Osnabrück  Lippen aufspritzen: Eine junge Frau erzählt, welche Erfahrungen sie damit gemacht hat

Meike Baars
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Von Meike Baars
| 06.09.2024 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Aufgespritzte Lippen sind gefragter denn je - vor allem bei jungen Frauen. Foto: Imago/Depositphotos
Aufgespritzte Lippen sind gefragter denn je - vor allem bei jungen Frauen. Foto: Imago/Depositphotos
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Schönheitseingriffe boomen. Vor allem unterspritzte Lippen liegen bei jungen Frauen im Trend. Welche Rolle spielt Social Media dabei? Eine junge Frau spricht über ihre Beweggründe, zu Lip Fillern zu greifen.

Mit dem Gedanken, ihre Lippen auffüllen zu lassen, habe sie einige Jahre gespielt, sagt Angelina*. Im März dieses Jahres war es soweit: Die 28-Jährige aus Osnabrück entschied sich für den Eingriff. „Ich wollte, dass es natürlich aussieht. Man soll nicht direkt sehen, dass ich mir die Lippen habe machen lassen.“

Lippenbehandlungen liegen bei jungen Frauen im Trend. Nach aktuellen Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) nahmen diese Eingriffe prozentual unter allen Schönheitskorrekturen am deutlichsten zu. „Die behandelte Lippe ist zu so etwas wie einem Must-have für junge Frauen geworden“, zitiert die Fachgesellschaft ihren Präsidenten Helge Jens.

Verantwortlich für diesen Boom macht die DGÄPC vor allem Social Media. „Bei Instagram und TikTok kommt man an diesem Thema gefühlt nicht vorbei: junge Frauen und Influencerinnen, die stolz ihre behandelten Lippen präsentieren“, heißt es in der Interpretation der Ergebnisse aus den Patientenbefragungen.

Verändert sich durch Bilder und Videos in sozialen Medien, was bei jungen Menschen als schön gilt? Sinkt die Hemmschwelle, medizinisch nicht notwendige Eingriffe vorzunehmen, um einem ästhetischen Ideal zu entsprechen?   

Angelina zumindest empfand es eher als abschreckend, was ihr beim Scrollen auf dem Handy ins Auge sprang, wie sie erzählt. „Ich habe da viele Ergebnisse gesehen, die ich für mich nicht möchte.“ Ihr mangele es weder an Selbstbewusstsein, noch fühle sie sich übermäßig unsicher, was ihr Äußeres angeht, sagt sie.

Angetrieben habe sie der Wunsch, die Oberlippe „symmetrischer“ zu formen. „Ich finde das einfach schöner für mein Gesicht.“ Dass dieser Wunsch überhaupt entstand, könnte aber natürlich schon damit zu tun haben, dass das gängige Schönheitsideal voller Lippen überall präsent ist.

In ihrem Freundeskreis sei sie nicht die Erste, die sich für eine Lippenunterspritzung entschieden habe. Einige Bekannte hätten jedoch den Fehler gemacht, günstige Anbieter zu wählen, die sich bei der Dosierung ganz am Kundenwunsch orientieren. Dementsprechend übertrieben aufgepumpt hätten die Lippen ausgesehen, findet Angelina.

Vor der Gefahr, Billiganbietern aufzusitzen, deren Pfuscherei später Fachärzte ausbügeln müssen, warnt auch die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie. Auf sozialen Medien werde „mit Dumping- und Lockangeboten von Beautyketten geworben, um die junge, beeinflussbare Zielgruppe zu erreichen“.

Die Fachgesellschaft warnt womöglich aber nicht nur aus Sorge um junge Patientinnen, sondern auch aus finanziellem Eigeninteresse: Immerhin stehen die Schönheitssalons bei Lippenbehandlungen in direkter Konkurrenz zu Fachärzten, die von der DGÄPC vertreten werden.

Laut DGÄPC kostet eine Unterspritzung zwischen 300 und 600 Euro. Wird Eigenfett verwendet, das vorher abgesaugt und präpariert werden muss, kostet die Erstbehandlung 1500 bis 2000 Euro.

Um selbst nicht den Blick dafür zu verlieren, wie groß bei ihr die Veränderung ist, hat die 28-jährige Angelina ausführlich dokumentiert, wie ihre Lippen vor dem Eingriff aussahen – und wie danach. Lange befasste sie sich mit der Suche nach einem Studio, das ihrem Wunsch nach Natürlichkeit entsprach.

Gefunden hat sie Heilpraktikerin Marielle Eversmeyer, die in Osnabrück seit etwas mehr als einem Jahr den Osnabrücker Standort von „Human Design“ betreibt, eine „Praxis für ästhetische Medizin“. Auf deren Instagram-Account werden regelmäßig Behandlungsergebnisse präsentiert. Unterspritzte Lippen sind darunter mit Abstand am meisten vertreten.

Lippenbehandlungen seien ihr „Steckenpferd“, sagt Eversmeyer. Auch sie selbst habe die Behandlung vornehmen lassen. Allerdings habe sie schon von Natur aus sehr volle Lippen. Es komme vor, dass Patientinnen mit Bildern auf dem Handy vorstellig werden. „Dann muss ich erklären, dass Ergebnisse ganz auf die Ausgangslage und die eigene Anatomie ankommen. Es wird nie so aussehen wie auf einem Bild“, schränkt die Heilpraktikerin ein. Allerdings: Bei den auf Instagram verbreiteten Nachher-Fotos behandelter Lippen von „Human Design Osnabrück“ ist eine deutliche Ähnlichkeit auf den ersten Blick erkennbar.

Unsere Redaktion hat mehrere Praxen für ästhetische Chirurgie und Medizin angefragt, um über Schönheitseingriffe bei jungen Menschen zu sprechen. Heilpraktikerin Eversmeyer war die einzige, die sich offen für ein Gespräch zeigte. Als Nichtmedizinerin darf sie nur einen Teil des Spektrums minimalinvasiver Prozeduren anbieten. Lippen zu unterspritzen gehört dazu. 330 Euro kostet bei ihr eine Erstbehandlung.

Ihr sei es wichtig, nur vollkommen überzeugte Frauen und Männer zu behandeln, betont sie. Unter 18 Jahren nehme sie keine Schönheitseingriffe vor, selbst wenn Eltern ihr Einverständnis geben würden. Bei gerade Volljährigen sei sie ebenfalls vorsichtig. Bemerke sie Unsicherheit, rate sie dazu, nichts zu überstürzen, erklärt die 27-Jährige.

Manche Patientinnen müsse sie zudem davor schützen, zu viel zu wollen. Wenn junge Frauen ihre Lippen schon deutlich auffüllen haben lassen und mit dem Wunsch nach noch mehr in Eversmeyers Praxis kommen, warnt sie nach eigenen Angaben vor einem Zuviel.

„Es herrscht über Social Media enormer Druck“, nimmt sie aus Beratungsgesprächen mit. Dabei entspreche längst nicht immer der Realität, was dort zu sehen ist. Fotofilter lassen grüßen. „Viele Patienten schätzen, dass ich so ehrlich bin und auch mal bremse.“

Ihre Praxis laufe so gut, dass sie es sich leisten könne, notfalls eine Behandlung auch mal abzulehnen. Auch das zeigt, wie sehr die Eingriffe mittlerweile boomen.

Professorin Silja Vocks forscht am Institut für Psychologie der Universität Osnabrück zu Störungen des Körperbildes. Schwerpunktmäßig befasst sie sich mit Essstörungen, könnte sich aber vorstellen, dass einige ihrer Erkenntnisse übertragbar sind darauf, wie junge Menschen Lippen und Gesichtsformen wahrnehmen.

„Je häufiger man etwas sieht, desto schöner findet man es“, sagt Vocks. Über Social-Media werden junge Menschen tagein, tagaus mit Bildern bearbeiteter oder unterspritzter Lippen konfrontiert. So werden sie zur neuen ästhetischen Norm.

So wie eine übermäßige Beschäftigung mit der Idealvorstellung des Mager-Seins dazu führen kann, dass man den eigenen Körper nicht mehr so wahrnimmt, wie er eigentlich ist, könnte es auch mit dem Gesicht sein, nimmt die Wissenschaftlerin an.

Welchen Einfluss soziale Medien dabei nehmen, müsse die Forschung noch zeigen. Dass es einen Effekt dieser Bilder gibt, davon ist Vocks überzeugt. „Das sind Gesichtszüge, die nicht natürlich und nicht erreichbar sind, aber das eigene Schönheitsideal prägen.“

Problematisch und krankhaft sei es für junge Menschen, wenn sie das Gefühl entwickeln, entstellt zu sein, obwohl andere gar keinen Makel bemerken. Dann sei die Eigenwahrnehmung so gestört, dass ein Schönheitseingriff keine Linderung verschaffen würde, so Vocks. Ein Alarmzeichen sei zudem, wenn der Einsatz für das eigene Äußere mit selbstschädigendem Verhalten einhergehe.

Angelina indes ist mit ihrer Entscheidung für den Eingriff zufrieden. Ihre Eltern hätten ihn nicht einmal bemerkt, wenn sie nichts erzählt hätte, sagt die 28-Jährige. Nun hat sie sich vorgenommen, mindestens zwei Jahre zu warten, bevor sie erneut Hand anlegen lässt – wenn überhaupt.

*Auf Wunsch nennen wir nur den Vornamen. Der volle Name ist der Redaktion bekannt.

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