Eltern von Sternenkindern  Ein Haus voller Erinnerungen – wenn Kinder tot geboren werden

Ute Nobel
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Von Ute Nobel
| 08.09.2024 09:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Christin Arends hält einen Kuscheltierlöwen in die Kamera – eine Erinnerung an ihren toten Sohn. Die Mutter geht zwar sehr offen mit ihrer Geschichte um, möchte ihr Gesicht aber nicht veröffentlichen. Fotos: Nobel
Christin Arends hält einen Kuscheltierlöwen in die Kamera – eine Erinnerung an ihren toten Sohn. Die Mutter geht zwar sehr offen mit ihrer Geschichte um, möchte ihr Gesicht aber nicht veröffentlichen. Fotos: Nobel
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In Christin Arends’ und Hilmar Schildts Haus in Dunum erinnert alles an ihren Sohn Noah. Der kleine Junge ist tot zur Welt gekommen. Seine Mutter erzählt ihre bewegende Geschichte.

Dunum - Kuscheltiere stehen auf einem Regal, daneben liegen ein Schmusetuch, kleine Schuhe, ein Schnuller. Eigentlich ganz normale Dinge in einem Haushalt, in dem ein Kind geboren wurde. Doch im Haus von Christin Arends und ihrem Mann Hilmar Schildt ist es anders. Es ist still, kein Geschrei, kein Gebrabbel, kein freudiges Glucksen eines Babys. All das durften die Eltern aus Dunum im Landkreis Wittmund nie erfahren. Denn ihr Sohn Noah war bereits tot, als er zur Welt kam. Christin Arends und Hilmar Schildt sind sogenannte Sternenkind-Eltern.

Die Sachen auf den Regalen, die Bilder an den Wänden, die Tattoos auf den Armen der Mutter: All das sind Erinnerungsstücke. Erinnerungstücke an ein Kind, das das Paar nur kurz im Arm halten konnte, ehe es beerdigt wurde. Eine tägliche Besinnung darauf, dass sie trotzdem Eltern sind. Das ist Christin Arends sehr wichtig. Deswegen möchte die 39-Jährige mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen – damit Mütter und Väter von Sternenkindern trotzdem als Eltern gesehen und anerkannt werden. Und damit dieses Thema einen Platz in der Gesellschaft findet. „Es wird viel zu wenig darüber gesprochen, dabei gibt es so viele, die so ein Schicksal haben“, sagt sie.

Gegen das Vergessen: An vielen Stellen im Haus sind die Geburtsdaten des kleinen Noah zu finden.
Gegen das Vergessen: An vielen Stellen im Haus sind die Geburtsdaten des kleinen Noah zu finden.

Schwangerschaft lange Zeit unerkannt

Christin Arends war lange Zeit schwanger, ohne es zu merken. Darum habe sie sich von Menschen aus ihrem Umfeld auch den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass ihre Trauer ja gar nicht so groß sein könne. Doch das lässt sie nicht gelten. Für sie sei der Verlust dadurch noch schwieriger zu ertragen. „Ich konnte nicht mal meine Schwangerschaft genießen.“ Eine Gewichtszunahme habe sie nicht bemerkt. „Ich bin ja nicht gerade zierlich“, sagt sie. Blutungen habe sie so regelmäßig gehabt, dass sie sie mit ihrer Periode verwechselte und auch sonst habe sie keinerlei Schwangerschaftssymptome wie Übelkeit oder Sodbrennen bemerkt. Da seien nur diese Bauchschmerzen gewesen – und dann ging alles ganz schnell.

Aber von vorne: Es ist der 5. November 2023, ein Sonntag. Christin Arends leidet bereits seit einigen Tagen unter starken Bauchschmerzen. Schmerzen, die sie nicht kannte, erzählt die Dunumerin, und die ihr große Sorgen bereiteten. Gemeinsam mit ihrem Ehemann fährt sie in die Notaufnahme eines ostfriesischen Krankenhauses. Eine Ärztin dort untersucht die damals 38-Jährige, macht einen Ultraschall und sagt ihr, dass sie schwanger ist. „Die Patientin (hat) nicht gewusst, dass sie schwanger ist“, so steht es im Bericht der Gynäkologie des Krankenhauses, der der Redaktion vorliegt. Es gibt weitere Untersuchungen – mit dem Baby scheint alles in Ordnung zu sein. Zu dem Zeitpunkt ist Christin Arends bereits in der 36. Schwangerschaftswoche. Die Ärztin rät der Mutter, am Montag zu ihrem Frauenarzt zu gehen.

Nachricht über Schwangerschaft: erst Schock, dann Freude

Der errechnete Entbindungstermin für ihr Kind sei Anfang Dezember 2023 gewesen – das Paar muss sich also mit dem Gedanken anfreunden, dass sie bereits in vier bis fünf Wochen Eltern werden. Die Nachricht sei zunächst ein Schock gewesen. „Man war erstmal überfordert“, sagt Arends. Doch dann habe sie sich gefreut. „Wir haben dann bei Kleinanzeigen einen Kinderwagen gesucht, nach einem Bettchen, wir brauchten ja noch alles.“

Am Montag, den 6. November 2023, habe Christin Arends bei ihrem Frauenarzt angerufen, doch der sei im Urlaub gewesen. Sie habe es daraufhin in anderen Praxen versucht. „Aber die hatten Aufnahmestopp. Ich sollte mich nochmal melden, wenn es schlimmer wird“, erzählt sie im Interview. Im Gespräch über ihre Erlebnisse sind die Erzählungen der Dunumerin teilweise durcheinander, es fällt ihr schwer, die Tage aus dem Herbst vergangenen Jahres, die ihr Leben veränderten, Revue passieren zu lassen. An manche Tage könne sie sich gar nicht mehr so richtig erinnern, weil sie solche Schmerzen gehabt habe, sagt Christin Arends. „Ich weiß noch, dass ich geduscht habe, dass ich Zähne geputzt habe, die Katze gefüttert. Aber den Rest des Tages weiß ich nicht mehr.“

Auch in ihre Haut hat Christin Arends sich Erinnerungen stechen lassen.
Auch in ihre Haut hat Christin Arends sich Erinnerungen stechen lassen.

Aber an den Mittwochabend, den 8. November 2023, kann sie sich noch gut erinnern: „Da hat mein Gynäkologe dann abends um 23 Uhr angerufen.“ Der habe die Schwangere gebeten, direkt Donnerstagmorgen um 8.30 Uhr in seine Praxis zu kommen. Am 9. November 2023 fährt Christin Arends in die Praxis ihres Gynäkologen, wird dort untersucht. Was dann passiert, beschreibt sie so: „Untersuchungen gemacht, Ultraschall gemacht und er sagte so: Du gehst jetzt sofort ins Krankenhaus. Dein Kind wird in den nächsten Stunden kommen.“ Mit einem Rettungswagen wird die werdende Mutter in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht.

„Es tut uns leid, Ihr Kind ist gestorben“

Im Krankenhaus angekommen sei Christin Arends an ein CTG-Gerät angeschlossen worden, ein Gerät, das die Wehentätigkeit der Mutter und die Herztöne des Kindes überprüft. Zunächst habe eine Hebammenschülerin das Gerät bei ihr angelegt. „Die ist dann immer nervöser geworden“, sagt die 39-Jährige. Dann sei die Schülerin von einer Hebamme und einem Arzt aus dem Zimmer geschickt worden. „Da wurde es ein bisschen ruhiger, aber das gleiche Spiel: CTG mehrfach versucht anzulegen, fand nichts. Dann kam der Oberarzt mit rein“, erzählt sie. „Und dann haben die drei uns angeguckt mit gesenktem Kopf. Und das sind so Wörter, dieser eine Satz, der immer im Kopf hängen bleiben wird: Es tut uns leid, Ihr Kind ist gestorben“, gibt Christin Arends die Worte des Oberarztes wieder. „Ich weiß nicht, ob ich geschrien oder geweint habe, nur mein erster Gedanke war: Ich will das Baby da raushaben, ich will einen Kaiserschnitt.“

Die Hebamme und der Oberarzt hätten die Eltern gut aufgefangen, sagt Christin Arends. Ihr sei geraten worden, noch einmal darüber nachzudenken, ihr Kind doch auf natürliche Weise zu entbinden. „Auch, weil diese Narbe, die man ja beim Kaiserschnitt hat, psychisch mehr auslösen kann“, so habe man es ihr gesagt. „Und man hat halt dann noch mal so eine Abschlussbindung.“ Sie entscheidet sich für eine natürliche Entbindung, bekommt ein Mittel, um die Wehen anzuregen.

Am Donnerstag, den 9. November 2023, bringt Christin Arends ihren Sohn Noah zur Welt. „Man hat Hoffnung, dass die Ärzte sich geirrt haben, dass die Geräte sich geirrt haben, dass das CTG gesponnen hat und er doch schreit.“ Das sei ihr Antrieb unter der Geburt gewesen, der Gedanke, an den sie sich geklammert habe.

Lego, ein Schnuller, ein kleines Kuscheltier: In der Küche ist ein kleines Regal nur Noah gewidmet.
Lego, ein Schnuller, ein kleines Kuscheltier: In der Küche ist ein kleines Regal nur Noah gewidmet.

„Das Schlimmste ist, wenn das Kind nicht schreit“

Aber ihr Sohn kommt still zur Welt. „Viele sagen ja, das Schlimmste ist der Geburtsschmerz. Aber das Schlimmste ist, wenn das Kind nicht schreit.“ Nach der Geburt wird Noah, wie jedes Neugeborene, untersucht, es wird ein Fußabdruck von ihm gemacht, dann dürfen die Eltern ihren Sohn auf den Arm nehmen.

Noah ist 58 Zentimeter groß und wiegt 3510 Gramm – ein ausgewachsenes Baby. In dem Geburtsbericht des Klinikums heißt es: „Das Kind starb zu einem unbekannten Zeitpunkt vor Klinikaufnahme. Todesursache: Fetaltod nicht näher bezeichneter Ursache.“ Die Eltern entscheiden sich gegen eine Obduktion. Christin Arends erzählt, in vielen Gesprächen habe man ihr erklärt, dass sich ihre Plazenta vermutlich 48 Stunden vor der Geburt abgelöst habe und Noah vermutlich 36 bis 24 Stunden vor seiner Geburt gestorben sei. Lange Gespräche mit dem Oberarzt aus dem Klinikum und auch mit ihrem Gynäkologen hätten ihr geholfen. Trotzdem: „Man macht sich Vorwürfe“, sagt Christin Arends.

Noch am Tag der Geburt verlässt das Paar das Krankenhaus. Den Eltern sei angeboten worden, die Nacht über im Krankenhaus zu bleiben. „Bloß für mich war das ein Ort, wo ich sage, ich kann hier jetzt nachts nicht schlafen, ich möchte nach Hause.“ Im Bericht des Krankenhauses an Christin Arends’ Gynäkologen heißt es: „Die Patientin wurde am 09.11.2023 trotz ausführlicher Aufklärung und auf eigenen Wunsch gegen ärztlichen Rat entlassen.“

Im Wohnzimmer finden sich unzählige Erinnerungen an den kleinen Noah.
Im Wohnzimmer finden sich unzählige Erinnerungen an den kleinen Noah.

Zum Abschied zurück ins Krankenhaus

Am Freitag, den 10. November 2023, fahren die Eltern noch einmal zurück ins Krankenhaus, dürfen ihr Kind noch einmal im Arm halten – zum Abschied. „Aber der atmet nicht und du weißt aber, es ist dein Sohn, es ist dein Baby“, beschreibt Christin Arends die letzten Momente mit Noah. „Er war komplett kalt. Man versucht ihn warm zu machen, aber er wird nicht wärmer. Und du weißt, du wirst das letzte Mal deinen Sohn auf dem Arm haben.“

Am Samstag, den 11. November 2023, kommt der Bestatter zu den Eltern. Sie planen die Beerdigung, suchen einen Sarg aus. „Das sind so Gedanken, die sollten sich frische Eltern eigentlich nicht machen. Fragen, die wir nie gedacht haben, dass wir sie stellen müssen: Soll dein Kind verbrannt werden? Seebestattung? Auf den Friedhof?“ Die Eltern entscheiden sich, Noah im Familiengrab auf dem nahegelegenen Friedhof beerdigen zu lassen.

Jeden Samstag fahren Christin Arends und Hilmar Schildt zu ihrem Sohn auf den Friedhof, pflegen das Grab. An jedem Neunten des Monats werden Blumen aufgestellt – im September sind es zehn Rosen, denn Noah wäre zehn Monate alt geworden. „Das ist so ein Ritual für uns“, sagt Christin Arends.

Die größte Angst ist das Vergessen

Das Paar geht ganz offen damit um, dass ihr Sohn noch vor der Geburt gestorben ist. Früh habe für sie festgestanden: „Wir werden das nicht totschweigen. Wir werden über ihn reden. Er ist da. Es ist unser Kind. Er war ja nicht klein. Er war groß und schwer.“ Jeder, der das Haus der Dunumer betritt, sieht die Bilder von Noah an der Wand, die Geburtsurkunde, die vielen Erinnerungsstücke. Sie wollen ihr Kind dadurch sichtbar machen. Christin Arends sei klar, dass es für manche Leute schwierig sei, damit umzugehen. Das akzeptiere sie. Dennoch wolle sie, dass alle wissen, dass sie Eltern sind. „Wir haben unser Kind nur nicht an der Hand“, sagt sie.

Hilfe findet Christin Arends bei einer Freundin, die vor einigen Jahren das gleiche Schicksal erlitten hat wie sie. Die beiden Frauen hatten sich mehrere Jahre aus den Augen verloren – und durch diesen Schicksalsschlag wieder zueinander gefunden. „Es ist ja einfach gut zu wissen, wenn da jemand ist, der versteht das.“ Deshalb hat die 39-Jährige auch den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Damit auch andere betroffene Eltern sehen: „Es gibt Leute, die haben das Gleiche durch wie wir. Wir sind nicht alleine damit. Guck mal, die reden da drüber, die können das, vielleicht schaffen wir das auch.“ Aber dass über den Verlust des Kindes, die Trauer und das ganze Thema gesprochen werde, sei nicht nur wichtig für die Eltern, findet Christin Arends. Sondern auch für die verstorbenen Kinder. „Meine größte Angst ist, dass Noah in Vergessenheit gerät.“

Hilfe für trauernde Eltern

Yvonne Fennen, eine Fachkinderkrankenschwester aus Rhauderfehn, ist zurzeit dabei, eine Gruppe für Eltern mit Sternenkindern aus Ostfriesland und dem Emsland aufzubauen. Nähere Informationen gibt es hier.

Am Marien-Hospital in Papenburg gibt es außerdem eine Trauergruppe für verwaiste Eltern. Nähere Informationen gibt es laut der Internetseite des Marien-Hospitals unter der Telefonnummer 04961/94410.

Der Kirchenkreis Aurich organisiert in Kooperation mit der Ubbo-Emmius-Klinik zweimal im Jahr eine Trauerfeier auf dem Sternenkinder-Friedhof in Aurich-Wallinghausen.

Das Beerdigungsinstitut Harms-Bartles aus Aurich hat auf seiner Webseite eine Linksammlung für trauernde Eltern.

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