Betrug per Telefon Zwei Freunde aus Timmel treffen Schockanrufe am selben Tag
In den letzten Monaten fegten Wellen von Schockanrufen durch die Landkreise Wittmund, Aurich und Leer. Zwei Timmeler berichten davon, wie es sich anfühlt, Opfer von Betrügern zu werden.
Timmel - Reiner Kruse und Heinz Rahn (Namen von der Redaktion geändert) sind beide 84 Jahre alt und kennen sich, seit sie vor vielen Jahrzehnten nach Timmel gezogen sind. Dabei hatten sie auch vorher nur sechs Kilometer voneinander entfernt gewohnt. Jetzt haben die beiden Freunde eine weitere, weniger schöne Gemeinsamkeit: Sie wurden am selben Tag Opfer von Schockanrufen. Für das Gespräch mit der Presse sitzen sie bei Heinz Rahn im Wohnzimmer auf dem Sofa und wollen von ihren Erfahrungen berichten. Auch wenn die beiden Betroffenen nicht namentlich mit dem Vorfall in Verbindung gebracht werden wollen: „Uns ist wichtig, dass die Leute wissen, was passieren kann und wie echt solche Anrufe klingen können“, sagt Reiner Kruse.
Der Schockanruf hatte ihn so sehr in Panik versetzt, dass sein frisch angezogenes Hemd schon nach kurzer Zeit durchgeschwitzt gewesen sei. „Zwei Nächte danach bin ich noch immer schweißgebadet aufgewacht“, erzählt Kruse. Die Anrufe erreichten beide am Mittwoch, 21. August 2024. „Bei mir klingelte das Telefon um etwa 15.15 Uhr“, erinnert sich Heinz Rahn. „Bei mir muss der Anruf irgendwann zwischen 15 Uhr und 17 Uhr eingegangen ein“, fügt Reiner Kruse hinzu. Als sie davon berichten, ist das Erlebnis gerade einmal vier Tage her – die Eindrücke sind noch frisch. „Ich weiß noch wie das Telefon klingelte, ich den Hörer abnahm und meinen Namen nannte“, sagt Heinz Rahn. Eins steht für ihn jetzt schon fest: In Zukunft wird er sich nur noch mit „Hallo“ melden.
Meistens geht es um einen Unfall mit Todesfolge
Erst am 25. Juli 2024 hatte diese Zeitung bereits von einer Welle von Schockanrufen in den Landkreisen Aurich und Wittmund berichtet. Einen Tag zuvor, am 24. Juli 2024, war ein Mann an der Sicherheitsschleuse des Amtsgerichts Wittmund erschienen, um eine große Summe Bargeld einzuzahlen. Den Beamten am Schalter kam das verdächtig vor – sie fragten nach. Dabei stellte sich heraus, dass der Mann zuvor einen Anruf erhalten hatte. Der Anrufer behauptete, die Tochter habe einen schweren Verkehrsunfall verursacht, bei dem eine schwangere Frau ums Leben gekommen sei. Die angebliche Tochter werde nun von der Polizei festgehalten und könne nur gegen eine hohe Kaution freikommen.
Das Ehepaar hob daraufhin einen sechsstelligen Betrag von der Bank ab. Zum Glück, so hieß es in der Mitteilung, entschieden sie sich, nicht auf den zweiten Anruf mit weiteren Anweisungen zur Geldübergabe zu warten, sondern gingen direkt zum Amtsgericht, um dort um Hilfe zu bitten. Zwar weichen die Geschichten, die Rahn und Kruse von den Betrügern aufgetischt wurden, von dieser Meldung ab. Doch auch bei ihnen spielten die Amtsgerichte Aurich und Wittmund eine Rolle. Dort sollte die Geldübergabe stattfinden. Auch bei ihnen ging es um einen Verkehrsunfall mit Todesfolge – und in beiden Fällen war es die Tochter, die nur gegen eine Kaution wieder freikommen würde.
„Vati, hörst du mich?“
„Vati, hörst du mich?“, hatte die Frauenstimme am Telefon gerufen, als Heinz Rahn den Hörer abnahm und seinen Namen nannte. Wie bei Reiner Kruse war es ein Anruf mit einer unterdrückten Nummer. Doch anders als Reiner Kruse schaltete Rahn schnell. Er hatte es aber auch viel leichter: „Ich habe nämlich gar keine Tochter“, sagt Rahn und kann inzwischen sogar darüber lachen. Aber selbst als er das am Telefon erwähnte, sei der Anrufer so hartnäckig geblieben, dass Rahn kurz darüber nachdachte, ob nicht seine Schwiegertochter am Telefon sein könnte. Doch die Skepsis siegte. „Ich habe dann schnell aufgelegt“, sagt Rahn. Sein Sohn meldete den Vorfall bei der Polizei.
„Es hieß dort, dass die Täter alte Telefonbücher nach kurzen Telefonnummern durchsuchen“, sagt Rahn. Die seien ein Hinweis auf Menschen, die schon lange an einem Ort leben. Auch Reiner Kruse und seine Telefonnummer passen in dieses Profil. Ältere Menschen sind häufig das Ziel der Telefonbetrüger. „Papa, ich habe einen Unfall gebaut“, habe Kruse die Stimme seiner Tochter sagen hören, bevor eine männliche Stimme das Gespräch übernahm und erklärte: „Hier ist die Polizei. Ihre Tochter ist auf der Polizeiwache, weil sie einer Frau die Vorfahrt genommen hat.“ Als Kruse das Gespräch wiedergibt, versucht er zu klingen wie der Anrufer.
„Vor dem inneren Auge läuft ein Film ab“
„Er hat das so gut gemacht, dass ich einfach nicht auf die Idee gekommen bin, dass es ein Betrug sein könnte“, sagt Kruse. Der angebliche Polizist sprach mit langen Pausen und habe eine sehr ruhige Stimme gehabt. „Die Betrüger müssen psychologisch geschult sein, so echt klingen sie“, sagt Kruse. Im Gespräch erfuhr er vom Anrufer, dass das Unfallopfer eine Mutter von drei Kindern gewesen sei und den Unfall nicht überlebt habe. „Vor dem inneren Auge läuft ein Film ab, aus dem man kaum rauskommt“, sagt Kruse. Im Gegensatz zu Rahn hat Kruse wirklich eine Tochter. Noch Tage später ist er sich sicher, am Telefon ihre Stimme gehört zu haben.
Als er mit seiner richtigen Tochter am Telefon später über den Vorfall sprach, habe sie ihm gezeigt, wie leicht es Betrüger inzwischen haben, Stimmen zu stehlen. Sie gab eine Stimmprobe von ihm in ein Programm ein ließ die KI damit arbeiten. „Es ist erschreckend, was heute alles möglich ist“, sagt Kruse. Trotzdem ging er den Betrügern nicht auf den Leim. Als der angebliche Polizist plötzlich eine Übergabe der Kaution bei der Staatsanwaltschaft ins Spiel brachte, von der er niemandem erzählen dürfe, wurde er stutzig. „Plötzlich war alles klar und ich habe nur noch mitgespielt“, sagt Kruse. „Wo ist ihre Dienststelle und wie lautet ihr Name?“, habe er gefragt. Das habe den angeblichen Polizisten aus dem Konzept gebracht.
Mehrere Wellen von Schockanrufen
„Ich sagte ihm dann auf den Kopf zu, dass er ein Betrüger ist“, fährt er fort. Selbst dann habe sich sein Gegenüber bemüht, nicht aus der Rolle zu fallen. „Ich kümmere mich um Ihre Tochter und Sie nennen mich einen Betrüger?“, habe er noch gefragt, sagt Reiner Kruse. Dann beendete er das Gespräch. Was Kruse jetzt noch im Kopf herumspukt ist die geforderte Summe der Betrüger, um die Tochter aus der Untersuchungshaft zu befreien. Die habe bei dem gleichen Betrag gelegen, über den er zuvor mit seiner Bank in einem anderen Zusammenhang gesprochen habe. Ob das ein Zufall ist? Seine Bank habe ihm versichert, dass er den Betrag nicht so einfach hätte abheben können.
„Angeblich sind die Angestellten darauf geschult, bei solchen Summen abzuklopfen, ob die Kunden auf einen Betrüger hereingefallen sind“, sagt Kruse. Bei der Betrugswelle im Juli hatte dieser Schutz jedoch nicht gegriffen. Bei einem 85-jähriger Auricher und einer 68-jährigen Auricherin hatten den Betrügern Glück und jeweils eine fünfstellige Summe ergaunert. Einen Tag nachdem bei Kruse und Rahn die betrügerischen Anrufe eingegangen waren, meldete auch die Polizei Leer/Emden eine Betrugswelle. Dabei sei festgestellt worden, dass die Betrüger eine künstliche Intelligenz eingesetzt hatten, um die Stimmen der Kinder zu imitieren. In diese Welle sind die beiden Timmeler wohl ebenfalls geraten.
Einen wichtigen Hinweis zum Schutz vor Schockanrufen gab Sabine Kahmann von der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund bereits in einem älteren Beitrag zu diesem Thema. Sie zählte Hinweise auf, bei denen spätestens alle Warnlampen angehen sollten: Eine Kaution zum Beispiel gebe es in Deutschland nicht. Gold und Schmuck würden Staatsbedienstete ebenfalls nicht fordern. Im Stress eines Schockanrufs sei dieses Wissen nicht immer abrufbar. „Die Menschen müssen innerlich einen Schritt zurücktreten“, sagte Kahmann, „und sich aus der emotionalen Falle befreien.“ Das gelte immer, wenn über Whatsapp, SMS, Telefon oder auf anderen Wegen Geld oder Wertgegenstände gefordert werden.