekten auf, weil sie diese trichterförmigen Löcher im Sand hinterlassen“, so Wiggering.
Mit den immer öfter und länger auftretenden Dürreperioden hätten Ameisenlöwen eine hervorragende Lebensgrundlage. Heute ist die Larvenart auf allen Ostfriesischen Inseln vertreten. Für Wiggering erst einmal ein positives Zeichen: „Je artenreicher ein Lebensraum, desto stabiler ist er“. Ein weiterer Vorteil sei, dass sich die Art über einen natürlichen Prozess selbst einen neuen Lebensraum suche. „Kommt die Art selbst, ohne menschliche Hilfe, dauert das länger. Das Ökosystem hat also Zeit, sich an sie zu gewöhnen“, sagt Wiggering.
Drei tierische Veränderungen im Wattenmeer durch die Klimakrise
Der Ameisenlöwe zählt zu den Arten, die sich als Reaktion auf die Klimakrise vom Süden auf den Weg in den Norden gemacht haben. Die klimabedingten Auswirkungen seien laut Wiggering im Watt in vielen Bereichen sichtbar – würden sich aber sehr unterschiedlich zeigen. „Wir sehen drei Arten von strukturellen Veränderungen im Tierreich des Wattenmeeres“, so Wiggering. Demnach würden:
- Tiere, wie der Ameisenlöwe, aus dem Süden im Wattenmeer heimisch werden
- Tierarten Richtung Norden abwandern, um zu überleben
- Tiere ihre Verhaltensweisen ändern
Nicht alle drei Faktoren seien eine direkte Folge klimatischer Veränderungen. „Der Klimawandel kommt aber als zusätzlicher Stressfaktor hinzu“, erklärt Wiggering. Das zeige sich mitunter auch am Beispiel des Kabeljaus – auch Dorsch genannt.
Im Gegensatz zur Insektenlarve zeige sich hier ein ganz gegenteiliger Effekt: Der Kabeljau wandert in Richtung Norden ab. Laut des Biologen leide der Fisch nämlich nicht nur unter der extremen Überfischung der Meere, sondern auch unter der steigenden Wassertemperatur. „Wir haben deshalb ein großes Problem mit dem Nachwuchs beim Kabeljau“, sagt Wiggering. Denn: Die Jungtiere würden nicht mehr so viel geeignete Nahrung im Wattenmeer finden.
„Kabeljaularven ernähren sich von Plankton“, so der Experte. Das sind Kleinstlebewesen, die sich mit der Strömung des Wassers bewegen. Immer mehr Plankton-Arten wandern laut Wiggering allerdings ab. Und damit zwangsläufig auch die Nahrung für den Kabeljau-Nachwuchs. Laut dem Biologen sei das ohnehin eine Fischart, die sich klimabedingt auf den Weg Richtung Norden in die Polarregionen mache. „Irgendwann sind alle Arten im Norden angekommen und abgewandert“, sagt Wiggering.
Gebietsfremde Arten werden auch durch Menschen eingeschleppt
Als letzte Gruppe nennt Wiggering die Tiere, die klimabedingt ihre Verhaltensweisen anpassen. So auch die Weißwagengans. „Die bleibt im Schnitt vier bis sechs Wochen länger auf den Inseln als früher“, sagt Wiggering. Eine Beobachtung, die auf sämtliche Arten der Zugvögel zutreffe. „Die Weißwagengans brütet arktisch, kommt aber für den Winter ins Wattenmeer“, erklärt der Biologe.
Ist in der Arktis Sommer, würde die Gans passend zur Brutzeit ideale Bedingungen vorfinden. Im Winter hingegen sei der Boden in der Arktis mit Schnee bedeckt. „In Ostfriesland ist die Futtersuche also deutlich einfacher“, so Wiggering.
Eine weitere Möglichkeit, warum gebietsfremde Tiere ins Wattenmeer kommen, ist die Einschleppung durch den Menschen. Der Unterschied zu den bisherigen drei Arten: Es handelt sich um keinen natürlichen Prozess, sondern bedarf aktiven Eingreifens durch Menschen. Diese Tiere sind auch unter dem Sammelbegriff Neobiota bekannt. Der umfasst neben gebietsfremden auch jene Arten, die sich ausbreiten und einen direkten Einfluss auf heimische Arten haben – und denen im schlechtesten Fall schaden.
Nicht alle gebietsfremden Arten zerstören das heimische Ökosystem
„Das klassische Beispiel für unser Wattenmeer ist die Pazifikauster“, sagt Wiggering. Naturschützer beobachten die Ausbreitung seit Jahrzehnten mit Sorge. Wiggering räumt aber ein: „Bisher haben wir das Glück, dass diese neue Art nicht das heimische Ökosystem zerstört.“ Die heimische Miesmuschel steht allerdings in Konkurrenz mit der Auster aus dem Pazifik. Viele der Miesmuschelbänke weisen heute einen Bewuchs der invasiven Art auf. Laut Wiggering habe es bisher keine heftigen Verdrängungen gegeben. Ein größeres Problem gebe es dem Biologen zufolge dennoch: Weil Neobiota durch den Eingriff des Menschen in neue Lebensräume eindringen, verändern sich die Ökosysteme zu schnell. „Die Systeme kommen in der Anpassung nicht hinterher“, so Wiggering. Das fordere wiederum weiteres menschliches Eingreifen, um die Ökosysteme zu schützen.
Das beste Mittel dafür: „Wir müssen weniger CO2 ausstoßen“, sagt der Biologe. Das schütze die Umwelt – und den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer – am besten. Und daran könne laut des Experten jeder mitarbeiten – im Zweifel auch von zu Hause. „Egal ob in Bayern oder Ostfriesland“, sagt Wiggering.