Hamburg  Keine Schule: Wo der Unterricht am häufigsten ausfällt

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 15.09.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wenn Unterricht ausfällt, leidet die Bildung. In welchen Bundesländern das am häufigsten der Fall ist. Foto: dpa/Caroline Seidel
Wenn Unterricht ausfällt, leidet die Bildung. In welchen Bundesländern das am häufigsten der Fall ist. Foto: dpa/Caroline Seidel
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Während in manchen Bundesländern jede fünfte Unterrichtsstunde nicht wie geplant stattfindet, erheben andere diese Statistik erst gar nicht. Ein Überblick.

Der beste Unterricht bringt nichts, wenn er nicht stattfindet. Doch wo das häufigsten passiert, ist schwer zu sagen. Jedes Bundesland führt seine eigene Statistik, nach den eigenen Vorstellungen. Um nur einen Überblick zu geben: Viele Länder lassen sich ausgefallenen Unterricht gar nicht oder nur stichprobenweise melden. Die Zahlen zu vergleichen, ist also schwierig. Wir haben trotzdem die Zahlen für alle Bundesländer zusammengetragen.

Am schwierigsten ist demnach die Lage in Nordrhein-Westfalen. Dort konnte im vergangenen Schuljahr mehr als jede fünfte Schulstunde (21,7 Prozent) nicht planmäßig stattfinden. Laut der Düsseldorfer Schulministerin Dorothee Feller (CDU) ist dafür vor allem die Transparenz ihres Ministeriums verantwortlich: „Wir erfassen das Unterrichtsgeschehen und den Unterrichtsausfall so systematisch und transparent wie kaum ein anderes Bundesland”, wird sie in einer Pressemitteilung zitiert. 

Im Vergleich zum Jahr 2018/19 (17 Prozent) ist der Ausfall um rund fünf Prozentpunkte gestiegen. Das Ministerium erklärt den Trend mit der neuen Möglichkeit für Schulen einen „pädagogischen Tag“, an dem Lehrer neue Unterrichtskonzepte entwickeln sollen. Zudem habe es im vergangenen Winter uncharakteristisch viele Atemwegserkrankungen gegeben. Obwohl mehr Stunden ausfallen würden, gebe es aber dennoch mehr Unterricht. So habe man in den Klassen eins bis zehn etwas mehr Stunden angesetzt: „Damit verbleibt nach Abzug der höheren Ausfallrate immer noch ein Mehr an Unterricht“, teilt das Ministerium mit. 

Das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern hat keine Zahlen für das vergangene Schuljahr. Im Schuljahr 22/23  lag der Vertretungsbedarf bei 14,1 Prozent. Für 3,6 Prozent der Stunden konnte kein Ersatz gefunden werden. Im Vergleich zum Schuljahr 16/17 (10,4 Prozent) ist das ein deutlicher Anstieg. Auch das Ministerium in Schwerin erklärt das mit dem massiven Anstieg der Krankmeldungen von Lehrern und ihren Kindern. 

„Die Landesregierung unternimmt große Anstrengungen, damit sich die personelle Situation in den Schulen verbessert. In den vergangenen zweieinhalb Jahren haben wir über 1.900 Lehrkräfte eingestellt. Dennoch klafft eine Lücke“, lässt sich Ministerin Simone Oldenburg (Linke) zitieren. Sie will die Lage bessern, indem sie mehr Seiteneinsteiger zulässt und kurzfristig Vertretungskräfte engagiert. 

An allgemein bildenden Schulen in Berlin konnten im vergangenen Schuljahr 13,9 Prozent der Stunden nicht nach Plan stattfinden. Dennoch ist man in Berlin zufrieden: „Denn die Erwartung war ein unter der vorherrschenden Situation des anhaltenden Mangels an Lehrkräften, noch höherer Unterrichtsausfall“, heißt es im Bericht der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. 3,3 Prozent wurden ersatzlos gestrichen. Obwohl der Plan vergleichsweise häufig nicht funktioniert, müssen also vergleichsweise wenige Stunden gestrichen werden. 

Im nördlichsten Bundesland liegen noch keine Zahlen für das vergangene Schuljahr vor. Im Jahr 22/23 sind jedoch 12 Prozent der Stunden ausgefallen. Auch hier ist eine Zunahme gegenüber 18/19 (9,7 Prozent) zu verzeichnen. Ersatzlos gestrichen wurden 2,7 Prozent der Stunden. Die Schulen in Schleswig-Holstein setzen, um diesen Bedarf zu erfüllen, vor allem auf EVA. So werden laut dem „Bericht über die Unterrichtssituation“ in der Oberstufe werden so beispielsweise „neun von zehn Stunden” des Vertretungsbedarfs aufgefüllt. Allgemein beträgt der Anteil von EVA-Stunden 2,7 Prozent des Aufkommens. 

11,1 Prozent der in Bayern angesetzten Schulstunden konnten laut den neuesten Zahlen aus dem Jahr 22/23 nicht nach Plan ablaufen. Immerhin liegt der ersatzlos gestrichene Unterricht mit zwei Prozent ziemlich niedrig. Im Schuljahr 18/19 sind jedoch nur 1,5 Prozent der Stunden ausgefallen. 

In Hamburg konnten im ersten Halbjahr des vergangenen Schuljahres 9,6 Prozent der Unterrichtsstunden nicht nach Plan stattfinden. 1,6 dieser Prozente sind dabei ersatzlos ausgefallen. Eine deutliche Zunahme gegenüber dem Jahr 18/19 (7,6 Prozent). Ein Sprecher der Hamburger Schulbehörde (entspricht dem Bildungsministerium) verweist auf Anfrage unserer Redaktion auf zahlreiche Atemwegserkrankungen im vergangenen Winter. 

In Thüringen ist der ausgefallene Unterricht zurückgegangen, wie eine Stichprobe aus dem vergangenen März ergab. Während im Jahr 18/19 noch 12,3 Prozent der Stunden nicht planmäßig stattfinden konnten, galt das im vergangenen Schuljahr nur für 9,6 Prozent der Stunden. 6,9 Prozent der Unterrichtsstunden haben dabei garnicht stattgefunden. 

Zumindest was die Ergebnisse des Unterrichts angeht, muss sich der aktuelle Pisa-Champion aus Sachsen nicht verstecken. Auch die Zahlen für den Unterrichtsausfall sind besser als in den meisten anderen Ländern: Neun Prozent des Unterrichts in Sachsen sind im vergangenen Schuljahr ausgefallen. Das ist ein leichter Anstieg gegenüber dem vergangenen Jahr, den das Bildungsministerium in Dresden auf einen Warnstreik Ende 2023 zurückführt.

Baden-Württemberg ermittelt die Zahlen zum Unterrichtsausfall im März per Stichprobe und rechnet sie auf das ganze Jahr hoch. Für das vergangene Schuljahr kommt man im Stuttgarter Kultusministerium auf einen Vertretungsbedarf von 7,4 Prozent der Stunden. 3,6 Prozent davon sind ersatzlos ausgefallen. Im Vergleich zum Schuljahr 18/19 (9,1 Prozent) ein deutlicher Rückgang. 

In Sachsen-Anhalt mussten 13,6 Prozent der Stunden vertreten werden. 5,8 Prozent konnten nicht vertreten werden. Am häufigsten fällt der Unterricht an berufsbildenden Schulen aus (8,9 Prozent). Am seltensten an der Grundschule. In den meisten Fällen wegen Krankheit (54 Prozent des Bedarfs). „Wir verweisen auf das äußerst komplexe Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das bei der Unterrichtsversorgungsquote am Schuljahres-Anfang und dem geschickten Stundenplanbau beginnt und bei der Kenntnis persönlicher Belange des Lehrkörpers endet”, heißt es aus dem Ministerium. 

In Rheinland-Pfalz liegen nur Daten für das erste Halbjahr des vergangenen Schuljahres vor. 8,5 Prozent der Stunden konnten nicht nach Plan stattfinden. 2,1 Prozent der Gesamtstunden konnten dabei nicht vertreten werden.  Das ist eine leichte Zunahme gegenüber dem Schuljahr 18/19, als 7,2 Prozent der Schulstunden nicht planmäßig stattfinden konnten. „Rheinland-Pfalz hat in den vergangenen Jahren viele Schritte eingeleitet, um eine gute Unterrichtsversorgung sicher zu stellen – und das setzen wir fort”, heißt es aus dem Mainzer Bildungsministerium. Man schaffe zusätzliche Studienplätze und stelle zahlreiche neue Lehrer ein. 

In Bremen war die Auswertung der Zahlen aus dem vergangenen Schuljahr noch nicht abgeschlossen. In Brandenburg wurde auf unsere Anfrage trotz mehrfachen Nachhakens nicht reagiert. Niedersachsen, Hessen und das Saarland erheben keine Zahlen zum Unterrichtsausfall. Zumindest im Bildungsministerium in Wiesbaden wird daran jedoch gearbeitet: „Es wird derzeit mit verschiedenen Beteiligten an einem leicht handhabbaren Erfassungsformat gearbeitet und zusammen mit einer Auswahl von Schulen erprobt“, heißt es von dort. 

Für Saarbrücken und Hannover gibt es keine entsprechenden Pläne. Stattdessen arbeitet man in Niedersachsen mit der „rechnerischen Unterrichtsversorgung“ (97 Prozent), die allerdings nur die Abdeckung mit Lehrern misst. Den Saarländern ist eine Statistik zu viel Aufwand: „Eine Rückmeldung an die Schulaufsichtsbehörde beziehungsweise das Ministerium für Bildung und Kultur erfolgt in diesen Fällen nicht, da der Verwaltungsaufwand bei rund 300 Schulen im Saarland schlicht zu hoch wäre“.

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