Händler in Ostfriesland Shoppen auf dem Dorf – mit Tradition und Heimatliebe
Trotz Online-Konkurrenz und ländlicher Lage halten sich viele Traditions-Geschäfte in Ostfriesland. Wie machen sie das? Wir haben nachgefragt.
Holthusen/Remels - Helga Borchers ist Verkäuferin aus Leidenschaft. Mit 23 hat sie angefangen im Familien-Bekleidungsgeschäft Borchers in Holthusen, einem Ortsteil von Weener, zu arbeiten. Inzwischen ist sie 62 Jahre alt und Inhaberin des Ladens, den es seit inzwischen 76 Jahren gibt. „Ich möchte nie etwas anderes machen. Das hier, das tue ich so lange, wie es nur geht“, ist Borchers sich sicher. Bei der Vorstellung, dass es einmal nicht mehr so sein könnte, kommen der Inhaberin die Tränen: „Was soll ich denn oben den ganzen Tag sitzen und nichts tun? Nein, das geht nicht.“
Borchers ist ein großes Geschäft. Auf 800 Quadratmetern verkaufen Helga Borchers und ihre neun Mitarbeiterinnen Kleidung verschiedener Marken an Frauen und Männer jeden Alters. „Unsere Kunden sind von 25 bis 100 Jahre alt“, schätzt die 62-Jährige. Das Geschäft laufe gut – und das trotz Konkurrenz aus dem Online-Handel und der ländlichen Lage. Damit ist Borchers nicht allein: In vielen ostfriesischen Dörfern gibt es solche Läden. Manch einer mag sich da fragen: Wie halten die sich und was sind die Vorzüge? Wir haben nachgefragt.
Besuch bei Borchers „ist wie Therapie“
Bei Helga Borchers „werden alle Wünsche erfüllt“, sagt sie. Und in ihrem Laden werde den Kundinnen und Kunden einiges geboten, das Modeketten oder Online-Shops nicht leisten könnten: kostenlose Parkplätze direkt vor dem Haus und eine entspannte und persönliche Beratung. „Wir nehmen uns Zeit und finden für jeden das Richtige“, sagt Borchers.
Seien Sie dabei!
Doch nicht nur wir wollen uns über das Thema Gedanken machen. Auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, sind gefragt. Teilen Sie gern Ihre Gedanken zu „Besser Ostfriesland?!“ mit uns oder nehmen Sie an unserer Umfrage teil. Beendet wird der Themenmonat mit einer großen Abschlussveranstaltung. Am Dienstag, 1. Oktober 2024, wollen wir um 19 Uhr in Leer unsere Experten mit Leserinnen und Lesern sowie anderen Entscheidern aus Ostfriesland zusammenbringen und über „Besser Ostfriesland?!“ diskutieren. An verschiedenen Themeninseln stehen die Experten für Fragen und Anregungen zur Verfügung. Wenn Sie dabei sein wollen, melden Sie sich gern unter redaktion@oz-online.de an.
Das Fachliche sei ihr dabei besonders wichtig: „Wenn jemand reinkommt, sehe ich sofort, welche Hosengröße er hat. Was ich raussuche, passt immer“, behauptet sie. Das haben wir mit dem Fotografen dieser Zeitung getestet. Uns siehe da: Ein Blick und Helga Borchers zaubert eine passgenaue Jeans aus dem Regal: 32er Weite und 34er Länge. Das schätzten die Menschen, die bei ihr einkaufen. Sie kommen wieder – und empfehlen den Laden weiter. „Wir haben bestimmt 80 Prozent Stammkundschaft“, sagt die Inhaberin. Einige ihrer treusten Kunden kenne sie schon, seit sie selbst ein Kind ist.
Aber auch wer zum ersten Mal in den Laden kommt wird herzlich begrüßt. Besonders von der Inhaberin: „Schatzi“ oder „Liebe“, nennt sie die Menschen, die durch die Kleiderständer stöbern. Zeit für persönliche Gespräche ist immer. „Einige Kunden haben gesagt, dass der Besuch für sie wie eine Therapie war“, sagt Borchers strahlend. Wer traurig rein kommt, solle wieder glücklich gehen. Den Menschen werde bei ihr geholfen, das ist Borchers wichtig. Das gelte auch fürs Umziehen, falls beispielsweise Ältere das nicht mehr alleine schaffen.
Plattdeutsche Beratung im Laden
Der Kunde stehe an erster Stelle. Das ist auch im Modehaus de Buhr in Remels so, sagt Geschäftsführer Heinz de Buhr. „Die Leute schätzen die Vorteile, die wir gegenüber Städten haben. Zum Beispiel, dass es keine Parkgebühr gibt“, sagt auch er. Wie bei Borchers habe das Modehaus de Buhr viele Stammkunden. Registriert seien etwa 12.000. Ein großes Plus sei für die das kompetente Personal, sagt er. „Aber manchmal kommen Leute auch zu uns, lassen sich beraten und die richtige Größe geben und kaufen dann online“, sagt er.
Dennoch: Diejenigen, die in dem Geschäft kaufen, steuern es gezielt an. Sie wissen, was sie bekommen und haben Vertrauen. Dass sich die Kunden wohlfühlen, sei das Wichtigste. „Wenn sie wollen, können sie mit ihrem Auto auch direkt im Laden parken“, scherzt er. Weiterer Vorzug für viele Ostfriesen: Jeder Verkäufer im Modehaus kann Plattdeutsch sprechen. „Und in Remels läuft alles per Du. Es sei denn, jemand besteht auf das Sie“, sagt de Buhr. Trotzdem gebe es immer wieder neue Herausforderungen. Die Corona-Pandemie und die Rückzahlungen der Hilfen seien aktuell eine große Belastung. „Das Härteste war, dass die Zusteller der Online-Ketten die Corona-Viren an den Haustüren weitertragen durften und wir mussten schließen“, findet de Buhr.
Traditionen helfen beim Verkauf im Ort
Dass gerade die Traditionen in Ostfriesland auch im Verkauf eine große Rolle spielen, weiß Sintje Kampen-Frederichs aus Rhauderfehn. Die 24-Jährige hat einige Jahre selbstständig Unternehmen bei der Kundenkommunikation beraten. „Ich bin sehr heimatverbunden“, sagt die 24-Jährige. Eine der großen Stärken der Region sei, dass sich die Menschen „mit dem Flecken Erde stark identifizieren“, findet sie.
Das Brauchtum wird gelebt. Auch im Verkauf: „Auch wenn Auswärtige das vielleicht anders sehen, Ostfriesen sind gelassen“, sagt die 24-Jährige. Es wird sich Zeit genommen. Und: Man kennt sich. „In der Verbraucherkommunikation lässt es sich viel besser mit einem Gesicht vermarkten. Und mit einem persönlichen Bezug“, sagt sie. „Wenn ich weiß, dass in einem Laden die Mutter eines Grundschul-Klassenkameraden arbeitet, gehe ich da eher hin.“
Die Verbundenheit zur Heimat mit seinen Traditionen schlage sich auch auf die Art des Konsums nieder. „In Rhauderfehn kaufe ich Schuhe zum Beispiel nur bei Pfeiffer“, sagt sie. Gibt es ein hiesiges Angebot, das schon lange besteht, werde das in der Regel auch wahrgenommen. „Es gibt Dinge, die würde ich nie im Internet holen. Zum Beispiel Bücher“, betont Kampen-Frederichs. Weiterer Vorteil für die Kunden: Durch die vielen Läden auf dem Land ist das nächste Geschäft oft viel näher, als man denkt. „Ich habe mal in Hamburg gewohnt. Da waren die Wege weiter“, sagt sie.
Das Fazit
In einer Zeit, in der der Online-Handel boomt und viele Geschäfte ums Überleben kämpfen, gibt es sie also noch: Händler in Ostfriesland, die nicht aufgeben und für ihren Umgang mit denen, die dort einkaufen, geschätzt werden. Zum Beispiel Helga Borchers oder das Modehaus de Buhr.
Mit Leidenschaft, ostfriesischer Gelassenheit und einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Kunden schaffen sie es, ihre Geschäfte weiterhin zu führen und eine treue Stammkundschaft zu gewinnen. Für die wird der Besuch nicht nur zum Einkaufserlebnis – sondern auch zu einem Stück Heimat und Gemeinschaft.