Berlin  Pflicht zu Smart Metern: Werden Stromkunden zum Spielball der Preise?

Sophie Wehmeyer
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Von Sophie Wehmeyer
| 30.08.2024 13:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Intelligente Stromzähler oder tickende Zeitbombe? Smart Meter sind die Stromzähler der Zukunft. Foto: dpa/Thüga AG/Juergen Scheere
Intelligente Stromzähler oder tickende Zeitbombe? Smart Meter sind die Stromzähler der Zukunft. Foto: dpa/Thüga AG/Juergen Scheere
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Mit der Pflicht zu dynamischen Stromtarifen soll die Energiewende Fahrt aufnehmen – doch für wen? Das Smart-Meter-Gesetz des Wirtschaftsministeriums wird zum Drahtseilakt. Für welche Haushalte lohnen sich die Tarife trotzdem und was halten Stromanbieter davon?

Bis 2032 sollen sie flächendeckend zum Einsatz kommen: Smart Meter, die intelligenten Stromzähler, die mehr als nur Strom zählen. Sie messen, analysieren und liefern intime Daten über den Energieverbrauch. 

Ermöglicht werden soll dieser Vorstoß in der Energiewende durch das Smart-Meter-Gesetz. Dieses legt einen festen Ablaufplan zu Einbau und Verbreitung der intelligenten Stromzähler fest, die nötig sind, damit Stromanbieter dynamische Tarife bereitstellen können. Bis 2025 müssen dann alle Stromversorger diese Tarife anbieten, teilt das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz mit.

Dynamische Stromtarife, permanente Verbrauchsdaten und die Kontrolle über den eigenen Stromverbrauch – all das soll bald Realität werden. Doch wer profitiert wirklich davon? Ist der gesetzliche Rollout von Smart Metern die versprochene Entlastung oder eine ungewollte Verpflichtung?

Ab 2025 wird der Einbau von Smart Metern für Betreiber von Stromerzeugungsanlagen mit einer installierten Leistung von sieben bis 100 Kilowatt und für bestimmte Verbrauchergruppen mit einem Verbrauch von 6000 bis 100.000 Kilowattstunde pro Jahr zur Pflicht. Bis 2030 sollen dann 95 Prozent der Verbraucher und Betreiber mit dem intelligenten Messsystem ausgestattet sein.

Dieser flächendeckende Einsatz intelligenter Stromzähler soll die Grundlage für ein klimaneutrales Energiesystem schaffen und die Netzstabilität durch bessere Steuerung von Verbrauch und Erzeugung sichern. Die ehrgeizigen Ziele werfen jedoch die Frage auf, ob das Stromnetz und die Energiebranche für diesen Umbruch gerüstet sind.

Die Einführung der Smart Meter soll laut Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz schrittweise erfolgen, um den Messstellenbetreibern Zeit zu geben, ihre Prozesse anzupassen und Erfahrungen zu sammeln. Die „Warmlaufphase“ soll der Branche die Möglichkeit bieten, sich auf den verpflichtenden Rollout vorzubereiten und die Smart Meter sollen durch Updates schrittweise immer intelligenter werden.

Doch wie gut sind Deutschlands Stromanbieter wirklich auf diese Umstellung vorbereitet? Dazu teilt ein Sprecher des Energiekonzerns EWE, der in der Region zu den führenden Anbietern zählt, mit: „Wir haben in unserem Netzgebiet – noch vor dem Start des verpflichtenden Smart Meter-Rollouts ab 1. Januar 2025 – bereits mehr als 28.000 intelligente Messsysteme, also Smart Meter installiert. Wir halten die Rollout-Ziele für realistisch und sind optimistisch, sie sicher zu erreichen“. Insgesamt zählt der Energiekonzern 849.459 Strom-Hausanschlüsse (Stand 2023).

Das Gesetz sei weniger als eine Belastung, sondern viel mehr als eine Chance zu sehen: „Der Smart Meter-Rollout ist für uns ein wichtiger Baustein, um die Klimaziele zu erreichen und die Energiewende entscheidend voranzutreiben.“

Die Energiewende werde außerdem nicht nur auf den Schultern der Energiekonzerne ausgetragen, sondern betreffe jeden einzelnen Verbraucher: „Früher floss der Strom nur in eine Richtung, nämlich vom Kraftwerk zu den Verbrauchern. Heute erzeugen auch viele Privatpersonen mit Photovoltaikanlagen Strom, sodass die Netze in beide Richtungen Strom transportieren müssen. Dafür braucht es ein intelligentes Stromnetz.“ Smart Meter seien dafür die richtige Lösung.

Dynamische Stromtarife bieten Verbrauchern die Chance, von Preisschwankungen zu profitieren, indem sie ihren Stromverbrauch auf einen günstigen Zeitpunkt verlegen. Die Umstellung kann aber auch zu einem unkalkulierbaren Risiko werden. Außerdem steht die Frage im Raum, wie sicher die Datenverarbeitung ist. Trotz der Datenschutzgarantien des Bundesministeriums bleibt die Skepsis, ob die Daten wirklich ausreichend geschützt sind und ob Verbraucher ausreichend über die Nutzung ihrer Daten informiert werden.

Das Gesetz markiert in mehrerer Hinsicht einen Wendepunkt für die Energiewirtschaft in Deutschland. Doch sind dynamische Stromtarife für alle Haushalte geeignet? Für wen lohnt sich die Umstellung wirklich?

Dynamische Stromtarife übertragen das gesamte Preisrisiko auf die Kunden. Schwankungen an der Börse können drastische Auswirkungen auf die Stromkosten haben, denn der Preis in Cent pro Kilowattstunde richtet sich nach dem Börsenpreis. Dynamische Tarife sind daher für normale Haushalte eher unattraktiv, teilt die Verbraucherzentrale mit.

Dennoch gibt es auch Haushalte, die von den dynamischen Tarifen profitieren können. Für Haushalte mit sehr flexiblen Verbräuchen könnte sich eine Umstellung auf Smart Meter lohnen. Dazu zählen laut Verbraucherzentrale Haushalte mit Elektroauto, Wärmepumpe oder Batteriespeicher. Diese könnten ihren Stromverbrauch in Zeiten von niedrigen Börsenpreisen verlagern und so Geld sparen.

Auch der EWE-Sprecher bestätigt, dass Kunden von den Schwankungen profitieren können: „Vor allem, wenn es gelingt, große Verbräuche – wie zum Beispiel das Laden des Elektrofahrzeugs – in die Tageszeiten zu legen, in denen der Strom an der Börse besonders günstig ist.“

Dadurch, dass es bei dynamischen Tarifen keinen festen Preis für den Strom gibt, müssen sich Verbraucher darauf einstellen, dass die Preise stündlich variieren können. Durch den Verzicht auf Abschläge sind die Stromkosten unberechenbar. Dies kann zu finanziellen Überraschungen führen, wenn die Börsenpreise steigen. Aufgrund der Unsicherheit bei der Preisentwicklung empfiehlt die Verbraucherzentrale deshalb, sich nur für Tarife mit kurzen Vertragslaufzeiten zu entscheiden.

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