Hamburg „Gegen das Schweigen“: Igor Levit setzt Signal gegen Antisemitismus
Es war ein Abend mit Freunden: Vor ausverkauftem Haus hat Igor Levit zum Konzert gegen Antisemitismus eingeladen. Nach dreieinhalb Stunden muss man sagen: Es hat sich gelohnt.
Wolf Biermann spricht es aus: „Für Konflikte dieser Kategorie / Für die gibts keine Lösung. Nie!“ heißt es in seinem Lied „Blutmond über Banyuls sur Mer“. Er knurrt und knarzt seine Verse ins Mikro, begleitet sich dazu selbst am Klavier, lässt die 2000 Gästen im ausverkauften Saal der Elbphilharmonie teilhaben an seiner schlechten Laune. Der „Konflikt dieser Kategorie“, damit meint Biermann den aktuellen Krieg in Gaza, und in der Tat scheint da keine Lösung in Sicht. Wozu aber dann der ganze Abend?
Die Antwort liefert der Titel der „Solidaritätsveranstaltung“, wie der Abend im Programmheft heißt: „Gegen das Schweigen. Gegen Antisemitismus.“ Vom Pianisten Igor Levit ging die Initiative aus, er hat Freunde eingeladen, und der Einladung sind viele gefolgt: Dichter, Aktivisten, Autoren und natürlich: Musiker aller Couleur.
Dabei ist Levit nicht allein mit seiner Initiative gegen Antisemitismus. Zwei Beispiele: Vergangene Woche erst hat das Literaturhaus München zu einem Abend über jüdisches Leben eingeladen; auf dem Podium saßen Schriftstellerin Dana von Suffrin, Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Adriana Altaras und der Filmautor und Regisseur der Serie „Die Zweifler“, David Hadda. In Osnabrück ist am 15. September 2024 im einstigen Hauptquartier der NSDAP die „Villa_ Forum Erinnerungskultur und Zeitgeschichte“ eröffnet worden, ein Haus, das explizit junge Menschen gegen Antisemitismus wappnen soll. Man sieht: Das Thema ist präsent. Allerdings mit schwer begreifbarer Verzögerung.
Denn nach dem Anschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 herrschte zunächst: Schweigen. Schon vorher hatte der Pianist immer wieder den Antisemitismus in Deutschland angeprangert, immer auch davon ausgehend, dass er selbst Jude ist – was für ihn lange Zeit bedeutungslos war.
Doch das Schweigen nach dem Hamas-Terror, das hat ihn extrem verstört. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo schlüsselt das auf: Er rezitiert aus einem Gespräch, das Levit und er im November vergangenen Jahres geführt haben. Levit spricht hier von seiner Verunsicherung angesichts des kollektiven Schweigens nach dem brutalen Anschlag, auch und gerade des linken Spektrums. Gleichzeitig muss er feststellen, dass Antisemitismus nicht nur aus dem rechtsextremen Spektrum kommt, sondern auch im politischen Linksaußen verbreitet ist. Vor allem aber das Schweigen: Eine tiefe Enttäuschung habe er verspürt, zitiert di Lorenzo den Pianisten; er habe den Glauben an die Gesellschaft verloren, weil sie schweigt angesichts eines schrecklichen Angriffs auf jüdische Menschen – und auf ihre moralischen Grundwerte.
Das klingt nach einem bedrückenden Abend, und tatsächlich beginnt Levit mit der Nocturne cis-Moll von Frédéric Chopin, „nicht dem fröhlichsten Klavierstück, das je geschrieben wurde“, wie er in seiner Begrüßung sagt. Doch das Stück verklingt in lichtem Dur, und dazu passend verspricht er, es sei kein Abend, aus dem „irgendeiner hier mit gesenktem Kopf rausgehen soll.“
Ein nachdenklicher Abend wird es trotzdem, mit ein paar bitter ironischen Geistesblitzen. So geht Klavier-Rap-Entertainer und überzeugter Hausschuh-Träger Chilly Gonzales das Thema Antisemitismus von der musikalischen Seite an und trägt seinen neuen „Anti-Richard-Wagner-Song“ vor, wie es etwas verschämt im Programmheft heißt. Denn gemeint ist „F*ck Wagner“, eine ironische Abrechnung mit dem antisemitischen Komponisten, dargeboten mit Pauke und Gesang.
Liedermacher Dirk von Lowtzow besingt ein geliebtes Unterwasser-Fabelwesen, Malakoff Kowalsky unterlegt eines von Robert Schumanns Nachtstücken und eine Valse noble et sentimental von Maurice Ravel mit Texten von Allen Ginsberg. Dabei begleitet ihn zunächst Igor Levit am Klavier und dann die junge, fantastisch Grenzen zwischen Klassik und Jazz aufbrechende Pianistin Johann Summer. Schließlich trägt Tim Mälzer das berühmte „Was es ist“ von Erich Fried vor und bekennt sich mit ein paar kernigen Worten zum Anspruch des Abends, ein Signal gegen das Schweigen und gegen Antisemitismus zu setzen.
Die Höhepunkte des Abends aber gehören zwei Wortbeiträgen. Da ist zum einen Michel Friedman, der in einer brillanten Rede den Hass geißelt – „der gehört vors Strafgericht“ – und den Ruf nach autoritärer Politik: „Die schlechteste Demokratie ist mir lieber als die beste Diktatur.“ Wenn er sagt, „ja, ich bin Jude, aber vor allem bin ich ein Mensch“, dürfte er Igor Levit aus dem Herzen sprechen. Und er bestätigt ihn in seiner Aktivität: „Solange so etwas stattfindet“, sagt er ins vollbesetzte Rund, „weiß ich, dass wir das letzte Wort haben, wir, die die Menschen lieben.“
Nicht weniger brillant ordnet die jesidische Autorin und Filmemacherin Düzen Tekkal ein, was das Schweigen nach dem 7. Oktober 2023 bedeutet: dass die Hamas nicht nur jüdisches Leben angegriffen hat, dass Antisemitismus nicht nur Juden, sondern unsere Gesellschaft insgesamt, unser Miteinander gefährdet. Ein bedrückendes Fazit, das unserer Zivilgesellschaft kein gutes Zeugnis ausstellt.
Igor Levit selbst ist es schließlich, der mit einem Text von Maxim Biller noch einen Schuss Humor in den Abend bringt, jüdischen Humor freilich, von dem er am Anfang gesagt hat, dass er weniger lustig sei, als vielmehr eine Beschreibung der Realität. Und dann nimmt er nochmal am Klavier Platz, um seine Freunde von der Antilopen Gang zu begleiten – der stimmige Abschluss eines langen, notwendigen, gelungenen Abends. Denn es geht davon das Signal aus, dass niemand allein ist im Kampf gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus. Eine Lösung im Biermann’schen Sinne ist das noch nicht, aber ein Schritt auf dem Weg dahin.