Überflutungen in Burhafe Was tun bei Starkregen? Tipps von einem Betroffenen
Starkregen wird es in unserer Region künftig öfter geben – das sehen Klimaexperten voraus. Darauf können Hauseigentümer sich vorbereiten. Wie das geht? Ein Besuch bei Bernhard Poelmann in Burhafe.
Burhafe - Bernhard und Sonja Poelmann wohnen in einem ruhigen, idyllischen Teil Ostfrieslands, am Rande von Burhafe, nördlich von Wittmund. Satte grüne Wiesen, hübsche Häuser und gepflegte Gärten prägen das Bild; jedenfalls meistens. Manchmal sieht es hier auch ganz anders aus: Nach heftigem Starkregen steht das Wasser nicht nur in der Straße, sondern auch in den Gärten und Häusern. Der Erlenhain am Rande von Burhafe ist die tiefste Fläche des Ortes, noch etwa einen Meter tiefer als die Ortsmitte. Wenn es also so stark regnet, dass die Kanalisation überfordert ist, staut sich das Wasser dort.
Die Poelmanns haben Erfahrung mit Starkregen. Sie sind in den vergangenen Jahren gleich mehrfach abgesoffen mit ihrem Haus, mussten ausziehen, renovieren, neue Möbel kaufen. Das zehrt. „Wenn ich nur das Wort Starkregen höre, kriege ich schon zu viel“, sagt Sonja Poelmann bei einem Besuch. Was auch klar wird in diesem Gespräch: Der Blick auf den Wetterbericht hat längst einen mächtigen Einfluss auf den Lebensrhythmus der beiden. „Wir haben auch schon zweimal den Urlaub abgebrochen, beziehungsweise nicht angetreten, weil der Wetterbericht das nicht hergab“, sagt ihr Mann. Heißt übersetzt: Im Zweifel lieber zu Hause bleiben und aufpassen.
Die Bewohner
Bernhard Poelmann ist Jahrgang 1960 und stammt aus Westoverledingen (Landkreis Leer). Er ist ein großer, ruhiger Mann mit kurzen weißen Haaren, dem man schon beim ersten Kennenlernen die Tendenz zu überlegtem Handeln und einer gewissen Hartnäckigkeit anmerkt. Er hat Maschinenschlosser gelernt bei der Meyer Werft in Papenburg, sein Berufsleben dann aber als Soldat beim Richthofen-Geschwader in Wittmundhafen verbracht. 34 Jahre sei er dort Soldat und Mechaniker gewesen, schließlich auch im Stabsdienst für die IT zuständig, sagt er. Mittlerweile ist er in Rente.
Seine Frau stammt aus Wilhelmshaven und zog „der Liebe wegen nach Wittmund“, wie sie erzählt. Sonja Poelmann ist eine kleine, zierliche Frau mit einem flotten Kurzhaarschnitt und lebhaftem Blick. Auch sie hat ihr Berufsleben bei der Bundeswehr verbracht, allerdings als Zivilistin. Bei der Marine in Wilhelmshaven war sie lange Jahre als Administratorin für die IT zuständig, erzählt die 66-Jährige. So haben sich die beiden übrigens auch kennengelernt. 2007 heirateten sie. Auch Sonja Poelmann ist schon seit einigen Jahren in Rente.
Das Haus
Bernhard Poelmann hat sein Haus im Erlenhain Mitte der 1980er Jahre gekauft. Gebaut wurde es 1959. „Es war schön nah am Geschwader, ich konnte mit dem Rad hinfahren“, sagt er. Und das Grundstück mit seinen gut 1600 Quadratmetern war auch schön groß, gut für die Kinder. Dass das Haus in einer tief gelegenen Gegend steht, war damals überhaupt kein Thema. Die Nachbarn, berichtet er, hätten schon mal erzählt, dass man hier auch nasse Füße bekommen könne. Und ja, alle drei bis vier Jahre sei auch so ein Starkregen runtergekommen, meistens im Herbst. Dann kam eben die Feuerwehr und pumpte das Wasser ab. „Das ging damals auch“, sagt er.
Poelmann hat noch ein Beispiel aus dem Jahr 2005 parat: Er habe am Morgen seine Gummischuhe vors Haus gestellt und sei zum Dienst geradelt. Tagsüber regnete es dann heftig. Als er nach Haus kam, war es wieder trocken. Seine Gummischuhe aber standen plötzlich viele Meter weiter auf dem Hof. Weggedümpelt, habe ihm ein Nachbar dann erzählt. Während des Regens habe das Wasser in seinem Hof gestanden und die Schuhe davongetragen. Bis der Hausherr zurückkam, war das Wasser schon wieder abgeflossen. Kurios sei das schon gewesen, sagt er heute. Beunruhigt habe es ihn damals aber nicht.
Der Starkregen
„Die Alarmglocken ging erst an, als wir hier das erste Mal abgesoffen sind“, sagt Poelmann. Das war am 13. Mai 2014, mitten in der Nacht. Es habe geregnet und geregnet, irgendwann sei er dann aufgestanden. „Und als ich meine Füße auf den Boden gesetzt habe, machte es nur ‚plitsch‘“, berichtet er. Das Wasser stand längst im Schlafzimmer. Es wurde eine hektische Nacht, mit Feuerwehr, Polizei und viel Rennerei. Das Paar blieb zunächst in den höher gelegenen Räumen des Hauses wohnen, während die tiefer gelegenen Räume saniert wurden. Später mussten sie ganz ausziehen. Die Nässe hatte sich im ganzen Haus verbreitet. Im Januar 2015 konnten sie wieder einziehen.
Am 29. Juni 2021 erlebten die beiden das Ganze noch mal, diesmal am Tage. Wieder regnete und regnete es, das Wasser in der Straße stieg höher und höher. Bald standen die Nachbarn alle auf der Straße, sorgenvoll und unruhig. Es wurde ein denkwürdiger Tag für viele Menschen: Um die 130 Liter pro Quadratmeter kamen in einer Art Sturzregen runter. Und stauten sich im Erlenhain. Die Feuerwehr kam und pumpte. Auch viele Landwirte kamen, pumpten ihre leeren Güllewagen voll Wasser und fuhren es weg. Es nützte alles nichts: Poelmanns soffen wieder ab mit ihrem Haus, so wie viele andere an dem Tag auch. Das Aufräumen begann von vorn.
Die Gegenwehr
Wie kann man nun also umgehen mit dieser Situation? Denn das Problem wird bleiben: Klima- und Wetterexperten prognostizieren mehr Extremwetter, also mehr Hitze und Trockenheit, aber auch mehr Starkregen-Phasen. Für Immobilieneigentümer, deren Häuser etwas tiefer liegen, wird das wahrscheinlich ein Problem, wenn sie nicht vorsorgen. Poelmanns sind da in mehrerer Hinsicht ein hilfreiches Beispiel. Zum einen hatten sie rechtzeitig eine Elementarversicherung abgeschlossen, die auch bei Überflutungen zahlt. Immerhin: Das waren 90.000 Euro Renovierungskosten nach dem Starkregen 2014 und noch mal 45.000 Euro nach dem Vorfall 2021. Poelmann zahlt nach eigenen Angaben gerade mal 100 Euro mehr im Jahr für Wohngebäude und Hausrat, um sie zusätzlich gegen Elementarschäden zu versichern.
Aber das ist nicht alles. „Nach 2014 habe ich mir überlegt, was ich selber machen kann“, sagt der Hauseigentümer. Erst mal legte er eine Drainage rund ums Haus, die in den nahen Graben entwässert. Den die beiden übrigens selbst immer von Grünzeug und Schlamm reinigen und damit für die Entwässerung freihalten. Es wurden Sandsäcke gekauft und gut zugänglich aufgestapelt, um sie bei Bedarf schnell holen zu können. Und dann baute sich Poelmann, der gelernte Schlosser, in seiner kleinen Werkstatt eigene Fluttore. Sie setzen sich zusammen aus Metallstehlen, die er im Boden verankern kann, und zugeschnittenen Holzbohlen, die er zwischen den Stehlen einfügen kann. Daraus entsteht eine etwa 50 Zentimeter hohen Schutzwand, die zwar nicht undurchlässig ist, aber dafür gibt es ja die Sandsäcke. Der Aufbau dauert nur wenige Minuten.
Auch technisch wurde aufgerüstet: Auf dem Grundstück der Poelmanns hängen drei Kameras. Sie nennen sie die Hof-, Schloot- und Grabenkamera. Die Bilder der Kameras kann Sonja Poelmann live auf ihrem Handy abrufen. So wissen sie immer und überall, wie hoch das Wasser gerade im Hof, Schloot oder Graben steht. Das gibt ihnen ein sicheres Gefühl, sagen die beiden. Und das ist nach den Erlebnissen der vergangenen Jahre wohl auch dringend nötig.