Prozess in Aurich Vater soll Kinder missbraucht und geschlagen haben
Ein 37-Jähriger soll in Aurich und Utarp seine drei leiblichen Kinder und zwei Stiefkinder misshandelt und sexuell missbraucht haben. Jetzt wird ihm in Aurich der Prozess gemacht.
Aurich/Utarp - Hat ein 37-Jähriger seine eigenen Kinder und die Kinder seiner Lebensgefährtin geschlagen und sexuell missbraucht? Die Staatsanwaltschaft Aurich wirft ihm das vor. Die Taten sollen sich zwischen November 2017 und Dezember 2021 im privaten Umfeld in Utarp (Landkreis Wittmund) und in Aurich zugetragen haben. Seit Freitag, 13. September 2024, wird darüber vor dem Landgericht Aurich verhandelt.
Lang war die Anklageschrift, die Erster Staatsanwalt Jan Wilken vortrug. 45 Taten werden dem Informatiker vorgeworfen. Er stammt gebürtig aus Nordrhein-Westfalen. Sein aktueller Wohnort kam nicht zur Sprache. Der Angeklagte war mit zwei Anwälten angetreten. Angehörige saßen im Zuschauerbereich, um ihn zu stärken. Er schweigt zu den Vorwürfen.
Auf nackten Po geschlagen
Im Tatzeitraum wohnten der Angeklagte, seine damalige Lebensgefährtin und deren Kinder, eine 2011 geborene Tochter und ein 2014 geborener Sohn, zusammen in Utarp. 2018 bekamen sie einen gemeinsamen Sohn. Die Beziehung ging 2020 in die Brüche, und die Mutter zog mit den Kindern nach Aurich.
Das Mädchen war zu Beginn der mutmaßlichen Vorfälle sechs Jahre alt. Es soll von dem Angeklagten mehrfach in seinem Kinderzimmer missbraucht worden sein. Zusätzlich soll er es dreimal so stark mit der Hand auf den nackten Po geschlagen haben, dass ein roter Handabdruck zu sehen war. Ihr Bruder soll ebenfalls auf diese Weise misshandelt und einmal zur Strafe längere Zeit in seinem Zimmer eingesperrt worden sein.
Mutter machte Beweisfotos
Seine leiblichen Kinder – ein 2016 geborenes Mädchen und ein 2014 geborener Junge – sollen ebenfalls unter ihm gelitten haben. Er soll seine Tochter sexuell missbraucht und geschlagen haben. Außerdem habe er versucht, ihr Essen in den Mund zu stopfen, als sie nicht essen wollte. Auch der Sohn habe Schläge erhalten. Seinen 2018 geborenen Sohn soll der Angeklagte in den Nacken gebissen, ihm im Gesicht eine lange Kratzwunde und einen roten Händeabdruck auf dem Po zugefügt haben.
„Immer wenn der Kleine übers Wochenende bei ihm war, kam er mit Wunden zurück“, sagte die 36-jährige Ex-Lebensgefährtin als Zeugin. Von den Verletzungen des Kindes hat sie Bilder gemacht, die in der Verhandlung in Augenschein genommen wurden. „Papa Aua macht“ und „Papa beißt“ habe der Kleine damals gesagt.
Mit dem Ex-Mann zur Polizei
Ihre Tochter habe sie aufgrund eines Jugendamtsverdachts direkt auf Misshandlungen durch den Angeklagten angesprochen. „Da fiel ihr die Farbe aus dem Gesicht, sie fing an zu stammeln und zu weinen“, sagte die Zeugin. So habe sie von den Schlägen erfahren – und dass er das Mädchen angefasst habe. Gemeinsam mit ihrem Ex-Mann sei sie am 4. März 2022 zur Polizei gegangen.
Nach und nach fielen der Zeugin weitere Details ein, die ihre Tochter zu den Missbrauchstaten erzählt hatte. „Es ist alles so lange her“, begründete sie. Manches habe ihr das Kind erst nach der ersten polizeilichen Vernehmung berichtetet. Was ihr noch aufgefallen war: „Einmal hatte sie den Abdruck eines Tommy-Hilfinger-Schlappen auf dem Hintern.“ Der Angeklagte habe damals immer Ausreden parat gehabt.
„Ein Kind in dem Alter denkt sich das nicht aus“
„Er hat gekocht, die Hausarbeiten überwacht und die Kinder ins Bett gebracht“, schilderte sie das damalige Zusammenleben. Ihr Sohn sei ihrem neuen Partner gegenüber sehr distanziert gewesen, das Mädchen anfangs offen und locker. Mit acht Jahren habe es sich allerdings sehr zurückgezogen und einmal sogar gesagt, es hasse ihn.
Die 34-jährige Mutter der leiblichen Kinder des Angeklagten – mit ihr war er bis Juli 2017 zusammen – berichtete, sie habe ihre Tochter an einem Wochenende auf ihrem Bruder sitzend vorgefunden, die Bewegungen des Geschlechtsverkehrs imitierend. Das Mädchen habe gesagt, es kenne das von Papa. „Ich habe das sehr ernst genommen, denn ein Kind in dem Alter denkt sich das nicht aus“, sagte die Zeugin, die kurz darauf Anzeige erstattete.
Mädchen riss sich Haare aus
Immer wieder seien bei ihren Kindern neue Sachen „aufgeploppt“, etwa beim Zähneputzen. Dann hätten sie erzählt, ihr Vater habe sie geschlagen, an einen Stuhl gefesselt oder mit dem Messer bedroht. Das Mädchen habe sich eine Zeit lang die Haare ausgerissen, sich versteckt und gekniffen. Es habe Angst vor seiner Aussage vor Gericht. Der Junge sei schwerst traumatisiert.
Der Prozess wird am 18. September um 9 Uhr in Saal 003 des Landgerichts Aurich fortgesetzt.