Freiwilliges Handwerksjahr Neue Wege bei der Nachwuchssuche – was Ostfriesen dazu sagen
In Lübeck bietet ein Pilotprojekt im Handwerk die Möglichkeit, in vier verschiedenen Berufen Erfahrung zu sammeln. Das halten ostfriesische Handwerksprofis davon.
Lübeck/Ostfriesland - „Wir begrüßen jedes neue Format, das unseren Betrieben hilft, junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu begeistern.“ Ausgesprochen positiv bewertet Thomas Dreesmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Leer/Wittmund, ein Pilotprojekt, mit dem die Handwerkskammer Lübeck seit dem 1. Juli dem grassierenden Nachwuchsmangel entgegenwirken will. Bei dem mit „Freiwilliges Handwerksjahr“ betitelten Programm können sich Ausbildungsinteressenten in einem Jahr gleich in vier Handwerksberufen ausprobieren, angesprochen werden sowohl Schulabgänger als auch Studienzweifler, die darüber nachdenken, ob ein Berufsweg im Handwerk nicht doch die bessere Wahl wäre.
Viele Jugendliche zögerten, sich direkt nach dem Schulabschluss beruflich festzulegen, berichtet Andrea Scheffler, die sich bei der Lübecker Handwerkskammer um das Pilotprojekt kümmert. Häufig gebe es Unsicherheiten bei den Jugendlichen – etwa bei der Frage, ob der Beruf denn der richtige für sie sei oder ob das mit eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten denn so passe. „Genau hier setzen wir an“, erläutert Scheffler: „Beim Freiwilligen Handwerksjahr können sich die Jugendlichen einfach mal ausprobieren, Erfahrungen sammeln, Ausbildungsbetriebe kennenlernen und schauen, was wirklich am besten zu ihnen passt.“
130 Berufe zur Auswahl
Und wie läuft das freiwillige Handwerksjahr? „Wer noch unschlüssig ist, ob eine Ausbildung im Handwerk das Passende ist, der kann sich bei uns melden“, beschreibt Scheffler den unkomplizierten Weg. Bei der Kammer gebe es dann eine individuelle Berufsberatung, in der potenzielle Ausbildungsberufe identifiziert würden. „Wir haben mehr als 130 Berufe, die ausprobiert werden können. Da findet sich was“, betont die Kammermitarbeiterin. Den Kontakt zu möglichen Ausbildungsbetrieben stelle dann die Kammer her. Mehr als 120 interessierte Firmen habe die Kammer trotz der erst kurzen Projektlaufzeit bereits in der Kartei. Und wenn die Wege zu weit seien, „dann finden wir bestimmt auch was in der Nähe“, betont Scheffler.
In insgesamt vier Berufe kann während des freiwilligen Handwerksjahrs hineingeschnuppert werden. Jeweils für drei Monate werden die jungen Leute zu einem passenden Betrieb vermittelt. Dabei ist das freiwillige Handwerksjahr auch sehr flexibel: „Wer schon bei der ersten oder zweiten Station seinen Traumjob findet, der kann dann auch aussteigen. Schließlich wollen wir ja, dass sich junge Menschen, Berufe und Betriebe finden“, sagt Scheffler. Neben einem Urlaubsanspruch erhalten die Projektteilnehmer von den Betrieben auch eine monatliche Aufwandsentschädigung in Höhe von 450 Euro. Gefördert wird das freiwillige Handwerksjahr über drei Jahre vom Schleswig-Holsteinischen Institut für Berufliche Bildung, einer dem Wirtschaftsministerium in Kiel angegliederten Landesbehörde.
Falsches Bild vom Handwerk
Wie schwierig es manchen Jugendlichen fällt, sich im Dschungel der Ausbildungswege zu orientieren, davon wissen die Handwerksprofis, mit denen unsere Redaktion gesprochen hat, ein Lied zu singen. „Viele haben ein völlig falsches Bild von dem, was sich im Handwerk tut und was das Handwerk ihnen bieten kann“, weiß auch Dreesmann. Sich auszuprobieren, könne da nicht schaden. Dies bringe wohl der normale Alltag mit sich, meint auch Klaus Freese, Obermeister der Innung für Elektro- und Informationstechnik in Ostfriesland. „Früher haben wir auch mal einen Nagel in die Wand gekloppt oder erst am Fahrrad und später am Auto rumgeschraubt. Heute ist das ja kaum noch möglich“, sieht auch der Elektromeister vieles im täglichen Umfeld begründet.
Als gar nicht verkehrt wertet auch Wilhelm Eden, Obermeister der Leeraner Tischler-Innung, den Ansatz des freiwilligen Handwerksjahrs. „Viele Jugendliche wissen gar nicht, was sie nach der Schule machen sollen. Die Schulpraktika helfen da oft auch nicht weiter.“ Die Betriebe müssten daher etwas tun, um ihren Nachwuchs zu finden. Dass auch die ostfriesischen Handwerksbetriebe bei solch einem Projekt mitziehen würden, davon ist Lothar Heuermann, Obermeister der Dachdecker-Innung in Ostfriesland, überzeugt. „Das ist allemal besser als eine Ausbildung zu beginnen und dann nach einem Jahr hinzuschmeißen. Das ist verschwendete Zeit.“