Hamburg Abnehmspritze für Kinder erfolgreich getestet: ein Rettungsanker, der zu denken gibt
Forscher haben das erste Abnehmmedikament für Kinder im Grundschulalter erfolgreich getestet. Wird es zugelassen, könnte es die Rettung für adipöse Kinder sein. Eine Lösung ist es nicht.
Dicke Kinder sind fies, faul und feige. Andere Schlüsse lassen Harry Potters gemeiner Cousin Dudley, der gierige Augustus Gloop aus „Charlie und die Schokoladenfabrik“ oder der „Dicke Michi“ aus der Jugendbuchreihe „Die wilden Kerle“ nicht zu. In Büchern, Film und Fernsehen werden übergewichtige Kinder als egomane Mobber dargestellt, als Täter – und nicht als das, was sie eigentlich häufig sind: die Opfer elterlicher Vernachlässigung, gesellschaftlicher Junkfood-Euphorie und einer salonfähigen „Sport ist Mord”-Einstellung.
Denn wenn ein Kind im Kindergarten oder Grundschulalter stark übergewichtig ist, ist das nicht seine Schuld. Es ist die Verantwortung seiner Eltern. Sie sind es, die kontrollieren, was auf dem Abendbrottisch steht oder in die Brotbox kommt. Sie sind es, die Süßigkeiten und Fastfood als erzieherische Leckerlis missbrauchen. Sie sind es, die ihren Kindern die Lust am Herumtoben zugunsten einer Couchpotato-Mentalität abgewöhnen, weil man die Kleinen leichter vor der Glotze als auf dem Spielplatz „parken“ kann.
In den allermeisten Fällen dürfte dies nicht aus böser Absicht, sondern aus Überforderung, Unachtsamkeit oder Unwissen über Übergewicht begünstigende Erbanlagen passieren; welche Eltern würden der Gesundheit ihres Kindes bewusst schaden wollen? Doch sind es eben nicht Mama und Papa, die die kurz- und langfristigen körperlichen und seelischen Konsequenzen ihres Handelns ertragen müssen: Aus stark übergewichtigen Kindern werden meist stark übergewichtige Erwachsene, die ein stark erhöhtes Risiko haben, an Diabetes, Leberverfettung, Störungen des Hormonhaushalts oder Bluthochdruck zu leiden.
Sich davor zu schützen und abzunehmen, ist immer schwer; eine Kindheit voller Fünfer im Sportunterricht und Gummibären zum Trösten macht es garantiert nicht leichter. Eine im August veröffentlichte Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung konnte zudem zeigen, dass die Vorbeugung gegen Adipositas bei Kindern speziell aus ärmeren Familien dazu beitragen kann, Probleme mit der mentalen Gesundheit zu verringern.
Dass es für diese Kinder, die aufgrund ihres starken Übergewichts in ihrer Entwicklung eingeschränkt werden, eine medizinische Unterstützung beim Abnehmen gibt, ist sinnvoll und gut. Natürlich nicht als Freifahrtschein für Kinder mit ein bisschen Babyspeck und süßem Zahn, sondern als letzte Chance, wenn alles andere nicht geklappt hat. Es tut mir leid, aber wer etwas dagegen hat, Kindern zu einem gesunden Leben zu verhelfen, hat ein Problem!
Doch auch künftig werden sich Probleme mit Übergewicht nicht einfach wegspritzen lassen – auch bei Kindern droht der Jojo-Effekt und wer will schon eine Sechsjährige von der Spritze „abhängig“ machen? Nun sollte man niemandem in den Kühlschrank hineinregieren, sondern besser darauf vertrauen, dass Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Deswegen bleibt es in der Regel ihre Verantwortung, ihren Kindern einen gesunden Umgang mit Ernährung und Freude an Bewegung zu vermitteln. Keine einfache Aufgabe in einer Welt, in der das einzig Nichtfrittierte auf der Kinderspeisekarte die Pizza ist.
Eine Zuckersteuer auf Softdrinks könnte dabei helfen. Wichtiger wäre es jedoch, die Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse abzuschaffen, damit gesunde Ernährung für Familien genauso einfach wird, wie eine TK-Pizza in den Ofen zu schieben. Dann macht sich die Abnehmspritze für Kinder hoffentlich irgendwann selbst überflüssig.