Berlin  Pro7-Chef Hannes Hiller: „Einmal im Jahr gucke ich ARD“

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 03.09.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
ProSieben-Chef Hannes Hiller. Foto: Seven.One/Amelie Niederbuchner/Bene Müller
ProSieben-Chef Hannes Hiller. Foto: Seven.One/Amelie Niederbuchner/Bene Müller
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ProSieben-Chef Hannes Hiller sieht sein Haus stark aufgestellt. Über Stefan Raabs Wechsel zu RTL lacht er nur. Einmal im Jahr, gesteht er, guckt er sogar das ARD-Programm. Der Medienmanager im Interview.

Vor einem Jahr wurde Hannes Hiller Chef des Privatsenders ProSieben. Wie bewahrt man dem Fernsehen seine Rolle als nationales Lagerfeuer – in einer Zeit, in der viele gar keinen Fernseher mehr besitzen? Wie führt man ein Medienhaus, wenn das Vertrauen in klassische Medien sinkt? Und was sagt Hiller zum TV-Comeback, das der einstige ProSieben-Star Stefan Raab ausgerechnet bei der Konkurrenz feiern wird? Wir haben ihn gefragt.

Frage: Herr Hiller, demnächst feiert Stefan Raab, einst das ProSieben-Gesicht schlechthin, sein Bildschirm-Comeback – bei RTL. War Ihr Angebot nicht attraktiv genug für ihn? Oder ist Raab nicht mehr attraktiv genug für Ihr Publikum?

Antwort: (Lacht.) Raab ist herausragende ProSieben-Geschichte. Ein Denkmal. Aber unsere Zukunft sieht anders aus. ProSieben steht für innovatives, modernes Fernsehen. Deshalb ist ProSieben der Showsender Nummer eins bei den jungen Zuschauern und Zuschauerinnen in Deutschland. Die größten Unterhaltungsmarken der vergangenen Jahre – ich nenne als Beispiel „The Masked Singer“ und „Wer stiehlt mir die Show“ – haben wir an den Start gebracht. Und diesen Weg wollen wir weiter gehen.

Frage: Die Rolle der ProSieben-Kreativmaschine übernehmen ohnehin längst Joko und Klaas. Wenn die beiden in ihrer Duell-Show 15 Sendeminuten ohne redaktionelle Kontrolle gewinnen, wird lineares Fernsehen wieder zum Ereignis. Kann das Medium immer noch ein nationales Lagerfeuer sein?

Antwort: Sie haben gerade das beste Beispiel genannt, dass das gelingen kann. Was Joko und Klaas und ihre Produktionsfirma Florida immer wieder an Impulsen und verrückten Ideen liefern, ist für mich einmalig. Natürlich sehen wir, dass es bei dem riesigen Angebot an Entertainment-Inhalten schwieriger wird, die Massen zu begeistern. Aber wir haben immer wieder bewiesen, dass es noch funktioniert, mehrere Generationen bei einer Show vor dem Bildschirm zu versammeln. Denken Sie nur an die letzte Staffel „Germany’s Next Topmodel“, bei der zum ersten Mal Männermodels dabei waren. An den Start von „The Masked Singer“ in Deutschland. Oder an das „TV total“-Comeback mit Sebastian Pufpaff. Vielleicht brennt das Lagerfeuer ein bisschen kleiner, aber es brennt noch. Und wir sind überzeugt, dass es uns auch mit „Die Superduper Show“ gelingen wird, es zu entzünden. Katrin Bauerfeind moderiert die Show mit viel Spaß und Herz. Das ist Entertainment für die ganze Familie.

Frage: Für den Herbst kündigen Sie sehr viel Show und Events an, mehrere Informationssendungen – und genau ein neues Reality-Format. Was steht hinter dieser Gewichtung?

Antwort: Häufig wird ProSieben zuerst mal mit Entertainment-Inhalten in Verbindung gebracht. Was nicht verwundert und auch komplett richtig ist. Dazu gehören für mich alle Shows, unsere Comedys, die wir am Mittwoch erfolgreich etabliert haben. Und dazu gehört auch die richtige Portion gut gemachte Reality. Besonders gespannt bin ich auf „Destination X“, eine neue Abenteuer-Reality-Show, bei der acht Prominente, darunter Tina Ruland, Andreas Elsholz und Ekaterina Leonova, in einem blickdichten Bus durch Europa reisen und unter erschwerten Bedingungen ihren Standort bestimmen müssen. Das Format stammt aus Belgien und geht dort bereits in die zweite Staffel. Und in den Niederlanden war die Show ein Riesenerfolg – obwohl sie zeitweise gegen die Fußball-EM lief.

Frage: Und im Bereich Information?

Antwort: ProSieben steht eben nicht nur für Entertainment, sondern auch für hochwertige Prime-Time-Reportage. Mit Linda Zervakis, Jenke von Wilmsdorff und Thilo Mischke, der für seine Afghanistan-Doku 2023 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, haben wir drei herausragende Journalistinnen und Journalisten für unsere großen Themen-Abende. Kein anderer Sender zeigt so viele Reportagen um 20:15 Uhr wie ProSieben. Daneben haben wir seit Jahrzehnten unter der Woche an jedem Vorabend fast zweieinhalb Stunden Live-Info-Programm mit „taff“, der „:newstime“ und „Galileo“ on Air. Ich verstehe ProSieben als Vollprogramm und wir sehen es als unsere Verpflichtung, unsere Zuschauerinnen und Zuschauer nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu informieren.

Frage: Junge Zuschauer sehen heute auf Smartphones und Tablets fern, auf denen auch Instagram, Tiktok und Streaming-Apps installiert sind. Wie macht man Fernsehen für Leute, die keinen Fernseher mehr haben?

Antwort: Auf den Smartphones ist sicherlich auch die Joyn-App installiert. Heute kann unsere Inhalte jeder jederzeit auf dem großen Fernseher gucken oder aber auf dem Mobilgerät. Das ist doch großartig! Am Ende geht es uns darum, so viele Menschen wie möglich mit unseren Sendungen zu erreichen – ganz egal auf welchem Weg. Und die Zahlen zeigen, dass es funktioniert. Bei Shows wie „Germany’s next Topmodel“ oder „Wer stiehlt mir die Show“ erreichen wir inzwischen einen signifikanten Anteil der Reichweite über Joyn – sie sind ein sehr großer Erfolg im klassischen TV und gleichzeitig sind die beiden Shows absolute Reichweitentreiber für unseren Superstreamer.

Frage: „Alle großen Programmentscheidungen unserer Gruppe sind auf Joyn ausgerichtet“, heißt es von ProSiebenSat.1. Was bedeutet denn das? Wie verändert es Serien, Shows und Reality-Formate, dass sie auf ein Streaming-Publikum zugeschnitten sind?

Antwort: Früher waren die TV-Quoten das Maß aller Dinge. Heute zählt für uns die Gesamtreichweite über alle Plattformen, um den Erfolg einer Sendung zu beurteilen. Das bedeutet ganz konkret, dass wir uns vor jeder Programmentscheidung gemeinsam hinsetzen und überlegen, ob und wie ein neues Format auf Joyn einzahlt. Dabei geht es viel weniger um Besetzungen oder Konzepte, wie man vielleicht denken würde. Sondern zum Beispiel viel mehr um eine serielle Erzählweise oder Folgen, die inhaltlich aufeinander aufbauen, um die Kundinnen und Kunden in der App zu halten.

Frage: Trotzdem setzen Sie auch auf Eventshows.

Antwort: Wir befinden uns mitten im wahrscheinlich größten Transformationsprozess der Medienlandschaft. Und auf dem Weg dürfen wir unser Publikum nicht aus dem Blick verlieren. Eventshows, wie „TV total XXL“ in der Kölner Lanxess Arena, gehören zur Kern-DNA von ProSieben. Die wird es weiterhin geben. Aber sehr ausgewählt.

Frage: Wie, glauben Sie, werden Streamingdienste und lineares TV sich das Publikum in zehn Jahren aufteilen?

Antwort: Spekulationen überlasse ich gerne anderen. Ich finde ja, dass sich die Frage in der Form gar nicht stellt. Jeder TV-Sender hat inzwischen seine eigene Streaming-Plattform. Für uns stehen Joyn und die Sender nicht nebeneinander, sondern sind eine Einheit. „Alles auf Joyn“ ist unser Leitgedanke. Dazu kommt: Joyn bietet, neben seiner großen Bibliothek mit allen Inhalten unserer TV-Sender und seinen Originals, an die 70 TV-Channels im Livestream – von den Öffentlich-Rechtlichen, bis zu verschiedenen Sportsendern. Für mich ist es mehr eine Verschmelzung als eine Aufteilung. Was wir klar beobachten können: Der Streaming-Anteil in der Gesamtreichweite unserer Inhalte wächst.

Frage: Gottschalk will „Wetten, dass ..?“ nicht mehr moderieren, weil er die Promis auf dem eigenen Sofa nicht mehr kennt. Gibt es überhaupt noch Stars, die allen Zuschauern etwas bedeuten? Wie adressiert ein lineares Vollprogramm ein Publikum, das sich in Blasen aufteilt?

Antwort: Da muss ich direkt an das Taylor-Swift-Konzert Ende Juli in München denken. Haben sie die Bilder gesehen? Nicht nur das Stadion war voll, der ganze Olympiapark voller Menschen, die zum Teil schon vormittags ihre Zelte aufgeschlagen haben – auch viele Kolleginnen und Kollegen waren dort. Oder nehmen Sie Heidi Klum, die inzwischen generationenübergreifend Massen anspricht. Oder Lukas Podolski. Joko und Klaas wachsen hier auch rein. Vielleicht gibt es nicht mehr so viele generationenübergreifende Stars, aber es gibt sie. Und ist es nicht normal, dass jede Generation ihre eigenen Helden hat? Unsere Aufgabe ist es, die Zuschauerinnen und Zuschauer dort abzuholen, wo sie sind. Wenn das bei manchen nicht mehr vor dem großen TV-Bildschirm ist, dann eben auf ihrem Mobilgerät. Live oder on demand. Joyn macht‘s möglich.

Frage: Welche Persönlichkeiten stehen für Sie besonders für das ProSieben-Programm?

Antwort: Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich empfinde es so: Die ProSieben-Familie ist etwas Besonderes und macht ProSieben zu einem besonderen Sender. Ich fühle mich sehr glücklich und geehrt, dass ich mit so tollen Künstlerinnen und Künstlern zusammenarbeiten darf, die genauso wie ich die rote Sieben im Herzen tragen. Und lassen Sie mich hier stellvertretend einmal den Blick auf unsere Magazin-Teams richten: Annemarie Carpendale, Viviane Geppert, Rebecca Mir, Daniel Aminati, Christian Düren, Thore Schölermann für „taff“. Und Funda Vanroy, Aiman Abdallah und Stefan Gödde für „Galileo“. Sie stehen selten so im Fokus. Sind aber seit sehr langer Zeit ein absoluter Vertrauensanker für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer im täglichen Programm – und eine ganz wichtige ProSieben-Stütze.

Frage: Und wer sind die Sendergesichter, auf die Sie in Zukunft bauen wollen?

Antwort: Ich setze sehr viel auf alle aus der ProSieben-Familie. Das gesamte Ensemble ist wichtig. Wenn ich speziell auf die nächsten Wochen schaue, freue ich mich ganz aktuell auf mehr aus „TV total“ mit Sebastian Pufpaff, auf die schon angesprochene erste eigene ProSieben-Show von Katrin Bauerfeind und unser neustes Family-Mitglied Chris Tall. Seine erste Show „Chris Du das hin?“ haben wir gerade gedreht – unter anderem mit der Aufgabe „Chris Du das hin, dass niemand über dein Stand-up lacht?“ (lacht) Ob er es geschafft hat – lassen Sie sich überraschen. Aber in jedem Fall sehr lustig. Aber natürlich darf auch eine der großartigsten Shows, die wir haben, nicht unerwähnt bleiben. Joko und Klaas mit Dompteur Steven Gätjen in ihrer Show gegen uns darf nicht fehlen. Ebenso wenig Matthias Opdenhövel mit seinen maskierten Singern. Und: Joko Winterscheidt stellt wieder die Frage „Wer stiehlt mir die Show?“ – Nina Chuba, Tommi Schmitt und Kurt Krömer werden sie beantworten.

Frage: ProSieben trägt die Unterhaltung im Sender-Motto „We love to entertain you“. Gleichzeitig experimentiert der Sender gern mit journalistischen Formaten. Wie muss der Mix für Ihre Zielgruppe aussehen? Und was haben Sie in der kommenden Saison in petto?

Antwort: Wie ich vorhin bereits skizziert habe, sehen wir es als unsere Verantwortung, unser vergleichsweise junges Publikum nicht nur zu unterhalten, sondern auch über wichtige, gesellschaftliche Themen zu informieren. Und das mit der verlässlichen ProSieben-Handschrift: überraschend, neugierig und natürlich in der Prime Time. Kurz vor den US-Wahlen zeigen wir zum Beispiel das „ProSieben THEMA. Forrest Trump – Amerika vor der Schicksalswahl“. Für die Reportage dreht Thilo Mischke mehr als 40 Tage in den USA. Schon nächste Woche läuft der „JENKE. Report. Bordell Deutschland“, ein sehr starker Film. Was die meisten wahrscheinlich nicht wissen, Deutschland hat die liberalsten Prostitutions-Gesetze in ganz Europa.

Frage: ZDF-Zuschauer sind – Stand 2022 – im Schnitt 65 Jahre alt, die des Ersten ein Jahr jünger. Unter 50, nämlich durchschnittlich 44, ist nur das ProSieben-Publikum. Sind ARD und ZDF überhaupt noch eine Konkurrenz für Sie?

Antwort: Lassen sie es mich so formulieren: Auch wenn wir bei den jüngeren Zuschauern, den 14- bis 49-Jährigen, gerade im Entertainment häufig die Nase vorn haben: Einmal im Jahr zum ESC-Finale sitze auch ich mit Freunden und Familie vor der ARD.

Frage: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen unter Beschuss. Rechtspopulisten zeichnen das Bild einer staatlich geförderten Parallelwelt. Nützt diese Stimmung den privaten Sendern? Oder stehen hier Dinge zur Disposition, die auch Ihre eigene Arbeit berühren?

Antwort: Wenn wir auf die Welt blicken, können wir alle sehr glücklich und dankbar sein, dass in unserem Land Meinungs- und Pressefreiheit herrschen und unabhängige Berichterstattung möglich ist. Dieses System ist ein hohes Gut, das wir beschützen müssen. Und darin spielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine wichtige Rolle. Die Erzählung von gesteuerten Medien und Fake News betrifft nicht nur einzelne Akteure, sondern die Medienwelt als Ganzes. Deshalb sind wir alle in der Pflicht, sehr genau darauf zu achten, sauber und faktisch zu berichten und journalistische Standards einzuhalten, um Populisten keine Argumente zu liefern.

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