Sanierung gestoppt  Die Zukunft des Wiesmoorer Hallenbads steht auf der Kippe

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 13.09.2024 16:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
So könnte ein Hallenbad-Neubau aussehen. Daran führt kein Weg vorbei, wenn es in Wiesmoor weiterhin ein Bad geben soll. Aber dafür ist kein Geld da. Grafik: Planungsbüros Janßen Bär
So könnte ein Hallenbad-Neubau aussehen. Daran führt kein Weg vorbei, wenn es in Wiesmoor weiterhin ein Bad geben soll. Aber dafür ist kein Geld da. Grafik: Planungsbüros Janßen Bär
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Aus Not betreibt die Stadt Wiesmoor ihr marodes Hallenbad weiter. Ein Gutachten hatte die notwendige Sanierung gestoppt. So schlecht steht es um das älteste Bad auf dem ostfriesischen Festland.

Wiesmoor - Wer von oben in das klare Wasser auf den Boden des Wiesmoorer Hallenbades schaut, sieht nichts davon, was unter den blauen Kacheln lauert. Nichts von dem, was Heidrun Engelbrecht vom technischen Bauamt der Stadt Wiesmoor im Finanzausschuss am Donnerstag als „wasserführende Trennrisse“ bezeichnete. Sie sorgen dafür, dass es in einigen Ecken im Keller und Kriechkeller unter dem Becken aussieht wie in einer Tropfsteinhöhle. Wie schlimm es um das Becken des 60 Jahre alten Hallenbades wirklich steht, war erst in einer nachträglichen Untersuchung vor Beginn der bereits lange geplanten „kleinen Sanierung“ des Bades deutlich geworden. Die hatte die Politik längst beschlossen und sie sollte eigentlich längst laufen.

Ein Bild aus der Präsentation des Planungsbüros zum Zustand des Beckens im Keller. Das Wasser hat den von Karbonatisierung betroffenen Beton ausgewaschen und der korrodierende Stahl darin lässt ihn zerbröseln. Foto: Planungsbüros Janßen Bär
Ein Bild aus der Präsentation des Planungsbüros zum Zustand des Beckens im Keller. Das Wasser hat den von Karbonatisierung betroffenen Beton ausgewaschen und der korrodierende Stahl darin lässt ihn zerbröseln. Foto: Planungsbüros Janßen Bär

Worüber wurde entschieden?

Jetzt stand die Politik vor der Entscheidung, ob das Bad trotzdem wie geplant saniert werden soll. Also: Darf es eine kleine Sanierung für 4,6 Millionen Euro, eine kleine Sanierung inklusive eines neuen Beckens für 8 Millionen Euro oder gleich ein komplett neues Bad für 12 Millionen Euro sein? Das waren die Optionen für das Wiesmoorer Hallenbad – wenn es in Hinblick auf die leeren Kassen der Blumenstadt denn Optionen wären. „Wir haben uns mit der Zustimmung für die kleinste Variante schon schwergetan“, gab Johannes Kleen (SPD) vor der Abstimmung über die Zukunft des ersten auf dem ostfriesischen Festland eröffneten Hallenbades zu bedenken.

Was sagt die Verwaltung?

„Eine Sanierung des Bades ohne neues Becken ist nicht sinnvoll“, fasste Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) die Sicht der Verwaltung zum aktuellen Problem zusammen. Würde man sich aber für ein neues Becken entscheiden, hätten die Wiesmoorer weiterhin ein nicht barrierefreies altes Bad. Lübbers: „Wenn man schon 8 Millionen investiert, ist der Weg zu einem neuen Bad finanziell auch nicht mehr so weit – und wir müssten bei einem Neubau nicht damit rechnen, dass uns noch andere Dinge auf die Füße fallen.“ Klar ist also – die einzige Option für eine Zukunft mit einem Hallenbad in Wiesmoor ist der Neubau. Klar ist jedoch auch: Einen Neubau für 12 Millionen Euro kann sich Wiesmoor schlicht nicht leisten.

Wie steht es um die finanzielle Situation der Stadt?

Passend, dass vor der Abstimmung über die Zukunft des Wiesmoorer Hallenbades über die Schuldenlage der Stadt debattiert wurde. Zwar sind die Schulden pro Einwohner im Jahr 2022 erstmals leicht gesunken und liegen bei 2665 Euro im Vergleich zu 2744 Euro im Vorjahr. Trotzdem vermerkte das Rechnungsprüfungsamt Aurich in seinem im Ausschuss diskutierten Bericht, dass die Wiesmoorer damit noch immer erheblich über dem Landesdurchschnitt der Kommunen vergleichbarer Größe lägen. „Eigentlich müssten wir ein großes Schild mit unserem Schuldenstand aufhängen, damit wir bei jeder Entscheidung immer sehen, wie ernst die Lage ist“, hatte Heribert Kansy (Grüne) noch geflachst.

Was wurde beschlossen?

So ging es in der Abstimmung lediglich darum, die geplante Sanierung abzublasen und das Nötigste zu tun, um das Hallenbad weiterzubetreiben. Das wurde, wie in Wiesmoor üblich, einstimmig beschlossen. „Wäre ich keine Wiesmoorerin, wäre ich sofort dafür, das Hallenbad abzureißen“, hatte Elke-Marei Bauer (SPD) dazu mit einem Seufzen erklärt. Dann schränkte sie jedoch ein: „Ich habe mit vielen Wiesmoorern darüber gesprochen. Niemand kann sich seine Stadt ohne ein Hallenbad vorstellen.“ Was also tun mit einem maroden Bad, das in einem so schlechten Zustand ist, dass sich nicht einmal die dringend benötigte und lange geplante Sanierung lohnt?

Welche Hindernisse gibt es beim Betrieb des Bades?

Das Notprogramm der Verwaltung lautet: Weitermachen wie bisher und dafür sorgen, dass das Nötigste so günstig wie möglich erledigt wird. Es gibt Baustellen, die ohne Sanierung nicht ignoriert werden können, wenn das Bad weiter genutzt werden soll. Was passiert zum Beispiel mit dem ehemaligen Restaurant? Wie lässt sich die Situation für die acht Hallenbad-Mitarbeiter verbessern, die sich noch immer in viel zu kleinen Kabinen umziehen müssen? Aus Sicht der Arbeitssicherheit ist das ein unhaltbarer Zustand. Oder: Wie lässt sich das Problem mit der Heizungsanlage lösen? Die war in der Vergangenheit immer wieder ausgefallen und hatte dafür gesorgt, dass das Bad zeitweise geschlossen werden musste. Über allem hängt die letzte Frage, mit deren Antwort in Wiesmoor alles steht und fällt: Wie lange hält das Becken noch durch?

Gibt es Lösungen?

Eine Lösung für das Restaurant setzt die Stadt bereits um. Mit „Bordmitteln“ – also möglichst kostengünstig – wird der Raum bereits aufgewertet. Snack- und Getränkeautomaten soll es in Kürze geben, damit sich die Hallenbad-Gäste mit dem Nötigsten versorgen können, so Jens Albers vom Fachbereich Zentrale Dienste. Eine schnelle Lösung soll es auch für die Heizungsanlage geben. Mit einem externen Heizcontainer soll zusätzlich geheizt werden, wenn die alte Heizungsanlage mal wieder schlappmacht. Die Kosten? „Überschaubar“, sagt Jens Albers. Eine Lösung für die Hallenbad-Mitarbeiter wird es jedoch so schnell nicht geben. „Wir haben Räume im Bereich des ehemaligen Restaurants im Blick, dort wollen wir neue Umkleiden einrichten“, sagt Heidrun Engelbrecht. Doch das kostet mehr, als die „Bordmittel“ hergeben. Das Geld dafür wird in den Haushalt des nächsten Jahres eingeplant werden müssen. Die Mitarbeiter müssen also geduldig sein.

Wie lange hält das Becken und ist es gefährlich?

Wie schlimm es um das Hallenbad steht, darüber hatte die Stadt die Ratsmitglieder im Juni 2024 unter Ausschluss der Öffentlichkeit informiert. Für den Finanzausschuss veröffentlichte sie jetzt eine Präsentation des Planungsbüros Janßen Bär Partnerschaft mbB zum Zustand des Beckens. Heidrun Engelbrecht fasst zusammen: Das größte Problem sei die Karbonatisierung des Stahlbetons. Dahinter steckt eine chemische Reaktion des in der Luft gelösten Kohlendioxids mit dem Zement. Calciumcarbonat bildet sich, der Beton wird brüchig und kann den Stahl nicht mehr schützen. Das eindringende Wasser greift dann den Stahl an, der korrodiert und sprengt den Beton auf. Dieser Prozess ist im Wiesmoorer Hallenbad weit fortgeschritten. „Wir lassen den Zustand regelmäßig von einem Statiker überprüfen“, sagt Engelbrecht. Solange der keine Gefahr für den Betrieb des Bades sieht, kann es weitergehen. Wie lange noch? „Das wissen wir nicht. Es kann morgen vorbei sein oder auch erst in fünf Jahren.“

Wie geht es langfristig weiter?

“Wir hoffen, dass das Becken so lange wie möglich hält“, sagt Jens Albers. In der Zwischenzeit sucht die Stadt nach Fördertöpfen – denn anders ist ein neues Hallenbad für zwölf Millionen Euro für die Stadt Wiesmoor nicht finanzierbar. „Wir hoffen darauf, dass der Bund auf die vielen Hallenbadschließungen in Deutschland reagiert und den Trend stoppen will“, so Albers. Ohne Geld vom Bund wird auch Wiesmoor über kurz oder lang ohne Hallenbad dastehen. „Doch aktuell sind die Kassen beim Bund leer“, fasste Sven Lübbers im Finanzausschuss den aktuellen Stand zusammen. Bis Ende 2025 kann Wiesmoor noch mit der Million vom niedersächsischen Innenministerium rechnen. Ob das Fördergeld auch noch darüber hinaus zur Verfügung stehen wird, steht jetzt noch nicht fest. Die Zeit läuft – je länger der Stahlbeton des Beckens hält, desto besser steht es um eine gemeinsame Zukunft von Wiesmoor und seinem Hallenbad.

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