Absatzkrise bei E-Autos  VW-Chefs drohen mit Kündigungen und Standortschließungen – was wird aus Emden?

Martin Teschke
|
Von Martin Teschke
| 02.09.2024 15:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der ID.7 Tourer aus Emden gilt bei VW aktuell als Hoffnungsträger. Im Bild ist Werksleiter Uwe Schwartz zu sehen. Foto: Ortgies
Der ID.7 Tourer aus Emden gilt bei VW aktuell als Hoffnungsträger. Im Bild ist Werksleiter Uwe Schwartz zu sehen. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

Bei VW brennt offenbar die Hütte. Laut IG Metall stellt die Konzernspitze die Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 infrage. Auch Werksschließungen werden nicht mehr ausgeschlossen.

Wolfsburg/Hannover - Die Absatzprobleme mit den Elektroautos spitzen sich offenbar zu. Das Sparprogramm bei Volkswagen verschärft sich zunehmend und führt zu einem offenen Konflikt zwischen VW-Vorstand, Gesamtbetriebsrat sowie IG Metall. Laut IG Metall gab der Vorstand um Markenchef Thomas Schäfer am Montag bei einem Treffen mit Führungskräften bekannt, dass das 2023 gestartete Programm zur Verbesserung der Ergebnisse weiter nicht ausreiche. Es seien weitere Einsparungen in Milliardenhöhe notwendig, um zu verhindern, dass die Kernmarke in die Verlustzone gerate, so das Management. Infolgedessen würden nun deutsche Standorte, der VW-Haustarif sowie die bis Ende 2029 geltende Beschäftigungssicherung infrage gestellt, so die IG Metall am Montag in einer Mitteilung. Die Beschäftigungssicherung als eine seit mehr als 30 Jahren fortgeschriebene Vereinbarung plane das Unternehmen aufzukündigen.

Thorsten Gröger, IG Metall-Bezirksleiter und Verhandlungsführer für den VW-Haustarifvertrag, kritisierte: „Der Vorstand hat heute einen unverantwortlichen Plan präsentiert, der die Grundfesten von Volkswagen erschüttert und Arbeitsplätze sowie Standorte massiv bedroht. Dieser Kurs ist nicht nur kurzsichtig, sondern hochgefährlich – er riskiert, das Herz von Volkswagen zu zerstören. Ein solcher Kahlschlag wäre inakzeptabel und wird auf entschlossenen Widerstand stoßen. Wir werden mit aller Kraft, notfalls im harten Konflikt, für den Erhalt aller Standorte sowie der Jobs unserer Kolleginnen und Kollegen kämpfen! Pläne, die das Unternehmen auf Kosten der Belegschaft macht und die Regionen in unserem Land massiv zersetzen, werden wir nicht tolerieren.“

Ist VW Emden gefährdet?

Dass VW Emden zu den womöglich von Schließungen bedrohten Standorten gehört, gilt als ziemlich unwahrscheinlich. Der Konzern hatte erst vor wenigen Jahren 1,3 Milliarden Euro in den Umbau zu einem reinen Werk für Elektro-Autos investiert. E-Autos gelten zwar immer noch nicht als Verkaufsrenner. Aber gerade der ID.7 Tourer soll aktuell besser laufen als geplant, hatte es mehrfach gegenüber unserer Redaktion geheißen. Manfred Wulff, Betriebsratschef in Emden, wollte sich am Montag nicht zu den Plänen äußern. Er wollte am Dienstag zunächst die Vertrauensleute informieren. Am Mittwoch ist eine Betriebsversammlung geplant. Auch wenn der Standort Emden womöglich nicht als gefährdet gilt, so sind wohl auch in Emden betriebsbedingte Kündigungen nicht komplett auszuschließen. Aus Sicht des Vorstands müssen die Marken innerhalb der Volkswagen AG umfassend restrukturiert werden, hieß es. „Auch Werkschließungen von fahrzeugproduzierenden und Komponenten-Standorten können in der aktuellen Situation ohne ein schnelles Gegensteuern nicht mehr ausgeschlossen werden.“ Zudem reiche der bisher geplante Stellenabbau durch Altersteilzeit und Abfindungen nicht mehr aus, um die angepeilte Einsparziele zu erreichen.

Der IG Metaller Gröger forderte nun, dass der Vorstand statt Spardiktat eine nachhaltige Strategie entwickelt, die Volkswagen langfristig wettbewerbsfähig macht und Arbeitsplätze sichert. Wichtig sei eine attraktivere Produktpalette, die Reduzierung von Komplexität und die Optimierung von Abläufen. „Wir brauchen keine kurzfristigen Rendite-Rambos. Das Missmanagement der vergangenen Jahre darf nicht auf dem Rücken der Kolleginnen und Kollegen ausgetragen werden. Insbesondere Konzern-CEO Blume steht in der Verantwortung, sich vor die Beschäftigten zu stellen und eine klare Zukunftsvision zu kommunizieren, anstatt im Hintergrund Grabsteine für Standorte zu gravieren und Kürzungsorgien aus dem Management-Handbuch zu vollziehen. Die Transformation der Automobilindustrie kann nur mit engagierten Belegschaften gelingen, niemals gegen sie!“

Vorwürfe an den Vorstand

Daniela Cavallo, Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Volkswagen AG: „Der Vorstand hat versagt. Die Folge ist ein Angriff auf unsere Beschäftigung, Standorte und Tarifverträge. Damit steht VW selber und somit das Herz des Konzerns infrage. Dagegen werden wir uns erbittert zur Wehr setzen. Mit uns wird es keine Standortschließungen geben. Anstatt sich einseitig zulasten der Belegschaft kaputtzusparen, muss jetzt ein strategischer Befreiungsschlag her mit Schub für die eigentlichen Baustellen: Produkt, Komplexität, Prozessabläufe, Synergien. Das ist der Plan, den wir brauchen. Und das ist kein Thema der Marke VW alleine. Hier fordern wir, dass der Konzernvorstand endlich seine Verantwortung wahrnimmt.“

Die IG Metall fordert von Volkswagen, die anstehenden Tarifverhandlungen nicht hinauszuzögern und bereits im September, statt erst im Oktober, an den Verhandlungstisch zu kommen.

Ähnliche Artikel