Cannabis Social Club Erster Anbauverein in Ostfriesland – Grüner Anker startet in Emden
Benjamin Ites und Marco Sousa Fernandes Inacio haben den ersten Cannabis Social Club in Ostfriesland gegründet. In Emden beginnt damit der legale Anbau von Cannabis.
Emden/Norden - Sie sind die ersten: Benjamin Ites und Marco Sousa Fernandes Inacio gehören zum Vorstand vom Cannabis Social Club (CSC) Grüner Anker Norden. Der Verein beginnt gerade in Emden mit dem legalen Anbau von Cannabis. Die beiden haben zusammen mit den rund 18 weiteren Vereinsmitgliedern viel vor.
Beim Besuch unserer Zeitung in den frisch renovierten und umgebauten Bunkerräumen ist allerdings nur zu erahnen, was hier in den kommenden Wochen und Monaten passieren soll. Ein paar Mutterpflanzen Hanf stehen unter einer Lampe. Der Anfang einer Premiere, nicht nur für Emden.
Was ist ein CSC?
Der legale Anbau von Cannabis als Rauschmittel ist in Deutschland seit April 2024 gesetzlich geregelt und seit Juli erlaubt. Seitdem befinden sich in allen Bundesländern sogenannte „Cannabis Social Clubs“ in Gründung. Und der Norden sowie Niedersachsen sind hier Vorreiter: Am 8. Juli 2024 wurde die deutschlandweit erste Anbau- beziehungsweise Aufzuchtgenehmigung von Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte in Ganderkesee im Landkreis Oldenburg übergeben. In der Stadt Oldenburg gibt es gleich mehrere „CSC“ – und in Emden seit Mitte August den ersten in Ostfriesland.
Bei einem Cannabis Social Club handelt es sich um einen kommerziellen Verein, der den Anbau von Cannabis für seine Mitglieder organisiert. Das Konzept gibt es bereits in verschiedenen Ländern. Der 41-jährige Benjamin Ites aus Norddeich hat die Idee zum Beispiel aus Teneriffa und steht auch in Kontakt mit anderen Initiativen zum Beispiel aus Bayern.
In Deutschland müssen Cannabis Social Clubs besondere Sicherheitsmaßnahmen, Mindestabstände und weitere Auflagen einhalten. Dazu gehört auch die Dokumentation dessen, was angebaut, verarbeitet und ausgegeben wird. Wer einen CSC gründen will, muss zudem laut dem Land Niedersachsen unter anderem ein aktuelles Führungszeugnis vorlegen, ein Gesundheits- und Jugendschutzkonzept entwickeln sowie THC-Gehalte kontrollieren und dokumentieren. THC ist der rauscherzeugende Wirkstoff in Cannabis.
Wie viel darf der „Grüne Anker“ anbauen?
Bis zu 72 Kilogramm Marihuana und bis zu drei Kilogramm Haschisch darf der „Grüne Anker“ für seine Mitglieder zur Verfügung stellen. Bei Marihuana handelt es sich um die getrockneten weiblichen Blütenstände und Tragblätter, bei Haschisch um das aus weiblichen Pflanzen gewonnene Harz. Die Einschränkung „bis zu“ ist hier wichtig, denn: Wie viel tatsächlich angebaut und weitergegeben werden darf, richtet sich nach der Zahl der Mitglieder. „Aktuell liegt die Grenze bei 50 Gramm pro Monat pro Mitglied“, so Marco Sousa Fernandes Inacio.
Um die Genehmigung voll ausschöpfen zu können, müsste der Verein also 125 Mitglieder haben. „Alles, was wir anbauen, muss protokolliert werden. Was zu viel ist, muss nach der Ernte vernichtet werden“, erklärt Sousa Fernandes Inacio. Der 29-Jährige wohnt in Leer und kümmert sich im Verein gerade vor allem um die Plantagenplanung. 75 Quadratmeter stehen dem Grünen Anker laut Genehmigung als Anbaufläche zur Verfügung.
Beratung und Prävention gehören zu den Aufgaben
Geplant sind verschiedene Sorten. Manche Setzlinge würden hier schon mit rund 700 Euro zu Buche schlagen. Insgesamt investiert der Verein rund 15.000 Euro. Ites hat sich an der „Cannabis Akademie“ zum Cannabis-Sommelier ausbilden lassen und wird sich vor allem um die Beratung der Mitglieder kümmern. Beratung gehört aber nicht nur bei den Produkten zu den festen Aufgaben des CSC. „Wir müssen auch Prävention beachten“, so Sousa Fernandes Inacio. Dazu gehöre ein fester Ansprechpartner für Suchtprävention und auch der Blick auf die Mitglieder. „Wenn jemand plötzlich seinen Konsum verändert, dann sind wir auch gefragt“, so Ites.
Als Anbauverein darf der „grüne Anker“ an Mitglieder sowohl Vermehrungsmaterial als auch Blüten und Haschisch ausgeben. An Nicht-Mitglieder nur Vermehrungsmaterial im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen.
Auch die Ernte und die Weiterverarbeitung der Pflanzen soll in Emden erledigt werden. „Perspektivisch wollen wir auch Räume in Norden zur Verfügung stellen“, so Ites. Er selbst wohnt in Norddeich, fuhr früher auf einem Krabbenkutter zur See – und nutzt seit einiger Zeit wegen seiner Rückenprobleme selbst medizinisches Cannabis.
Wer kann Mitglied beim Grünen Anker werden?
Finanzieren wird sich der Anbauverein erst einmal vor allem über Mitgliedsbeiträge. Ab einem Alter von 21 Jahren kann man dem „Grünen Anker“ beitreten. Die notwendige Ausrüstung, die der Verein in Emden benötigt, wird zunächst von einem Start-up gemietet. Aufzucht, Ernte und Weiterverarbeitung wird von benannten Vereinsmitgliedern übernommen.
Wie viele Cannabis Social Clubs gibt es in der Region?
Zuständig für die Cannabis Social Clubs ist, da es sich um Anbauvereine handelt, unter anderem die Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit Sitz in Oldenburg. Die Kammer bestätigt, dass für den Bereich Ostfriesland bislang nur eine Genehmigung ausgesprochen wurde.
Tatsächlich ist der „Grüne Anker“ auch der einzige Anbauverein in Ostfriesland, der es laut Kammerliste bis zum Antrag geschafft hat. Mit Stand 6. September 2024 hat die Landwirtschaftskammer für ganz Niedersachsen 81 Registrierungen erhalten. „Eine Registrierung ist Voraussetzung für eine Teilnahme am Antragsverfahren“, so die Pressestelle der Landwirtschaftskammer. Aus diesen seien 28 Anträge hervorgegangen sind. Hiervon wurden zwölf genehmigt und sechs versagt. „Gründe für die Ablehnung eines Antrags sind oft Mängel beim Konzept für den Jugend- und Gesundheitsschutz, etwa ein zu geringer Abstand zwischen einer (geplanten) Cannabis-Abgabestelle und einer Schule oder Kita. Die betreffenden Vereinigungen haben die Möglichkeit, die Mängel zu beseitigen und können daraufhin einen weiteren Antrag stellen“, heißt es auf Anfrage der Redaktion.
Cannabiskonsum – Was sind die Gefahren?
Die Anbauvereine müssen einen Präventionsbeauftragten stellen, der auch bei Suchtfragen zur Verfügung steht. Wie groß die Gefahr ist, die von Cannabis ausgeht, darüber wird seit Jahren rege diskutiert. Das Bundesgesundheitsministerium gibt in einem Flyer beispielsweise an, dass „regelmäßiges Kiffen“ die geistige Leistungsfähigkeit verringern kann, dass Schäden am Herz-Kreislauf-System entstehen können oder dass es zu Psychosen kommen kann.
Wo kann ich mich über Cannabis und die aktuellen Regelungen informieren?
Das Land Niedersachsen hat im Internet eine sehr umfangreiche Sammlung zu den wichtigsten Fragen rund um Cannabis, Anbauvereine und das neue Cannabis-Gesetz erstellt. Zu finden sind die Informationen hier: https://www.niedersachsen.de/cannabis/informationen-zum-cannabisgesetz-231845.html.
Für Ites und seinen Vorstandskollegen liegt der Vorteil von Anbauvereinen darin, dass die Ware nicht verunreinigt wird. „Wir müssen regelmäßig Proben ins Labor schicken“, so Sousa Fernandes Inacio. Das, zusammen mit strengen Hygienevorschriften und den weiteren Auflagen, soll für ein möglichst gutes Produkt sorgen. Gefahren sind, ähnlich wie bei Alkohol und Nikotin, aber dennoch nicht auszuschließen. „Besser als das übliche Straßengras ist es aber auf jeden Fall“, sagt Ites. „Das ist ja auch beim Apotheken-Cannabis so.“
Werden die Anbauvereine den Straßenhandel abschaffen?
Auch wenn der Anbauverein wahrscheinlich „unter dem Straßenpreis“ liegen wird, wie Ites es ausdrückt, gehen die beiden Vorstandsmitglieder nicht davon aus, dass der illegale Handel zum Erliegen kommen wird. „Aber den Kleinkonsumenten, den bekommen wir sicher von der Straße runter“, sagt Sousa Fernandes Inacio.