Hamburg  Justin Timberlake für Konzert in Hamburg: Hat es der Boyband-Star heute noch drauf?

Dagmar Leischow
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Von Dagmar Leischow
| 05.09.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Trifft auch die ganz hohen Töne: Justin Timberlake, hier bei einem Auftritt im April in Los Angeles. Foto: AP/Chris Pizzello
Trifft auch die ganz hohen Töne: Justin Timberlake, hier bei einem Auftritt im April in Los Angeles. Foto: AP/Chris Pizzello
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Es gibt ein Leben nach der Boyband. Zumindest, wenn man Justin Timberlake heißt. Wie sah sein lang erwarteter Auftritt in Hamburg aus? Und ist noch ein bisschen Boyband-Blut in ihm?

In einer Boyband zu sein, das ist Fluch und Segen zugleich. In den 90er Jahren oder den frühen 2000ern stürmten sie weltweit die Charts. Aber mal ehrlich: Wer weiß heute noch, wie die Backstreet-Boys-Mitglieder hießen? Auch bei *NSYNC kommt man nicht unbedingt auf jeden einzelnen Namen. Nur einer ist wohl jedem im Gedächtnis geblieben: Justin Timberlake.

Seine Solokarriere zündete auf Anhieb, sein erstes Album „Justified“ schaffte es 2000 in Großbritannien direkt an die Spitze der Charts, in den USA stand es auf Platz zwei. Inzwischen hat der Amerikaner, der wie Britney Spears oder Christina Aguilera seine Karriere als Kind in der US-Fernsehshow „Mickey Mouse Club“ begann, nicht nur sechs Langspieler veröffentlicht, sondern sich auch einen Namen als Schauspieler gemacht.

An sein im März erschienenes Werk „Everything I thought it was“ schloss sich seine „The forget Tomorrow World Tour“ an. In Hamburg hat Justin Timberlake die Barclays Arena mühelos ausverkauft. Nun stellt sich die Frage: Überzeugt der zweifache Familienvater mit 43 noch genauso wie früher? Die Antwort ist ein klares Ja. Allein um seinen lässigen Hüftschwung kann man ihn beneiden. Vielleicht war es ein gutes Omen, dass er 1981 in Memphis, Tennessee, auf die Welt gekommen ist – also in jener Stadt, in der Elvis Presley einst daheim war.

Wenn Justin Timberlake tanzt, merkt man ihm seine Boygroup-Vergangenheit immer noch an. Er schüttelt jeden Schritt, nein, besser: jede Choreografie, ganz locker aus dem Ärmel. Würde Michael Jackson noch leben, dann hätte er gute Chancen, ihm in einem Tanz-Battle ebenbürtig zu sein. Seine Kondition ist beeindruckend. Obwohl er zwei Stunden fast ununterbrochen in Bewegung ist, legt er nicht einmal sein Sakko ab. Vielleicht ist auch das seinem gnadenlosen *NSYNC-Drill geschuldet.

Überhaupt holt diese Zeit Justin Timberlake ständig wieder ein. Auch in Hamburg. Eine Zuschauerin hält einen Brief hoch, den er ihr mit 16 geschrieben hat. Selbstironisch kommentiert er, seine Schrift sei schon immer unleserlich gewesen. Bis heute. Dafür hat er eine grandiose Stimme, mit der er sich in den Balladen nach wie vor in die Höhe schrauben kann. Mehr liegen ihm allerdings Partysongs, mit ihnen bringt er selbst die Fans in den Oberrängen zum Tanzen. „Cry me a River“ ist einfach grandios – zumal auf der LED-Wand kein Fluss dahinplätschert, sondern das Lied wirklich Wellen hochschlagen lässt.

Erstaunlich ist es, wie viel Nähe Justin Timberlake zulässt. Von der Hauptbühne läuft er einfach durch die Menschenmenge zu einem Podest auf der anderen Seite der Halle. Das wäre wohl zu seiner Boygroup-Zeit ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, weil kreischende Mädchen ihm die Klamotten vom Leib gerissen hätten. Doch aus diesen überdrehten Teenagern sind inzwischen Frauen um die 40 geworden, insofern hat sich die Hysterie gelegt.

Nicht nur das ist heute anders. Bei *NSYNC hätte sich Justin Timberlake nicht ans Klavier gesetzt oder Gitarre gespielt. Als Instrumentalist war er damals nicht gefragt. Er sollte schön singen, nicht aus der Reihe tanzen und niedlich aussehen. Eine eigene Persönlichkeit war nicht gewünscht. Erst als Solist konnte Justin Timberlake endlich zu sich selbst finden. Jetzt hat er Charisma. Wenn er in der Zugabe bei „Mirrors“ auf einem Quader über den Köpfen des Publikums schwebt, wirkt er ziemlich cool. Das ist so ein Moment, in dem man sich Justin Timberlake gut als neuen James Bond vorstellen könnte.

Zugleich strahlt er während des Konzerts sehr viel Enthusiasmus auf. Auf der Bühne zu stehen, das ist für ihn nicht Beruf, sondern Berufung. Zu Recht hat er es in die Liga der Superstars geschafft.

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