Tierschutzverein-Aus  Kaputte Augen, Knochenbrüche – Tierschutz im Kreis Leer am Limit

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 02.09.2024 13:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Unzählige Notfälle laufen derzeit bei den Tierschützern im Kreis Leer auf. Symbolfoto: Pixabay
Unzählige Notfälle laufen derzeit bei den Tierschützern im Kreis Leer auf. Symbolfoto: Pixabay
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Das Tierheim Stapelmoor muss zunächst heruntergefahren werden. Wir wollten wissen, wie die anderen Tierschützer darauf reagieren. Sie sind am Limit.

Rheiderland - Das Aus des Tierschutzvereins Rheiderland hatte sich abgezeichnet und doch war es ein Schlag. Das Tierheim in Stapelmoor wird nun weitergeführt, während die nötigen Verwaltungsschritte getätigt werden, um den Verein abzuwickeln. Gesetzlich ist nun vorgeschrieben, dass das Heim nur noch für Fundtiere aus den Rheiderlandkommunen Weener, Bunde, Jemgum und Papenburg zuständig ist. Abgabetiere können dort nicht mehr aufgenommen werden. Dies ist allerdings nach Angaben der scheidenden Tierheimleiterin Iris Holzapfel schon lange so – keine Kapazitäten. Verzweifelte Tierhalter aus Bayern riefen mittlerweile an, weil es fast überall so sei.

Tierheim Jübberde: Hoffung auf eine gute Lösung für Stapelmoor

Wir wollten wissen, wie es den anderen Tierschützern mit der Entwicklung in Stapelmoor geht. „Dass eine Auflösung möglich ist, war uns natürlich aus der Presse und den Mitteilungen des Tierheims bekannt. Da sich bereits bei früheren Sitzungen kein Vorstand gefunden hatte, war die Meldung keine große Überraschung“, erklärt Christina Busch, 3. Vorsitzende des Vereins Tierschutz im Landkreis Leer. Mit seinem Tierheim in Jübberde betreut dieser acht Gemeinden aus dem Landkreis Leer. Busch unterstreicht: „Dass es zu einer Auflösung gekommen ist, bedauern wir sehr und hoffen, dass sich eine gute Lösung für das Tierheim in Stapelmoor findet.“

Füttern, Tierarzt, Vermittlung: Auf die Freiwilligen im Kreis Leer kommt einiges zu. Symbolfoto: Pixabay
Füttern, Tierarzt, Vermittlung: Auf die Freiwilligen im Kreis Leer kommt einiges zu. Symbolfoto: Pixabay

Tierheim Jübberde „wird kaum helfen können“

Noch herrsche ein Stück weit Ungewissheit: „Wie die Auflösung Auswirkungen auf unser Tierheim haben wird hängt sehr davon ab, wie es mit dem Tierheim Stapelmoor weitergehen wird. Da keine Abgabetiere mehr aufgenommen werden können, rechnen wir mit vermehrten Anfragen in unserem Tierheim.“ Aber: „Da wir bereits aus den Gemeinden, in denen wir die Fundtiere betreuen, aus Kapazitätsgründen kaum Abgabetiere aufnehmen können, werden wir da leider kaum helfen können.“ Was man aber gerne anbiete, ist die Veröffentlichung von Tieren auf der Homepage des Vereins, um die Chancen auf eine private Vermittlung zu verbessern.

Im Tierheim Jübberde kümmert man sich um Katzen. Foto: Mohr/Archiv
Im Tierheim Jübberde kümmert man sich um Katzen. Foto: Mohr/Archiv

Da der Tierbestand im Tierheim Stapelmoor reduziert werden solle, so Busch, „werden sicherlich die angrenzenden Tierheim gefragt werden, ob eine Aufnahme von Tieren möglich ist.“ Je nach den Kapazitäten werde man dann schauen, „ob und wie wir helfen können. Da wir aber deutlich kleiner sind und natürlich unseren Fokus auf die Aufnahme der Fundtiere aus unseren Vertrags-Gemeinden legen müssen, werden unsere Möglichkeiten begrenzt sein“.

Große Befürchtung: Zunahme von Katzenleid

Unsere Umfrage hat schnell gezeigt: Besonders eine Sorge treibt die Tierschützer um. „Wir befürchten auch eine weitere Zunahme von unkastrierten Katzen, da in Stapelmoor die Aufnahme eingeschränkt ist und keine weiteren Kastrationsaktionen durchgeführt werden. Der Verein Streunerkatzen Rheiderland leistet in dem Bereich großartige Arbeit, doch auch dieser Verein arbeitet bereits jetzt hart am Limit und darüber hinaus“, erklärt Busch.

Das bestätigt Andrea Pastoor, Vorsitzende des Vereins. „Es ist schwer zu sagen, was uns nun genau erwartet, wenn es um die Auflösung des Tierschutzvereines Rheiderland geht, aber was klar ist: Wir sehen enorme Probleme auf uns zukommen“, sagt sie. „Es ist echt heftig, was da gerade auf uns zurollt, wie viele Katzen gefunden werden. Wir kommen kaum dagegen an. Es gibt eine Katzenschwemme. Auch aus Leer und Moormerland nehmen die Hilferufe immer weiter zu“, erklärt sie.

Ein scheinbar endloser Kampf gegen das Elend

„80 Katzen haben wir dieses Jahr schon vermittelt. Und schon haben wir wieder mehr als 50 Katzen auf den Pflegestellen“, sagt Pastoor. Erst vor einigen Tagen konnte der Verein außerdem verkünden, dass 55 Katzen eingefangen und kastriert werden konnten. Das Schlimme sei aber der derzeitige Zustand vieler Tiere. „Das belastet uns und das vergisst man auch so schnell nicht. Pilze, Giardien, Knochenbrüche, Augeninfektionen – die Katzen haben Schmerzen, leiden. Sie müssen tierärztlich versorgt werden“, sagt sie.


„Erst gestern Abend bin ich mit einem kleinen Kerl zur Tierklinik gefahren, denn ihm musste sehr dringend geholfen werden. Das bleibt eben auch finanziell an den Vereinen hängen.“ Je länger sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter den Job machten, desto belastender werde es. „Man gewöhnt sich nicht daran. Vielmehr wird es immer schwerer zu ertragen, wie Menschen mit den Tieren umgehen.“ Es gebe Grundstücke in der Region, auf denen 200 Katzen lebten, die sich unaufhaltsam vermehrten. „Dabei gilt seit Jahren eine Kastrationspflicht im Kreis Leer.“ Es müsse eine allgemeine Kastrations- und auch Meldepflicht von Katzen geben, fordert Pastoor. Auch der Verein Pfötchennotdienst Ostfriesland/Emsland musste Ende Juli einen Aufnahmestopp verhängen und sucht derzeit händeringend nach Aufnahmestellen für scheue Tiere.

Hilferuf: Das brauchen Tierheime und Vereine


Neben Futter- und anderen Spenden gibt es etwas, das sich Tierschützer wünschen: „Die meisten Tiere landen im Tierheim oder werden ausgesetzt, da ihre Halter überfordert sind. An dieser Stelle ist Aufklärung das Allerwichtigste. Wenn Menschen sich vor der Anschaffung eines Tieres über die Anforderungen an die Haltung, den Aufwand, den das bedeutet, und die Kosten ausführlich informieren, ist schon sehr viel gewonnen“, formuliert es Christina Busch, 3. Vorsitzende des Vereins Tierschutz im Landkreis Leer. „Bei den Katzen ist vor allem eine Aufklärung bezüglich Kastration wichtig.“

Nicht nur bei den Streunerkatzen und Co. komme es auf Freiwillige an. „Auch die Betreuung der Tiere in den Tierheimen lebe vom Ehrenamt. Wir brauchen Menschen, die Zeit für lange Spaziergänge, geduldige Annäherung oder auch einfach mal zum Unkraut zupfen haben“, so Busch. „Menschen, die als Pflegestelle für kranke Tiere oder Katzenmütter und Kitten fungieren, streunende Katzen einfangen und betreuen oder uns auf Veranstaltungen repräsentieren und zum Beispiel Tombola- oder Kuchenstände organisieren.“

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