Berlin/Bonn Fliegt uns die Energiewende um die Ohren, Klaus Müller?
Der Umstieg von Atomkraft und Kohle auf Wind- und Sonnenenergie kostet irre Summen. „Die Netzkosten sind ganz klar unterschätzt worden“, räumt Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller jetzt ein. Gelingt die Energiewende trotzdem rechtzeitig? „Das weiß die Glaskugel.“
Ob es Deutschland schafft, schnell genug grünen Strom zu erzeugen und zu verteilen, wird über das Schicksal der Industrienation entscheiden. Bei dieser gigantischen Zukunftswette ist Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, einer der wichtigsten Leute für Wirtschaftsminister Robert Habeck (beide Grüne).
Im Interview benennt Müller schonungslos die offenen Flanken: Wegen fehlender Netze müssten Solarparks abgeschaltet werden dürfen, damit das System nicht kollabiert. Weil es bei Offshore-Wind, E-Autos und Wärmepumpen hakt, will er zugleich den Ausbau der Netze staffeln, also aufschieben.
Aber der frühere Umweltminister aus Schleswig-Holstein hat auch eine gute Nachricht: In Regionen mit vielen Windrädern und Solardächern – also vor allem im Norden – würden die Menschen schon ab kommendem Jahr deutlich entlastet: um 170 Euro pro Jahr und Haushalt.
Frage: Herr Müller, Schluss mit Atom, raus aus der Kohle, alles auf erneuerbare Energie: Wird Deutschland durch die weltweit beispiellose Energiewende am Ende zur Industrieruine?
Antwort: Nein.
Frage: Der notwendige Aufbau der neuen Infrastruktur kostet laut Energiewirtschaft 1,2 Billionen Euro – allein in den kommenden fünf Jahren!
Antwort: Wir gehen von einem Investitionsvolumen im Übertragungsnetz von 320 Milliarden Euro bis 2045 aus. Hinzu kommen Investitionen in die Verteilnetze von knapp über 200 Milliarden bis 2045. Natürlich ist auch das eine gewaltige Summe. Diese Kosten fließen aber nur anteilig verteilt über viele Jahrzehnte in die Netzentgelte ein. Und es sind Investitionen in unsere Zukunft. Alle Länder in der EU, die bei der Dekarbonisierung auf erneuerbare Energien setzen, müssen ihre Netze ausbauen. Deutschland ist weit voran. Ja, wir müssen deswegen Pionierkosten schultern. Aber wir setzen damit Standards und erschließen neue Märkte.
Frage: Sorry, aber bei den notwendigen Investitionen müssen die Stromkosten doch durch die Decke gehen, auch wenn die Erzeugung von Strom aus Wind und Sonne billiger ist als aus fossilen Quellen und Akw, oder etwa nicht?
Antwort: Vier Faktoren bestimmen den Kilowattstundenpreis der Zukunft: Die Stromerzeugung ist seit dem Abschalten des letzten Akw günstiger geworden und wird noch günstiger werden, denn Wind- und Sonnenkraft drücken die Preise. Zweitens fehlt es an Netzen, was derzeit im Jahr drei Milliarden Euro an sogenannten Redispatch-Kosten verursacht. Diese sinken, wenn die Netze gebaut werden. Die beiden Faktoren verbilligen den Strom. Was ihn auf der anderen Seite teurer macht, sind die Netz- und Systemkosten, um das Netz auch bei wenig Wind und Sonne stabil zu halten.
Frage: Und?
Antwort: Die Rechnung ist folgende: Über dem Bruchstrich stehen die Ausgaben. Unterm Bruchstrich steht die Menge des verbrauchten Stroms. Wenn es uns gelingt, immer mehr mit Strom zu heizen und Auto zu fahren – und alle an den Kosten beteiligen –, sinken für alle die Kilowattstundenpreise. Soll heißen: Je konsequenter Deutschland auf Elektrifizierung setzt, desto günstiger wird es für alle.
Frage: Geht die Rechnung tatsächlich auf, auch wenn die Netzkosten viel teurer werden als erwartet?
Antwort: Es stimmt: Die Netzkosten sind ganz klar unterschätzt worden. Und ich bin immer dafür, Fehler einzuräumen, um daraus zu lernen. Es gibt aber auch einen positiven Irrtum: Die Stromerzeugung durch Wind- und Solarkraft geht schneller und wird günstiger als prognostiziert. Niemand hätte mit dem Ausbautempo und den inzwischen erzeugten solaren Strommengen gerechnet, was ja schon zu Negativpreisen für Strom führt.
Frage: Dem Staat fehlt das Geld, um die Rechnung zu bezahlen. Also müssen es die Industrie und die Haushalte schultern.
Antwort: Es gilt die Regel: Wer die Netze nutzt, muss auch für die Netze zahlen. Also Haushalte, Gewerbe und Industrie. Um die Kosten zu senken, müssen wir den Ausbau effizienter und schneller hinbekommen. Zum Beispiel durch die Beschleunigung der Verfahren und die Bündelung von Trassen. Daran wird mit Hochdruck gearbeitet, das spart schon jetzt viel Geld. Und wir müssen uns auf ein flexibleres und digitales Stromnetz einlassen. Dass all das länger gedauert hat, wird zurecht kritisiert. Aber das Tempo zieht endlich an.
Frage: Robert Habeck will die Kosten mit einem Armortisationskonto strecken und den kommenden Generationen aufhalsen. Muss das sein?
Antwort: Ob ein Amortisationskonto das richtige Instrument zur Finanzierung der Stromnetze ist, muss die Politik entscheiden. Ich rate dazu, alle Optionen zu nutzen, die Kosten zu drücken.
Frage: Auch durch Freileitungen statt Erdkabel für noch nicht durchgeplante Stromautobahnen?
Antwort: Wir haben berechnet, was sich durch Freileitungen sparen ließe, und sind auf eine Summe von 16,5 Milliarden Euro gekommen. Gleichzeitig haben wir nach der geltenden Gesetzeslage mit Erdkabeln weiter geplant. Und wir sind in den letzten anderthalb Jahren sehr gut vorangekommen. Sollte die Politik jetzt doch noch einen Kurswechsel vollziehen, würde das zu einer signifikanten Verzögerung und folglich zu erheblichen Mehrkosten führen. Wir sollten jetzt Kurs halten.
Frage: Welche anderen Optionen sehen Sie?
Antwort: Mit einer zeitlichen Staffelung der neuen Netzausbauprojekte können wir kostspielige Spitzen bei den erforderlichen Ressourcen von Mensch und Material vermeiden. Das vermeidet Kosten, die entstehen, wenn man alles gleichzeitig machen will. Bis 2037, dem Zieljahr der aktuellen Ausbauplanungen ist ausreichend Zeit für eine solche Staffelung, ohne eine Inbetriebnahme spätestens 2037 aus den Augen zu verlieren.
Frage: Der Klimaschutz muss warten?
Antwort: Niemand will die Klimaschutzziele aufgeben. Aber wir müssen den Fahrplan anpassen, an das, was möglich und bezahlbar ist. Es macht auch keinen Sinn, Leitungen durchs Meer zu legen, bevor die Windräder vor den Küsten Strom liefern. Es geht um eine kluge Staffelung, nicht um ein Aufschieben der Energiewende.
Frage: Was wird aus dem Versprechen, Stromkosten für Bürger und Unternehmen in Regionen mit besonders vielen Windrädern und Solarparks zu senken?
Antwort: Das Versprechen wird schon bald eingelöst! Wir haben unsere Pläne für die Strompreisreform, die die Netzentgeltkosten gerechter verteilt, gestern abgeschlossen. Bis Mitte Oktober werden die neuen Netzpreise ermittelt. Zum Jahreswechsel greift die Entlastung.
Frage: Was haben Haushalte in den Nordländern davon?
Antwort: Nach einer Berechnung mit den Zahlen vom letzten Jahr würden die betroffenen Regionen um insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro an Netzentgeltkosten entlastet. Ein Haushalt aus einer Region mit viel erneuerbarer Stromerzeugung kann sich nach diesen Zahlen auf Einsparungen von bis zu 170 Euro pro Jahr freuen. Aktuelle Zahlen haben wir im Oktober. In Ländern, die hinterherhinken, wird der Strom etwas teurer. Investiert eine Region danach zum Beispiel stark in Windkraft, profitiert sie auch von einer Entlastung.
Frage: Sie planen eine zweite Netzentgelt-Reform. Die Industrie soll mit Billigtarifen dazu gebracht werden, in sonnen- und windreichen Zeiten besonders viel zu produzieren. Bei Flauten würden durch hohe Netzentgelte Anreize geschaffen, die Bänder anzuhalten. Die Wirtschaft stöhnt über einen “Gaga-Plan”...
Antwort: Wir haben einen Protestbrief erhalten und haben ihn zeitnah und freundlich beantwortet. Allerdings wissen auch die Absender: An einer Reform führt kein Weg vorbei. Die energieintensive Industrie profitiert seit vielen Jahren von massiven Subventionen beim Strompreis – auf Kosten von Privathaushalten, Gewerbekunden und den übrigen Industriebetrieben. Die rechtliche Grundlage für diese Rabatte läuft Ende 2028 aus. Dass Brüssel grünes Licht für eine Verlängerung der gängigen Praxis geben könnte, glaubt niemand. Deswegen haben uns Industrieverbände schon vergangenes Jahr aufgerufen, an einer Anschlusslösung zu arbeiten, denn die Bundesnetzagentur ist dafür zuständig.
Frage: Was schlagen Sie denn vor?
Antwort: Die EU wird neue Vergünstigungen nur dann erlauben, wenn sie einen Verbrauch fördert, der dem auf erneuerbare Energie umgestellten System “dient”. Wenn also besonders viel produziert wird, wenn besonders viel Strom vorhanden ist, und wenn bei wenig verfügbarem Strom die Produktion gedrosselt wird. Deswegen haben wir in einem ersten Schritt bei Unternehmen angefragt, wer in welchem Maße flexibel produzieren könnte. Für viele wäre es schon möglich, sie würden sofort bei der Reform Geld sparen. Andere Unternehmen bräuchten Zeit für eine Umstellung, die sie auch erhalten würden. Es gibt eine dritte Gruppe, die ihre Produktion nicht wirklich an der Verfügbarkeit von grünem Strom ausrichten kann. Hier wollen wir sehr genau schauen, was möglich ist. Und für diesen Kreis will auch die Bundesregierung eine Lösung finden.
Frage: Wie geht es weiter?
Antwort: Bis Mitte September warten wir auf Antworten der Unternehmen, die wir dann auswerten. Zugleich werden wir viele Gespräche mit der Branche führen. Erst danach wollen wir einen ersten Entwurf vorlegen. Bis zu den finalen Beschlüssen wollen wir uns bis Ende kommenden Jahres Zeit nehmen, der Industrie aber möglichst früh Planungssicherheit geben.
Frage: Neben den immensen Netzkosten beschert der Wildwuchs beim Solar-Ausbau Probleme. Wie dringlich sind die?
Antwort: Der massive Ausbau und die privaten Investitionen in Solaranlagen ist sehr erfreulich. Das ist kein Wildwuchs. Gleichzeitig muss der Netzausbau vor Ort damit Schritt halten. Und die Einspeisung sollte sich künftig am Marktpreis und damit am Verbrauch orientieren. Die Flexibilität die wir von der Industrie haben möchten, wollen wir auch den Einspeisern der Erneuerbaren abverlangen.
Frage: Zu viel Sonnenstrom – was lässt sich dagegen tun?
Antwort: Es führt kein Weg daran vorbei, neue Solaranlagen steuerbar zu machen. Sie müssen auf den Markt reagieren, also die Einspeisung stoppen, wenn niemand für den Strom bezahlen will. Zudem müssen die Verteilnetzbetreiber in die Lage versetzt werden, bei kritischen Netzsituationen Solaranlagen zu steuern, um die Netze stabil zu halten. Die Gesetzesänderungen dafür muss der Bundestag ab diesem Herbst verabschieden. Dann können alle Akteure das alles schnell genug an den Start bringen.
Frage: Fliegt uns sonst die Energiewende um die Ohren?
Antwort: Nein. Es braucht aber einen entschlossenen und klaren Kurs. Es geht nicht darum, den Solarausbau zu bremsen. Es gilt aber, die technischen Möglichkeiten auszureizen, etwa wenn Solaranlagen um Speicher ergänzt sind, dann kann überschüssiger Strom gespeichert und nicht abgeregelt werden. Wir müssen die Interessen der Investoren und des Systems besser als bisher aufeinander abstimmen.
Frage: Würde es reichen, neue Anlagen steuerbar zu machen?
Antwort: Das ist der Plan. All das pragmatisch umzusetzen ist zugegebenermaßen ein schwieriger Auftrag für alle Akteure. Da müssen wir jetzt ran.
Frage: Solar-Boom, aber die Windkraft, die viel stabiler Strom liefert, ist auch nach drei Jahren Ampel und Robert Habeck nicht in Gang gekommen. Und die Wut gegen neue Windparks im Osten und in Süddeutschland wächst und wächst. Lauert hier nicht eine noch völlig unterschätzte Gefahr?
Antwort: Mit Blick auf die Genehmigungszahlen sehen wir auch beim Windkraftausbau an Land einen positiven Trend. Wenn sich das fortsetzt, kann das Jahr 2024 den Turnaround bringen. Aber es stimmt, es gibt eine Anti-Windkraft-Stimmung, die auch politisch geschürt wird. Dort, wo die Kommunen an den Erträgen von Windparks beteiligt werden und sich die Leute nicht von Investoren aus Hamburg oder Berlin abgezockt fühlen, dort ebben die Proteste allerdings rasch ab. In Bayern und Baden-Württemberg gibt es inzwischen mancherorts Zustimmung zu neuen Anlagen, die lange Zeit nicht möglich war. Auch in Ostdeutschland machen Investoren Ansiedlungen davon abhängig, ob ein Windpark in der Nähe steht. Wer Wirtschaftswachstum will, braucht erneuerbare Energien.
Frage: Wagen Sie eine konkrete Ansage, bis wann es gelingt, genug billigen grünen Strom zu erzeugen und zu verteilen, so dass die Strompreise stabil sinken und die Wirtschaft wieder wächst? Oder müssen wir uns ehrlich machen und sagen: Es geht anderswo billiger, wir können scheitern?
Antwort: Wir setzen alles daran, dass Strom in Deutschland bezahlbar bleibt und bezahlbarer wird. Und es liegt auf der Hand, was dafür zu tun ist: Erneuerbare Energien steuerbar ausbauen. Stromnetze beschleunigt ausbauen. Digitalisieren, was das Zeug hält. Wird das beherzt angepackt, dann wird unser Weg gelingen. Wann wir das Ziel erreichen, das weiß die Glaskugel.