Krise bei Volkswagen So rechnet der Betriebsrat von VW Emden mit dem Vorstand ab
Die Leute sind sauer, die Leute sind verunsichert. Am Donnerstag wird ein Vorstandsmitglied von VW in Emden erwartet. Betriebsrat Manfred Wulff geigt ihm schon mal die Meinung.
Emden - Die Emder VW-Belegschaft will am Donnerstag VW-Markenchef Thomas Schäfer aus Wolfsburg mit lautstarkem Protest empfangen. Das haben Franka Helmerichs, erste Bevollmächtigte der IG Metall Emden, und Manfred Wulff, Betriebsratschef von VW Emden, am Dienstag, 3. September 2024, angekündigt. „Wir wollen am Donnerstag klare Signale setzen, dass das mit den Ostfriesen nicht so einfach wird“, sagte Helmerichs. Und Wulff fügte an: „Die Mannschaft ist sauer und sie ist verunsichert. Es wird sehr laut werden.“
Hintergrund für die angekündigten Proteste sind Pläne des Volkswagen-Vorstandes, womöglich gleich mehrere VW-Standorte in Deutschland schließen sowie die bis Ende 2029 geltende Beschäftigungssicherung aufkündigen und damit vom nächsten Jahr an auch betriebsbedingte Kündigungen aussprechen zu wollen. Kündigungen und Werksschließungen – das hat es bei VW seit mindestens 30 Jahren nicht gegeben. Entsprechend ungehalten sind die Mitarbeiter. An diesem Mittwoch ist deshalb eine Betriebsversammlung am Stammsitz in Wolfsburg mit Konzernchef Oliver Blume und Markenchef Schäfer angesetzt, am Donnerstag eine Betriebsversammlung in Emden.
4500 VW-Mitarbeiter protestieren
„Wir erwarten am Donnerstag 4500 Kollegen zur Betriebsversammlung“, sagte Betriebsrat Wulff. In Emden arbeiten knapp 8000 Menschen. „Ich kann nicht allen meinen Leuten die Angst nehmen“, so Wulff. „Ich kann nur dem Vorstand die Hand reichen, damit wir die Beschäftigungsgarantie halten können.“ Wulff verband die Handreichung am Dienstag vor der Presse aber auch mit einer deutlichen Ansage. „Ich erwarte von einem Konzernlenker, der übrigens gutes Geld verdient, jetzt ein klares Durchgreifen“, sagte Wulff an die Adresse von Blume. „Er soll den Konzern endlich führen.“ Bisher habe es immer ein klares Commitment mit dem Vorstand gegeben. Das Vertrauen zwischen Vorstand und Betriebsrat sei nun gebrochen worden.
Die angedrohten Kündigungen und Werksschließungen hätten ihn am Montag bei der Führungskräftetagung „kalt getroffen“, sagte Wulff. Nach dem ursprünglichen sogenannten Ergebnisverbesserungsprogramm bis 2026 in Höhe von 10 Milliarden Euro an Einsparungen sollten nun weitere 4 Milliarden in den Werken, zusätzlich eine Milliarde bei den Komponenten-Herstellern und 700 Millionen Euro bei den Nutzfahrzeugen gespart werden – also insgesamt 15,7 Milliarden Euro. Da der Vorstand offenbar nicht sicher sei, diese Ziele erreichen zu können, greife man zu drastischen Maßnahmen. Wulff: „Das ist eine Kampfansage, ein Schlag in die Magengrube der Beschäftigten und ihrer Familien.“
„Strategie für China völlig verpennt“
Schuld an der größten Krise von Volkswagen seit knapp zehn Jahren sind nach Meinung des Betriebsrats und der IG Metall nicht überdurchschnittlich hohe Gehaltszahlungen und Boni, Schuld sei vielmehr der Vorstand. „Unser Vorstand hat strategische Fehler gemacht“, sagte Wulff. Es fehlten heute Fahrzeuge mit hybridem Antrieb. Es gebe keine günstigen Einstiegsmodelle bei den E-Autos. „Und die Strategie für China ist völlig verpennt worden.“ Es fehlten Gimmicks, die die Kunden wollten. Zudem habe eine Arroganz im Vorstand geherrscht, bei den Verbrennern führend zu sein. Die Batteriezellfertigung habe viel früher kommen müssen. Und die Lobbyarbeit in der Politik sei einfach zu schwach.
Das alles und noch viel mehr dürfte sich Marken-Vorstand Schäfer auch am Donnerstag bei der Betriebsversammlung in Emden noch einmal anhören müssen. Die Beschäftigten jedenfalls, das betonte die IG Metallerin Helmerichs mehrfach, erwarteten jetzt klare Zielvorstellungen, wie es an den deutschen Standorten mit ihren 120.000 Mitarbeitern weitergehe. Allein in Ostfriesland hingen 20.000 Arbeitsplätze vom Wohl und Wehe des Werks in Emden ab.