Hannover Was unternehmen Sie gegen Gewalt an Schulen, Frau Hamburg?
Gewalt gegen Lehrer, Angriffe auf Mitschüler, Hitzefrei, Kita-Personal: Im Interview bezieht Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg Position. Auch zur Frage, ob es ein Schulfach Künstliche Intelligenz braucht, hat die Grünen-Politikerin eine klare Meinung.
Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg hat sich dagegen ausgesprochen, Künstliche Intelligenz (KI) als eigenes Schulfach in den Unterricht zu integrieren. „Ich halte wenig von einzelnen, neuen Schulfächern, weil wir viele große Themen haben, die in der Gesellschaft gerade relevant sind. Wir müssen lernen, diese mitzudenken. Und zwar nicht nur im Fach XY, sondern im Querschnitt“, sagte die Grünen-Politikerin im Interview mit unserer Redaktion.
Laut Hamburg durchlaufen überdies derzeit 60 Lehrkräfte an 27 Schulen in Niedersachsen ein KI-Pilotprojekt. „Damit wollen wir herausfinden, welche Lernmaterialien es braucht und welche Auswirkungen KI auf Prüfungsformate hat“, erklärte die Ressortchefin. Ziel sei es, Materialien und Handreichungen für den praktischen Unterricht zu erstellen.
Lesen Sie hier das komplette Interview im Wortlaut:
Frage: Frau Kultusministerin, hatten Sie je mit dem Gedanken gespielt, Lehrerin zu werden?
Antwort: Ja, tatsächlich. Mein Vater ist Lehrer und insofern fand ich das schon auch attraktiv.
Frage: Heute können Sie froh sein, nicht Lehrerin geworden zu sein. Einer aktuellen Umfrage zufolge haben 70 Prozent von 950 befragten Lehrkräften bereits Erfahrungen mit verbaler Gewalt an ihrer Schule gemacht. Etwa jede fünfte Lehrkraft sagte dasselbe über körperliche Gewalt. Ist das nicht erschreckend?
Antwort: Doch, das ist erschreckend. Wir diskutieren ja immer wieder über die Verrohung unserer Gesellschaft und die Zunahme von Gewalt. Insofern ist es nachvollziehbar, dass sich das auch an unseren Schulen wiederfindet. Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie wir miteinander umgehen und welchen Stellenwert heutzutage noch Respekt im Umgang miteinander hat.
Frage: Bleiben wir mal im Schulkontext: Was wollen Sie konkret unternehmen, um das Thema Gewalt gegen Lehrer in den Griff zu bekommen? Immerhin 87 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich von Ihnen und Ihrem Haus alleingelassen.
Antwort: Jede Gewalttat ist eine zu viel. Es macht mich sehr betroffen, zu hören, dass so etwas auch unseren Lehrkräften passiert und es mittlerweile offenbar zum Schulalltag gehört. Wir unterstützen Schulen verstärkt dabei, Gewaltschutzkonzepte zu entwickeln und arbeiten an einer Handreichung zum Umgang mit Gewalt in der Schule. Wird eine Lehrkraft angegriffen oder erlebt anderweitig Übergriffe oder Gewalt, muss sie gleich wissen, was zu tun ist, bei wem sie sich melden muss und wo sie selbst Hilfe bekommt. Wir erleben da schon eine gewisse Handlungsunsicherheit und mangelnde Klarheit. Da werden wir Abhilfe schaffen.
Frage: Wo ist es besonders schlimm? Oder anders gefragt: Fliegen die Fäuste an einer städtischen Brennpunktschule schneller als an einem Gymnasium auf dem Land?
Antwort: Natürlich sieht man, dass in der Regel an besonders geforderten Schulen, also sogenannten Brennpunktschulen und in Ballungszentren, oft mehr Gewalt vorherrscht als etwa an einer Dorfschule im ländlichen Raum, wo sich alle kennen. In der Stadt ist alles anonymer, da gibt es nicht so eine hohe Solidargemeinschaft wie noch im Dorf und das kann sich dann auch in solchen Fragen bemerkbar machen.
Frage: Auf der einen Seite wachsen die Probleme an Schulen, auf der anderen Seite läuft zum Jahresende die Finanzierung von mehr als 2400 pädagogischen Hilfskräften aus; sie müssen gehen. Wie passt das zusammen?
Antwort: Diese Stellen wurden damals in der Corona-Pandemie geschaffen, um die Schulen in einer akuten Krise zu unterstützen. Es war von Anfang an ein befristet angelegtes Programm zur Krisenprävention – übrigens nur bis Mitte 2023. Niedersachsen hat es mit einem enormen finanziellen Kraftakt um 1,5 Jahre bis zum Jahresende 2024 verlängert. Wir werden aber versuchen, das Personal im Schuldienst zu halten, beispielsweise an Brennpunktschulen, im Ganztag oder auch im Bereich der Inklusion. Wir brauchen an Schulen alle Kräfte, die wir haben können. In Zeiten von großem Fachkräftemangel können wir es uns aber nicht mehr erlauben, Personal nach dem Gießkannenprinzip zu vergeben. Wir wollen die Kräfte zielgerichtet dort einsetzen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
Frage: Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran: Brauchen wir ein Schulfach mit dem Schwerpunkt Künstliche Intelligenz (KI), in dem es auch um soziale Medien und Fake News geht?
Antwort: Ich halte wenig von einzelnen, neuen Schulfächern, weil wir viele große Themen haben, die in der Gesellschaft gerade relevant sind. Wir müssen lernen, diese mitzudenken. Und zwar nicht nur im Fach XY, sondern im Querschnitt. Ob im Deutsch- oder Politikunterricht oder in Naturwissenschaften: KI, übrigens genauso Demokratie, spielt überall eine Rolle und wird entsprechend thematisiert. Darüber hinaus hat die Landesregierung ja das Fach Informatik jetzt eingeführt in der 9. und in der 10. Klasse. Das heißt, die Systematik von KI wird den Schülerinnen und Schülern vermittelt. Derzeit durchlaufen 60 Lehrkräfte an 27 Schulen gerade einen KI-Piloten, mit dem wir herausfinden wollen, welche Lernmaterialien es braucht und welche Auswirkungen KI auf Prüfungsformate hat. Ziel ist es, Materialien und Handreichungen zu erstellen.
Frage: Der Landesschülerrat beklagt, dass Schüler der Sekundarstufe II derzeit von der Möglichkeit, Hitzefrei zu erhalten, ausgeschlossen sind. Warum ist das so und soll das so bleiben?
Antwort: Ausgangspunkt ist, dass die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II eine Prüfungsvorbereitung fürs Abitur machen und wir natürlich gewährleisten müssen, dass sie die auch so erhalten, dass sie ihre Prüfungen gut schaffen. Wir nehmen den Hinweis des Landesschülerrats aber zum Anlass, das bisherige Verfahren auf den Prüfstand zu stellen. Entschieden ist an der Stelle allerdings noch nichts. Denn ins Freibad gehen will jeder, aber eine gute Abinote haben halt auch. Das ist dann schon eine Abwägung, die nicht so leichtfertig getroffen werden kann. Manche Schülerinnen und Schüler sind im Zweifel gar nicht so glücklich, wenn ihnen an einem heißen Tag gesagt wird, dass sie nach Hause zum Selbstlernen wechseln sollen, weil sie im Schulunterricht lieber noch einmal den Mathestoff durchgegangen wären.
Frage: Wegen der angespannten Personallage an vielen Kitas hat die Landesregierung die Anforderungen an die Beschäftigten zeitlich befristet herabgesetzt. Leidet darunter nicht die Qualität der Kinderbetreuung?
Antwort: Wir standen in der Frage vor einer schwierigen Abwägung: Entweder gibt es gar keine Kinderbetreuung mehr oder eben eine auch mit Personal, das erst noch zur Fachkraft qualifiziert werden muss. Wir haben schließlich in Kauf genommen, dass wir in Zeiten des Fachkräftemangels in Ergänzung eben auch mit anderen Personen arbeiten. Uns war dabei wichtig, einen Fokus auf die Qualifizierung zu legen. Das bedeutet: Jede Maßnahme, die wir ergreifen, dient dazu, später mehr Fachkräfte im System zu haben. Das ist der Spagat, mit dem wir versucht haben, auf die aktuelle Situation zu reagieren. Eltern brauchen eine verlässliche Betreuung ihrer Kinder und die Kinder brauchen eine Kontinuität. Aber klar ist auch, dass wir die Bildungsqualität langfristig sichern wollen.