Unwetter in Ostfriesland Woher kommen die riesigen Hagelkörner?
Er kommt oft dazu, wenn es gewittert – und nicht selten hinterlässt er große Schäden: der Hagel. Wie entstehen die kleinen Eiskörner und warum sind sie manchmal so groß wie Tischtennisbälle?
Ostfriesland - Sommerzeit ist Gewitterzeit, auch in Ostfriesland. Allein im August 2023 hätten in Deutschland heftige Unwetter versicherte Schäden in Höhe von 1,5 Milliarden Euro verursacht – das sei gut ein Viertel des Gesamtschadens, heißt es in einer Mitteilung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) im Mai 2024.
Hagelschäden in Deutschland nehmen zu
Im Vergangenen Jahr verursachten Sturm, Hagel und andere Naturgefahren überdurchschnittlich viele Schäden in Deutschland – mit Kosten von 5,7 Milliarden Euro, wie der GDV berichtete. „Das sind 1,7 Milliarden Euro mehr als im Jahr 2022. Grund dafür sind vor allem schwere und teure Hagelschäden an Kraftfahrzeugen, die mit 2 Milliarden Euro zu Buche schlugen“, sagt dazu Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV.
Als Grund für die gestiegenen Schadenssummen werden zum einen höhere Werkstatt- und Materialkosten genannt. Zum anderen nimmt auch die Schwere der Unwetter zu. Aber warum regnet es ausgerechnet dann, wenn es blitzt und kracht, plötzlich Eiskörner vom Himmel? Was sind Superzellen und was hat der Klimawandel damit zu tun?
Hagel entsteht in eiskalten Zonen in den Wolken
„Hagelentstehung ist ein komplexer Vorgang, der vor allem von Konvektion und Temperatur bestimmt wird“, heißt es dazu vom Deutschen Wetterdienst. Steffen Lüpkes, Hobbymeteorologe aus Osteel und Wetterfrosch der Ostfriesen-Zeitung, versucht, das Phänomen Hagelentstehung kurz und knapp zu erklären.
„Bei Gewittern verdunstet das Wasser aufgrund der Hitze am Boden und steigt auf“, sagt er. „Oft sieht man bei Gewittern die Wolkentürme. In der Höhe kondensiert Wasser wieder zu Tropfen – das sind dann Wolken“, erklärt er. Bei einem Gewitter steige die feuchte Luft durch Aufwinde immer höher in eiskalte Zonen. Die Wassertröpfchen gefrieren und werden zu winzig kleinen Eiskörnern. Wenn sie zu schwer sind, um weiter nach oben getragen zu werden, fallen sie hinab. Währenddessen frieren weitere Tröpfen an ihnen fest, die Körner werden zu Hagel.
Woher kommen die riesigen Hagelkörner?
Hagelkörner entstehen in Gewitterwolken. „Große Hagelkörner entstehen, wenn Gewitter und Aufwinde kräftiger sind“, weiß Steffen Lüpkes. „Die Körner fallen runter und werden von den Winden wieder hochgetragen“, sagt er. Auf ihrer Reise verschmelzen sie mit weiteren Wassertröpfchen. „Oder sie verklumpen mit anderen Körnern“, so Lüpkes.
Das heißt: Je kräftiger ein Gewitter ist, desto größer können die Körner sein. „Die Aufwinde entstehen im Endeffekt dadurch, dass die Wassertröpfchen zum Beispiel an einem warmen Sommertag über einem See relativ schnell aufsteigen und ein vertikaler Luftstrom entsteht“, so Lüpkes.
Superzellen sind verantwortlich für Mega-Körner
Laut dem Deutschen Wetterdienst ist für das Wachstum des Hagelkorns entscheidend, wie lange sich das Hagelembryo im Bereich der unterkühlten Tröpfchen halten kann. „Besonders in Superzellen können sich sehr große Hagelsteine bilden, denn durch die lange Verweildauer im spiralförmigen Aufwindschlauch können sich sehr viele unterkühlte Wassertröpfchen an ein Hagelkorn anlagern“, heißt es auf der Webseite.
Superzellen sind so etwas wie Mega-Gewitter. Durch den spiralförmigen Aufwind sind sie sehr langlebig und bewegen sich – anders als gewöhnliche Gewitter –kaum oder nur sehr langsam weiter. Sie gelten als besonders gefährlich, denn sie sind verantwortlich für heftige Hagelschäden, lang anhaltende, schwere Regenfälle mit Überschwemmungen als Folge und sorgen etwa in den USA auch für Wirbelstürme.
Warum gilt der August als Gewittermonat?
„Der August gilt als der wärmste Monat“, erklärt der Hobbymeteorologe. „Je mehr Hitze ich habe, desto schneller kann das Wasser verdunsten und aufsteigen.“ Dieses Phänomen sei aber auch zum Herbst hin zu beobachten, dann über der Nordsee. „Das liegt daran, dass die Nordsee noch warm ist und das Wasser in der Luft dort aufsteigt“, sagt er. Im September und Oktober seien die Gewitter über der Nordsee als Wetterleuchten zu sehen.
Fast so groß wie ein Fußball: das größte Hagelkorn der Welt
Laut der Wissensplattform Erde und Umwelt vom Helmholtz-Zentrum Potsdam wog das größte je gemessene Hagelkorn fast 900 Gramm und hatte einen Durchmesser von knapp 20 Zentimetern. Das ist fast so groß wie ein Fußball.
Das „Korn“ fiel zwar nicht in Ostfriesland vom Himmel, sondern im Juli 2010 in Vivian, South Dakouta (USA). Doch schon wenig später, im August 2013, fiel über der Schwäbischen Alp ein gewaltiges Korn vom Himmel, das, als es gefunden wurde, noch immer einen Durchmesser von 14,1 Zentimetern und ein Gewicht von 360 Gramm hatte. Es ist das bisher größte in Deutschland gemessene Hagelkorn und entstand in ebenfalls einer Superzelle.
Dass in Süddeutschland häufiger Hagel fällt als im Norden, liegt an der Nähe zu den Alpen. Die warme, feuchte Luft wird daran in kalte Luftbereiche hinaufgezogen, wo die Tröpfchen gefrieren.
Ist der Klimawandel verantwortlich für die großen Hagelkörner?
Laut dem Deutschen Wetterdienst können zu einem direkten Zusammenhang von großen Hagelkörnern und Klimawandel noch keine datenbasierten Aussagen gemacht werden. Einerseits fehle es noch an Datengrundlagen, andererseits bestehen „widerstreitende physikalische Prozesse“, wie eine Mitarbeiterin des Deutschen Wetterdienstes auf Anfrage der Redaktion mitteilt. „Der Klimawandel führt einerseits zu schweren Gewittern mit wahrscheinlich auch mehr Hagel bzw. größerem Hagel. Das Ansteigen der Nullgradgrenze in der Atmosphäre führt hingegen dazu, dass Hagel beim Fallen eher und stärker schmilzt“, schreibt sie. Was diese beiden Faktoren für Hagelereignisse am Boden bedeuten, sei noch nicht ganz klar und Gegenstand aktueller Forschung.