Osnabrück  „Zum Fremdschämen“ – Politologe erklärt Donald Trumps Schwächen gegen Kamala Harris

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 11.09.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Er setzte vor allem auf das Thema Migration: US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump beim TV-Duell am Dienstag Foto: AP/Alex Brandon
Er setzte vor allem auf das Thema Migration: US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump beim TV-Duell am Dienstag Foto: AP/Alex Brandon
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Donald Trump im TV-Duell gegen Kamala Harris: Er schaute grimmig, sie spöttisch – was war klüger? Welche Rolle spielte der Altersunterschied? Und wer gewinnt nun die Wahl? Sechs Fragen zum US-Wahlkampf an den deutschen Politikwissenschaftler Alexander Görlach, der in New York lehrt.

Frage: Herr Görlach, wer hat das TV-Duell gewonnen?

Antwort: Nun, das Team von Kamala Harris hatte das Ziel, Harris als echte Alternative zu Joe Biden zu präsentieren, als eine neue, frische Figur. Das ist gelungen. Donald Trumps Kampagne wollte in erster Linie das Thema Migration setzen, immer wieder. Auch das hat funktioniert. Beide Kampagnen werden sich also als Sieger sehen. Als Außenstehender würde ich sagen: Trump wirkte wütend und zeichnete eine Welt im Niedergang. Harris kam positiv rüber und verbreitete Optimismus. Sie hat gewonnen.

Frage: Welche Rolle spielte der Altersunterschied?

Antwort: Paradoxerweise eine große, gerade weil er gar nicht zur Sprache kam. Als sein Gegner noch Biden hieß, hat Trump dessen Aussetzer unentwegt zum Thema gemacht. Nun, da Biden weg ist, rutscht er plötzlich selbst in die Rolle des Opas, der zum Teil unmögliches, unzusammenhängendes Zeug erzählt. Aber Harris reagierte darauf ruhig und ging darüber hinweg. Das fand ich klug.

Frage: Inhaltlich ging es häufig um Ansehen, um Standing, innerhalb und außerhalb von Amerika. Beide warfen sich mehrfach vor, die Menschen würden über den jeweils anderen „lachen“. Was sagt das über die Stimmung in Amerika aus, dass das so ein großes Ding ist?

Antwort: Frau Harris wollte das Prinzip der moralischen Führung stark machen. Amerika ist der Anführer der Freien Welt, aber es will kein Rabauke sein. Es pflegt seine Allianzen. Dieses Idealbild der moral leadership hat sie zu kontrastieren versucht mit Trump, der ein verurteilter Straftäter ist.

Frage: Welche Themen waren noch entscheidend?

Antwort: Tatsächlich spielt das Thema Abtreibung in Amerika eine zentrale Rolle. Seitdem der Supreme Court vor zwei Jahren die Rechtsprechung geändert hat, sehen wir, dass die Republikaner Wahlen verlieren. Das Thema kann den Demokraten helfen, die Leute zu mobilisieren. Das ist im US-Wahlkampf ja immer besonders wichtig, da die Wahlbeteiligung in Amerika traditionell niedrig ist. Das Team von Kamala Harris versucht, die eigenen Leute an die Urnen zu bekommen und gleichzeitig republikanischen Wählern, die an Trump zweifeln, die Lust am Wählen zu nehmen.

Frage: Wenn Trump nicht dran war, schaute er grimmig, wenn Harris nicht dran war, schaute sie spöttisch. Was war cleverer?

Antwort: Ich habe sie nicht als spöttisch erlebt. Höchstens manchmal entgeistert, bei den abstrusesten Tönen von Trump, etwa als er davon sprach, Einwanderer würden Haustiere der Amerikaner essen. Das war ja zum Fremdschämen. Ihre Körpersprache signalisierte persönliche Distanz. Trump wiederum hatte sich offensichtlich vorgenommen, möglichst lange möglichst wenig zornig zu sein und zumindest die größten Eskapaden zu vermeiden. Das hat er über weite Strecken geschafft. Erst als Harris ihm vorwarf, eine Schande zu sein, eine „disgrace“, wurde er emotionaler. Das war ja sein eigenes Vokabular. Harris hat ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen. 

Frage: Wer gewinnt nun die Wahl?

Antwort: Die gute Nachricht für alle, die eher weltoffen-freiheitlich-demokratisch denken, lautet: Mit Kamala Harris ist diese Frage zumindest deutlich schwieriger zu beantworten, als sie das bei Joe Biden war. Harris hat den Rückstand aufgeholt, sie liegt gleichauf mit Trump, in einigen Swing States sogar vor ihm. Ich denke, sie wird die Mehrheit der Amerikaner gewinnen. Ob sie auch das Wahlmännergremium gewinnt, ist schwer vorherzusagen. Aber allein dass sie die Chance dazu hat, zeigt bereits, dass der Wechsel von Biden zu ihr richtig war.

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